Musik als Traumabewältigung
von Dania Zafran
Die kleine nordisraelische Stadt Maalot-Tarshiha, nur gerade zehn Kilometer von der libanesischen Grenze entfernt und auf einem Plateau in den grünen, pittoresken Hügeln des nördlichen Galiläa gelegen, ist den Israeli aus tragischen Gründen ein Begriff. 1974 drangen palästinensische Terroristen in eine Schule der Stadt, hielten die Kinder als Geiseln und töteten 22 von ihnen. Während des zweiten Libanon-Kriegs im Sommer 2006 sodann heulten hier wie in ganz Nordisrael täglich die Sirenen; an die 800 Katjuscha-Raketen fielen auf Maalot-Tarshiha und hinterliessen Tote, Verletzte und nicht zuletzt eine traumatisierte Bevölkerung.
Maalot-Tarshiha hat einen Weg gefunden, mit den Traumata umzugehen: mit Musik. 30 Prozent der 23000 Bewohner machen Musik, über 3500 Kinder lernen ein Musikinstrument. Dies erzählt Bezalel Dahan, Leiter des Daniel & Constance de Picciotto Music Conservatory, das mitten in der Stadt auf einer leichten Erhöhung liegt. Ursprünglich vor 15 Jahren von der Schweizer Wizo mitgegründet, hat die Musikschule in den letzten Jahren expandiert und konnte dank eines grosszügigen Spenders aus Genf in ein neues, hochmodernes Gebäude ziehen. Dahan ist stolz auf die Schule, die Kindern, Jugendlichen und zuweilen auch Erwachsenen Musikunterrichtet bietet und diverse Bands, Kammermusikensembles, Chöre und Orchester führt. «Wir sind einzigartig», freut sich Dahan, und spricht damit die Zusammensetzung der Schülerschaft an, die gleichzeitig auch die Bevölkerung von Maalot-Tarshiha widerspiegelt: s äkulare und orthodoxe Juden, russische Einwanderer, arabische Muslime. Die Musikschule ist ein Potpourri an Menschen unterschiedlicher Herkunft, das zuweilen einzigartige Kombinationen hervorbringt: Der muslimische Araber aus Tarshiha, der den Chasanut-Chor leitet, in dem Drusen und Juden singen.
Neue Musikkultur
Maalot wurde 1957 von Juden aus Nordafrika gegründet und schloss sich kurz danach mit Tarshiha zusammen, einem arabischen Dorf, aus dem die Bewohner 1948 mehrheitlich geflüchtet waren. Heute teilen sich die beiden Ortschaften ein Stadthaus und eine Regierung, in der sowohl Juden als auch Araber sitzen. Shlomo Buhbut, seit mehr als 30 Jahren Bürgermeister des Ortes, hat viel für die in den letzten Jahren positive Entwicklung der Kleinstadt getan. Sein Credo: «Es reicht nicht, Immigranten aufzunehmen, man muss sie auch integrieren». In den frühen neunziger Jahren, mit der grossen Immigrationswelle aus Russland, liessen sich viele Neueinwanderer in Maalot nieder. Sie brachten eine neue Kultur mit, in der Musik eine wichtige Rolle spielt. Bürgermeister Buhbut wollte, dass diese «gute Bevölkerung», wie er sie nennt, in der Stadt wohnen bleibt, und suchte nach einer Beschäftigung für die vielen arbeitslosen russischen Musiker. So entstand die Idee einer Musikschule, die allen offen stehen und zudem völkerverbindend sein soll.
Gleich am Eingang der Schule steht ein Luftschutzbunker, aus dem Geigenspiel klingt. Eine Schülerin übt mit Galina, ihrer Lehrerin, ein neues Stück ein. In diesem Bunker musizierten die Kinder auch im Sommer 2006 mit ihren Lehrern, während draussen die Raketen fielen. «Maalot ist in den letzten Jahren zum Musikzentrum der Gegend geworden», freut sich Schuldirektor Dahan. Schüler aus der ganzen Gegend kommen nach dem obligatorischen Schulunterricht nach Maalot in die Musikstunde. Unterrichtet werden alle möglichen Instrumente, «kürzlich wünschte sich ein Kind sogar Handorgelunterricht, und wir versuchen, jeden Wunsch zu erfüllen», so Dahan. Die Schule bietet musikalische Früherziehung ab zwei Jahren, gegen oben ist die Altersgrenze offen. Die Kleinsten musizieren in Gruppen, später gibt es dann nur noch Einzelunterricht und die Pflicht, jedes Jahr an Konzerten teilzunehmen und in einem Orchester mitzuspielen.
Musik als Therapie
Dahan hat Grosses vor, er träumt davon, dass jeder Einwohner von Maalot Musik macht. «Musik ist die beste Therapie und es macht die Menschen zu guten Menschen», ist der energetische Schuldirektor überzeugt. «Ohne die Musik wäre Maalot heute nicht das, was es ist.» Und weiter stellt er sich vor: «Die ganze Stadt soll Musik machen – wenn es nach mir ginge, müssten alle Bewohner ein Instrument lernen.» Dahan hat ein Programm initiiert, das alle Kindergärten der Stadt erreicht und das sich «Lagaat bemusica» – Musik berühren – nennt. Lehrer des Konservatoriums bringen regelmässig Instrumente in die lokalen Kindergärten und musizieren mit den Kleinen. Immerhin ein Anfang von Dahans grossem Traum.
Das Angebot an Musikrichtungen an der Schule selber ist breit und richtet sich ganz nach der Zusammensetzung der 350 Schüler: Arabische klassische Musik, jüdische liturgische Musik, darunter aschkenasische Chasanut und jüdisch-andalusische Musik, sowie klassische Musik. Nebst dem regulären Einzelunterricht, für den die Schüler bezahlen, sofern sie können, unterhält die Schule einige wichtige Projekte: So schickt sie ein mal pro Woche Musiklehrer in die Kindergärten, um mit sozial schwachen, milieugeschädigten oder gar misshandelten Kindern zu musizieren. Bezalel Dahan: «Diesen Kindern muss man helfen, damit sie später zufriedene Menschen werden. Mit Musik kann man alles erreichen.» Weiter führt das Konservatorium eine Abteilung für hochbegabte Kinder, die gezielt in ihren Fähigkeiten gefördert werden, und nebenbei werden auch Vorbereitungen für eine Matura in Musik angeboten.
Durch die grossen Fenster im Konzertsaal, der im Erdgeschoss der Schule liegt, sind die weichen Hügel der Umgebung zu sehen. An den Wänden hängen Fotos, die die Schüler an Auftritten zeigen. Am Ende des Besuchs begleitet Dahan die Gäste noch hinaus auf den grossen Vorplatz, auf dem im Sommer Konzerte aufgeführt werden. «Lernen Sie ein neues Musikinstrument», sagt er zum Abschied und lächelt.
Am Mittwoch, 11. Juni, findet um 19.30 Uhr im KKL in Luzern ein von der Wizo Schweiz unterstütztes Konzert zugunsten der Musikschule in Maalot statt. «Tango Viola» mit dem Luzerner Sinfonieorchester, unter der Leitung von Benjamin Yusupov, mit David Aaron Carpenter (Viola) und Valeria Solomonoff (Tanz). Weitere Informationen und Tickets unter Telefon 061 306 14 00 oder y.karger@karger.ch.