Musterjude Heinz Berggruen?

Von Valerie Wendenbrug, November 25, 2011
Eine neue, in der Schweiz herausgegebene Biografie über den weltbekannten Kunstsammler Heinz Berggruen löste in Deutschland ein mediales Erdbeben aus: Die Autorin Vivien Stein beschreibt Berggruen als unmoralischen Geschäftsmann, der auch seine jüdische Herkunft einsetzte, um Geschäfte mit der Bundesrepublik Deutschland zu machen.
HEINZ BERGGRUEN Die neue Biografie stellt den Kunstammler als skrupel- und gewissenlosen Geschäftsmann dar

Die Kunst- und Kulturszene in Deutschland ist in Aufruhr: Nachdem das Buch «Heinz Berggruen. Leben und Legende» von Vivien Stern am vergangenen Samstag positiv in der «Süddeutschen Zeitung» besprochen wurde, hagelt es scharfe Kritik an ihrem neu erschienenen Buch. Dass die Biografie die Gemüter erhitzt, ist kaum verwunderlich, greift es doch mit dem 2007 verstorbenen Heinz Berggruen nicht nur einen gerade für Berlin bedeutenden Kunsthändler an. Es geht auch um die Rolle, die Berggruen als Überlebender des Holocaust und als Heimkehrer nach Berlin gespielt hat: Die Sammlung Berggruen ist aus der deutschen Hauptstadt nicht mehr wegzudenken, sie steht als Symbol für eine Geste der Versöhnung, mit der Berggruen seine Bilder im Jahr 2000 für 253 Millionen Mark an die Stiftung Preussischer Kulturbesitz verkauft hat. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte sich, angeregt durch Kulturstaatsminister Michael Naumann, für den Erwerb der Kollektion eingesetzt.
Vivien Stein, die selbst jüdisch ist, wird vorgeworfen, ein «windiges Werk» verfasst zu haben und Antisemitismus zu schüren («Welt online»), der Berliner «Tagesspiegel» nannte das Werk «prall gefüllt mit Infamitäten, aber auch peinlichen Ausrutschern». Auf «Spiegel online» heisst es: «Beim Versuch, den jüdischstämmigen Mäzen zu demontieren, schreckt sie nicht vor antisemitischen Klischees zurück.»

Ein deutscher Musterjude

Die Autorin Vivien Stein hat mit einer solch «niveaulosen Kritik» ihres Buches nicht gerechnet: «Die meisten meiner Kritiker haben das Buch offensichtlich gar nicht gelesen», sagt sie im Gespräch mit tachles, und sie fährt fort: «Dass ich des Antisemitismus bezichtigt werde, ist absurd.» Ihr Anliegen sei es gewesen, die «skrupellosen Geschäftspraktiken» von Heinz Berggruen aufzuzeigen, dem offenbar jedes Mittel recht war, um mit Kunst Geld zu verdienen. Entscheidend ist aus ihrer Sicht aber auch, dass namhafte deutsche Persönlichkeiten wie Michael Naumann Berggruen «benutzt haben, um ihrerseits gut dazustehen und einen Moment der Versöhnung zu zelebrieren». Vivien Stein bedauert, dass es in Deutschland «allein aus dem Grund nicht möglich ist, objektiv oder gar kritisch über Heinz Berggruen zu schreiben, weil er Jude war».
Mittlerweile seien die vehementen Reaktionen auf die Biografie ein Teil ihres Buches geworden, und das Traurige sei, dass es nun kaum mehr jemand ernsthaft lesen werde. Stein betont: «Ich bereue nicht, es geschrieben zu haben, ich konnte die Ergebnisse meiner Recherchen nicht einfach verschweigen, doch mein Versuch, auf gewisse Themen aufmerksam zu machen und eine konstruktive Diskussion einzuleiten, bleibt nun aber leider im Raum stehen. Sie habe unterschätzt, so Stein, inwieweit der Umgang der Deutschen mit Juden noch immer speziell sei: «In Deutschland habe ich keinen Verleger gefunden. Kein deutscher Verlag kann es sich erlauben, sich kritisch mit Heinz Berggruen auseinanderzusetzen, da er als so etwas wie ein deutscher Musterjude gilt.»

Zu wenig harte Fakten

Hanno Rauterberg, Redakteur der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», hat die Biografie gelesen und sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. Er bemängelt, dass das Buch kaum «harte Fakten» liefere, die Heinz Berggruen strafbares Handeln nachweisen würden: «Es gibt nichts wirklich Illegales, das Stein ihm beweisen könnte. Wohl auch deshalb versucht sie über weite Passagen nachzuweisen, dass Berggruen ein verschlagener, moralisch korrupter Mensch gewesen sei.» Dies allein reiche aber nicht aus, um ihn vom Sockel zu stossen, sagt Rauterberg. Es sei ja allgemeinhin bekannt, dass im Kunsthandel nicht alles so sauber vonstatten gehe, wie man es gerne hätte. «Sammler neigen dazu, bestimmte Museen gegeneinander auszuspielen, da ist Berggruen sicher kein Einzelfall», so Rauterberg gegenüber tachles.
Nachvollziehbarer findet er die detaillierten Ausführungen Steins über die Tatsache, dass zahlreiche Leute Heinz Berggruen funktionalisiert haben, um in Deutschland öffentlich einen Wundenschluss zu zelebrieren. Auch der gefeierte «Akt der Schenkung» der Sammlung Berggruen – die ja keine Schenkung war, sondern ein Kauf – könne infrage gestellt werden: «Dass das Vivien Stein ein bisschen merkwürdig vorkommt, das kann ich verstehen», so der Journalist, Kunst- und Architekturkritiker. Die Vorwürfe, die Stein Berggruen macht, sind aber aus der Sicht von Rauterberg nicht stichhaltig und zu wenig konkret.

Keine sachliche Diskussion

Verlegerin Anne Rüffer, die nun mit ihrem neuen Verlag Edition Alpenblick in den Schlagzeilen steht, sagt gegenüber tachles: «Ich bin kein Freund von Skandalen, sie führen am Thema vorbei.» Für die Antisemitismus-Vorwürfe hat Rüffer keinerlei Verständnis – und sie zeigt sich sehr erstaunt darüber, dass es in Deutschland offenbar Fragen gibt, die in der Öffentlichkeit nicht gestellt und schon gar nicht diskutiert werden dürfen. «Das Buch von Vivien Stein ist exzellent recherchiert und glänzend geschrieben. Die Autorin wollte mit ihrer Arbeit Transparenz schaffen, damit sich eine solche Geschichte nicht wiederholt», so Rüffer. Sie bedauert – ebenso wie Stein – dass die Leserschaft sich viel zu wenig mit der Materie auseinandersetze: «Der Skandal um das Buch schadet der Sache an sich. Wenn man es auf die Skandal-Ebene reduziert, statt sich ein eigenes Bild zu machen, kann keine sachlich-fundierte Diskussion geführt werden.»

Ein Wespennest

Der emeritierte Zürcher Philosophieprofessor Georg Kohler ist Vorsitzender des Verwaltungsrats des Verlags Edition Alpenblick, in dem die Biografie erschienen ist. Im Gespräch mit tachles sagt er, dass ihn die Reaktion auf das Buch nicht wirklich wundere: «Mir war klar, dass Vivien Stein in ein Wespennest sticht – nun müssen wir die Stiche auch aushalten.» Er habe die Berggruen-Biografie unterstützt, da es seiner Meinung nach möglich sein müsse, gut belegte Fakten innerhalb einer liberalen Öffentlichkeit zu diskutieren. Dass die Deutschen nun mit einem «reflexartigen Philosemitismus» auf das Buch reagieren, anstatt auf die Fakten einzugehen, stimmt ihn nachdenklich: «Die deutsche Schuldfrage ist noch immer geprägt von einen Schuldkomplex, der den sachlichen Umgang mit der Materie erschwert.» Aus Kohlers Sicht müsse es möglich sein, in Deutschland seriös über die schlechten Eigenschaften eines Menschen zu diskutieren – auch wenn dieser Mensch jüdisch war: Heinz Berggruen sei eben nicht «Nathan der Weise» gewesen, sondern eher «Heinz der Schlaue», so Kohler. Diese Tatsache allein mache noch keinen Skandal aus und müsse gesagt werden dürfen.   


Vivien Stein: Heinz Berggruen. Leben und Legende, Edition Alpenblick, Zürich 2011.