Mystik – Die verborgene Innenseite der Thora

Interview Brigitta Rotach, November 18, 2011
Auf Einladung der Tagung «Mystik im Judentum und Islam» besuchte der Rabbiner Wissenschaftler, Kalligraph und Sänger Gabriel Hagai Zürich. Unter anderem sang er mit dem Ensemble Tarîqa Boutchîchiyya andalusische Lieder auf Arabisch und Hebräisch. Wie aber kommt ein Rabbiner dazu, zusammen mit seinen Sufi-Freunden religiös zu praktizieren? Wie passt Mystik zu orthodoxem Judentum und wie «Unio mystica» zu Weltengagement?
GEMEINSAM DIE PRÄSENZ GOTTES ANERKENNEN Mystiker Gabriel Hagai und Soraya Ramjane von der International Sufi School

Tachles: Sie sind orthodoxer Rabbiner und auch als Meister der Mystik initiiert. Eine überraschende Kombination.
Hagai: Ich wurde initiiert in einer mystischen Tradition des Judentums, welche hauptsächlich in Nordafrika weitergegeben wird. Aber keine mystische Tradition kann ausserhalb der Orthodoxie überleben. Wir respektieren die exoterische Praxis des Judentums, geben ihr aber eine innere Bedeutung, die spirituell, mystisch ist. Denn Geist ohne Form ist leer, wie umgekehrt Form ohne Geist keine Bedeutung hat.

Sehnsucht nach mehr Bedeutung ist heute verbreitet. So in den New-Age-Bewegungen der verschiedenen Religionen. Geht es ihnen darum, mit Hilfe mystischer Praxis wieder mehr Erfahrungsgehalt und Gefühl in die Religion einzuführen?
Nein, wir sind keine New-Age-Bewegung. Es geht nicht darum, eine trockene Praxis wieder lebendig machen zu müssen. Wir haben eine sehr alte Praxis zusammen mit der mystischen Erklärung empfangen.

Aber nicht alle Juden sind Mystiker.

Mystik im Judentum hat immer nur wenige angesprochen  – wir unterziehen uns einer Initiation, was viel Zeit, Engagement, Disziplin und auch Härte gegenüber sich selber verlangt. Das ist nicht jedermanns Sache.

Welche Art von Disziplin?
Man muss sehr viel üben, früh aufstehen, wenig schlafen, viel fasten, Retreats machen, beten mit «kavana», überhaupt alles im Leben mit «kavana» machen …

Dennoch gibt es eine grosse Faszination für Mystik heute. Zu denken ist etwa an Madonna, die eine Anhängerin der Kabbala wurde.
Innerhalb der mystischen Tradition sprechen wir kaum von Kabbala, sondern einfach von der verborgenen Innenseite der Thora. Der Begriff Kabbala wird oft missbräuchlich gebraucht. Viel Scharlatanerie wird damit getrieben. Wo immer Geld im Spiel ist, wird es problematisch. Von gewissen «Fake-Kabbalisten», die sich mit wallender «djellaba» und dunklen Brillen stylen, um im Ausland viel Geld zu machen, halte ich gar nichts. Die Thora ist gratis, und zwar für alle und zu allen Zeiten.

Die Betonung der Thora ist eines. Sie arbeiten aber auch eng mit Muslimen zusammen, besonders mit Sufis.
Ich fühle mich Sufis, wie der Sufi-Freundin Soraya Ramjane (siehe Bild) von der International Sufi School, näher als solchen Mitgliedern meiner eigenen orthodoxen Gemeinde, die absolut verschlossen sind gegenüber Spiritualität und sich für jüdischen Exklusivismus stark machen.
Seit ich nicht mehr in Israel lebe, komme ich auch mit vielen anderen Mystikern in Kontakt, Buddhisten, Hindus, Sikhs und Christen. Aber das Verhältnis zu den Sufis ist für uns sephardische Juden aus dem Nahen Osten und dem Maghreb speziell. Wir teilen die gleiche Kultur, die nahöstliche, arabische Kultur. Unser Kontakt ist unmittelbar und hatte eine jahrhundertelange Tradition.

Wenn Sie mit Sufis zusammen singen, wie Sie es hier in Zürich getan haben, könnte der Eindruck entstehen, Sie vermischen die Religionen.
Nein, es geht nicht um Synkretismus. Synkretismus ist schlecht, bedeutet, die Kohärenz der Praktiken zu vermischen. Jeder spirituelle Weg ist in sich selber schlüssig. Synkretismus pickt von allen heraus, was gerade angenehm ist.

Aber machen Sie mit Ihren Sufi-Freunden nicht genau das?
Ich erkenne zusammen mit den anderen die Präsenz Gottes an. Ich singe mit ihnen als meine Praxis und sie singen mit mir als ihre Praxis. Wir mischen nicht unsere Wege. Es ist wichtig, einen spirituellen Weg zu wählen und ihm dann zu folgen. Dazu braucht es viel Disziplin. Denn es geht darum, sich selber zu ändern, an den eigenen Schattenseiten zu arbeiten. Und das kann schmerzhaft sein. Wer von allem ein bisschen nimmt, umgeht die Herausforderung und bleibt an der Oberfläche.

Ist die Arbeit an den eigenen dunkeln Seiten das Ziel der Mystik?
Es ist Teil des Weges. Ziel ist die Realisation der wahren Natur. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen. Unsere Seele ist Gott. Das ist das mystische Geheimnis. Wir haben bloss zu realisieren, dass wir eins mit Gott sind. Diese Einswerdung mit Gott zu erlangen ist das Ziel der Menschheit. Das ist die wahre Schönheit.

Wenn es um die «Unio mystica» geht, den Aufstieg der Seele zu Gott, warum verwenden Sie so viel Mühe auf die Führung eines orthodoxes Leben?
Das Gesetz ist wunderschön. Die Unendlichkeit Gottes koexistiert mit mir, der ich in dieser relativen Zeit und diesem beschränkten Körper bin, mit diesem relativen Gedächtnis, mit diesen relativen Dingen. Als relatives Wesen bin ich bezogen auf die Andersheit Gottes in einer Dualität. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Eines ohne das andere hat keine Bedeutung. Pure Einswerdung  mit Gott hilft der Menschheit nichts, angesichts von Armut, Gewalt und Krieg. Aber zu erfahren, dass alles im Einssein aufgeht und sich gleichzeitig radikal in dieser vorläufigen Welt zu engagieren, das ist der mystische Weg.