Mubaraks Schwanengesang

Von Jacques Ungar, February 4, 2011
Israelische Entscheidungsträger und Persönlichkeiten bis hinauf zu Staatspräsident Shimon Peres dürften sich allmählich doch fragen, ob sie mit der Unterstützung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak
politisch-diplomatisch richtig gehandelt haben.
DAS ENDE DER ÄRA MUBARAK Die Sympathiebekundungen für die Kairoer Führungsschicht seitens Israel waren zum Teil voreilig

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gestand während ihres Kurzbesuchs in Jerusalem diese Woche Premier Binyamin Netanyahu zwar zu, dass Israel im Nahen Osten eine «Insel der Stabilität» sei, doch machte sie im Übrigen kaum einen Hehl aus ihrer Meinung, die Kundgebungen der ägyptischen Massen seien legitim und manifestierten den Willen des Volkes. Ganz zu schweigen von US-Präsident Barack Obama, für den der Gang Hosni Mubaraks in die politische Wüste offenbar nicht rasch genug erfolgen kann.

Voreilige Äusserungen

Shimon Peres hatte sicher Recht, als er nach einem tagelangen offiziellen Schweigen der israelischen Führungsspitze Hosni Mubaraks Schicksal bedauerte und ihm attestierte, den Frieden im Nahen Osten viele Jahre lang aufrechterhalten zu haben. Alle weitergehenden Sympathiebekundungen in Jerusalem für die sich zur Zeit auf dem Rückzug befindliche Kairoer Führungsschicht waren aber zumindest voreilig, wenn nicht gar der Ausdruck eines Festhaltens an einem Zustand, der vor den Augen der gesamten Welt ganz offensichtlich am Abbröckeln und im Verschwinden begriffen ist. Daran dürfte auch die Tatsache wenig ändern, dass der von Mubarak eilends noch zum Vizepräsidenten ernannte bisherige Geheimdienstchef Omar Sleiman laut israelischen Medienberichten täglichen Meinungs-austausch mit hochrangigen Personen in Israel pflegen soll.
Dass Premier Netanyahu der ägyptischen Armee in klarer Abweichung von den im Friedensvertrag festgelegten Abmachungen gestattete, zur Wahrung von Ruhe und Ordnung total 800 Soldaten bei el-Arish im Nordsinai und in Sharm el Sheikh am Südende der Halbinsel zu postieren, geschah in erster Linie wohl wegen der Sorge um eineAufhebung der Grenzlinie zwischen den beiden Nationen. Man geht wohl kaum falsch in der Annahme, dass sich unter den zahlreichen Menschen, die entweder durch die Tunnels in den Gazastreifen gelangen oder dann versuchen, die poröse Grenze nach Israel zu passieren, in diesen Tagen des allgemeinen Chaos viele potenzielle Terroristen und Waffenschmuggler befinden. So gesehen bringt man Verständnis für das israelische Vorgehen auf.

Blick nach Jordanien

Vielfach unbeachtet von den sich überschlagenden Berichte aus Kairo blieb zunächst die Sorge der Hamas-Führung vor einem Überschwappen der Demonstrationsstimmung nach Gaza. Schon Tausende von Menschen haben via Facebook-Gruppen zum Protest gegen das fundamentalistische Regime im Gazastreifen aufgerufen, und die zuständigen Stellen in Gaza, aber auch in Ramallah in der Westbank, verhehlen ihre Befürchtungen nicht, dass der Geist des Protestes via Tunis und Kairo letztlich auch den Weg in die Palästinensergebiete finden könnte. Ein ganz besonderes «Sorgenkind» für Israel ist verständlicherweise das haschemitische Königreich Jordanien, nach Ägypten der zweite arabische Staat, der einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnet hat. Auch in Amman gärt es, wie die täglichen Demonstrationen gegen das Establishment beweisen. Mit der totalen Umbesetzung seiner Regierung und der Bereitstellung von 500 Millionen Dollar für den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit hat König Abdullah II. am Dienstag vor allem unter dem Druck der Strasse und der fundamentalistischen Opposition gehandelt, doch muss sich erst noch zeigen, ob er mit diesen Massnahmen genug getan hat, um die Welle der arabischen Revolution von den Mauern seines Königspalastes fernzuhalten.


Ein Davidstern
Mit seinem Entscheid, sich angesichts der Vorgänge in seiner Nachbarschaft mit Äusserungen relativ zurückzuhalten, hat das offizielle Israel sicher weise gehandelt, denn das, was sich in diesen Tagen in den arabischen Hauptstädten abspielt, ist in erster Linie eine interne Abrechnung mit Despoten, Diktatoren und einer völlig korrumpierten Oberschicht (der Mubarak-Clan alleine soll ein Vermögen von rund 40 Milliarden Dollar kontrollieren). Es gibt allerdings im Rahmen der Kairoer Demonstrationen erste Anzeichen dafür, dass auch Israel thematisiert werden soll. Darauf deutet etwa der Davidstern auf der Stirn von Mubarak-Puppen hin, die der Mob voller Hass auf hohen Galgen aufknüpft. Und die Träger von Plakaten in hebräischer Sprache haben entsprechende Fragen israelischer Reporter auf dem Kairoer Tahrir-Platz – sie haben sich allerdings nicht als Israeli zu erkennen gegeben – mit der lakonischen Bemerkung beantwortet, ihr  verhasster Präsident sei nichts anderes als ein «israelischer Soldat».
Demgegenüber sprachen sich praktisch alle Ägypter (auch solche, deren Kleidung sie als religiöse Muslime erkennen liess), die Journalisten Rede und Antwort standen, klar für einen Fortbestand des Friedens mit Israel aus. Der Nennwert solcher Worte lässt sich allerdings für den Fall, dass Fundamentalisten wie etwa die Muslim-Bruderschaft in einer neuen Kairoer Regierung Mitspracherecht geniessen sollten, kaum abschätzen. Premier Netanyahu darf aber davon ausgehen, dass sowohl US-Präsident Obama als auch andere westliche Politiker, mit denen er dieser Tage im Kontakt steht, sein Ansinnen unterstützen werden, dass jede neue ägyptische Führung den Friedensvertrag mit
Israel voll einzuhalten habe.