Mythos Seidenstrasse
Als der deutsche Geograf und Forschungsreisende Ferdinand von Richthofen im Jahr 1877 den Begriff «Seidenstrasse» prägte, hatten weite Teile Asiens die Kontrolle über ihr Geschick längst an westliche Mächte verloren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg – und dem Zerfall der Sowjetunion – konnten die Nationen zwischen der Levante und China ihre politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit wiedergewinnen. Damit ging eine Rückbesinnung auf die Blütezeit des Fernhandels zwischen dem Mittelmeerraum und Ostasien einher, der vom 4. Jahrhundert v.d.Z. an gut 1800 Jahre lang über die Seidenstrasse lief. Wie bereits auf Seite 7 der vorliegenden Ausgabe anhand einer Karte des amerikanischen Geopolitik-Spezialisten Ted Danforth erkennbar wird, handelte es sich bei der «Seidenstrasse» jedoch nicht etwa um einen einzelnen Karawanenweg, sondern um ein ganzes Netzwerk von See- und Überlandrouten.
Dieses Netzwerk wurde von Menschen aufrechterhalten, die gemeinsam vom Handel mit Seide, Gewürzen und anderen Luxusgütern profitierten. Bei diesem Vorläufer der modernen Globalisierung spielten von Anfang an auch jüdische Händler und Reisende eine bedeutsame Rolle. Dies stellt im Überblick der im kanadischen Montreal lehrende Religionshistoriker Richard Foltz dar. Demnach operierten jüdische Händler zunächst von ihrem Exil in Babylon und Persien aus, ehe sich im Lauf der Jahrhunderte Gemeinden entlang der gesamten Seidenstrasse bis nach China hinein niederliessen. Foltz macht zudem deutlich, dass die geschäftlichen Kontakte zwischen den zahlreichen Völkerschaften entlang der gut 6000 Kilometer vom Mittelmeer bis zur Seidenmetropole Xi‘an in der zentralchinesischen Provinz Shaanxi zu einer gegenseitigen kulturellen Befruchtung beigetragen und auch in der jüdischen Religion bleibende Spuren hinterlassen haben.
Monica Strauss und Gundula Tegtmeyer führen auf die Spuren jüdischer Händler und Reisender im Mittelalter, die bis in unsere Tage hinein nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Autoren wie den Inder Amitav Gosh inspirieren. Der Zürcher Historiker Alexander Alon macht indes anhand des angeblich aus dem 13. Jahrhundert stammenden Reiseberichts «Stadt des Lichts» deutlich, dass Reportagen von der Seidenstrasse mitunter eher die persönlichen Obsessionen Nachgeborener reflektieren können, als tatsächliche Erlebnisse in Kashgar oder Samarkand.
Wie Katja Behling erklärt, waren jüdische Händler wie die in Mesopotamien heimische Sassoon-Dynastie auch nach dem durch das Aufkommen westlicher Seemächte und der Hinwendung Irans zum Schiitentum um 1500 bedingten Kollaps des Systems Seidenstrasse erfolgreich im Fernhandel mit Ostasien tätig. Heute haben sich die Gewichte entlang der klassischen Handelswege in Zentralasien, aber auch zwischen Ost und West insgesamt erneut verschoben. Während Michael Brenner, Professor für internationale Beziehungen in Pittsburgh, mit Sorge das nun ins zehnte Jahr gehende Engagement des amerikanischen Militärs an der Seidenstrasse betrachtet, sieht Aufbau-Redakteur Andreas Mink eine bedenkliche Parallele in den west-östlichen Wirtschaftsbeziehungen: Da Rom dem Reich der Mitte keine der Seide ebenbürtigen Waren zu bieten hatte, bemühten sich die Imperatoren vergebens, den Abfluss von Gold und Silber nach China zu verhindern. Heute finanziert Amerika seine gigantischen Importe aus Fernost nicht einmal mehr aus eigenen Mitteln, sondern über Kredite aus China. Weder das römische, noch das amerikanische Modell sind wirtschaftlich oder politisch sinnvoll. ●