Moralisch stark ohne zu moralisieren
Mit Joseph Lieberman (58) erhält erstmals in der amerikanischen Geschichte ein traditioneller Jude die Chance, in einem nationalen Wahlkampf einen politischen Spitzenjob zu erringen. Liebermans religiöse Überzeugungen bilden die Basis für seine politischen Richtlinien. Er ist ein gemässigter Demokrat, der in bestimmten Angelegenheiten auch schon die Parteigrenzen passiert hat. Zu vielen inner-amerikanischen Themen, wie Waffenkontrolle, Abtreibung und Hassverbrechen, vertritt Al Gore’s Nummer zwei Positionen, wie sie auch von den wichtigen jüdischen Organisationen des Landes eingenommen werden. Seine pragmatische Denkweise stellte Lieberman in der Diskussion rund um die Frage von Gebeten in öffentlichen Schulen unter Beweis. Obwohl er allgemein solche Gebete ablehnt, wandte er sich 1992 gegen ein Urteil des Obersten Gerichtshofes, das Gebete aus Abschlussfeiern in Schulen strich. «Jugendliche, die ihren Schulunterricht beenden», meinte er, «würden viel mehr verlieren, als sie durch das Verbot eines Gebetes an ihrer Abschlussfeier gewinnen würden.»
Auch in der Aussenpolitik bleibt Lieberman in der Mitte. Als offener Freund Israels und Befürworter der US-Finanzhilfe an den jüdischen Staat wollte er die Administration nicht unter Druck setzen und während den israelisch-palästinensischen Verhandlungen letztes Jahr einen US-Friedensplan fördern. In einem von ihm initiierten Brief schrieben 81 Senatoren an die Administration: «Es wäre ein grober Fehler der USA, von ihrer traditionellen Rolle als Förderer des Friedensprozesses abzuweichen und Israel öffentlich unter Druck zu setzen.» Der Brief lobte Israels Unterstützung der Osloer Abkommen und erwähnte Yasser Arafats Drohung mit Gewalt. Dessen ungeachtet hiess Lieberman am Nationalen Gebets-Frühstück letztes Jahr trotz der Opposition gewisser jüdischer Gruppen Arafat willkommen und betete darum, dass Gott ihn und die israelischen Politiker auf den Pfad zum Frieden führen würde. Schliesslich war Lieberman nicht einverstanden mit der Verzögerung der Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem aus Gründen der «nationalen Sicherheit». Zusammen mit 9 anderen Senatoren warnte er 1999 Clinton in einem Brief davor, dass diese Politik den Interessen des Kongresses zuwiderlaufen würde.
Liebermans traditionell-jüdische Lebensform spielt eine wichtige Rolle in seinen politischen Aktivitäten, und er steht offen dazu: «Einer der grossen Werte der amerikanischen Gesellschaft», sagte er einmal, «den, so denke ich, die meisten Amerikaner in Ehren halten, ist der Glaube an Gott.» Seine religiöse Erziehung und Lebensweise würden zu seiner Identität beitragen. «Das Wesen meiner Persönlichkeit bestimmt mein Wahlverhalten in bestimmten Angelegenheiten.» Normalerweilse geht er nötigenfalls am Schabbat mehrere Kilometer zu Fuss von seinem Heim in Georgetown zum Senat, doch in Notfällen würde er die Heiligkeit des Schabbats entweihen. Den stärksten Eindruck machteer aber nicht in einer primär politischen Sache, sondern in der Diskussion rund um den Lewinsky-Skandal. Im September 1998, kurz nachdem Clinton seine Beziehungen zu Monica Lewinsky zugegeben hatte, kritisierte er den Präsidenten und Parteigenossen als einer der ersten Demokraten offen und in scharfen Worten im Senat. Die Auswirkungen des Skandals seien so schwerwiegend, dass er sich seinen Wählern und seinem Gewissen gegenüber verpflichtet fühle, seinen Sorgen öffentlich Ausdruck zu verleihen. «Ein solches Benehmen ist nicht nur unangebracht», sagte er, «es ist unmoralisch und gefährlich, denn es vermittelt der grossen amerikanischen Familie eine Botschaft von dem, was ein annehmbares Benehmen sein soll.» Das Missverhalten des Präsidenten könnte eine der falschesten, im Volk verbreiteten Botschaften untermauern: Dass Werte auswechselbar seien. Liebermans starke moralische Position wird nach Ansicht von Beobachtern Gore helfen, sich von der Clinton-Administration zu distanzieren. Gefördert werden diese Bemühungen durch den Umstand, dass der Vize-Kandidat auch auf dem Höhepunkt der Affäre Lewinsky der Demokratischen Partei und dem alten Freund Clinton gegenüber loyal blieb. «Als Nation müssen wir uns ehrlich mit dem Schaden auseinandersetzen, den der Präsident mit seinem Verhalten in den letzten sieben Monaten verursacht hat. Dabei dürfen wir aber weder all das Gute vergessen, das unter seiner Führung in den letzten sechs Jahren getan worden ist, noch unser gemeinsames Interesse als Amerikaner.» Letzten Endes setzte Lieberman sich zwar für eine öffentliche Verurteilung von Clintons Verhalten ein, stimmte 1999 aber gegen eine Amtsenthebung des Präsidenten. Jta
Steckbrief
Joseph Lieberman kam am 24. Februar 1942 in Stamford, Conn. zur Welt.
1967 beendete er die juristischen Studien an der Yale Universität.
1970-80: Mitglied des Staats-Senates von Connecticut. Diente 1982-88 als 21. Staatsanwalt dieses Staates.
1988 Wahl in den Senat mit rund 10 000 Stimmen Vorsprung, Wiederwahl 1994 mit 67% der Stimmen.
Lebt mit seiner Frau Hadassah in New Haven. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter, und zwei Söhne und eine Tochter aus früheren Ehen. Zudem hat das Paar bis jetzt 2 Enkeltöchter.
Er ist Mitglied orthodoxer Synagogen in Washington und Connecticut.
Bücher (u.a.): «The Scorpion and the Tarantula» (1970), über die ersten Bemühungen zur Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen; «The Legacy» (1981), politische Geschichte von Connecticut; «Child Support in America» (1986) und «In Praise of Public Life» (2000).
Akzeptabel für die meisten Wähler
usa / jta. Als Al Smith 1928 im Kampf um die amerikanische Präsidentschaft unterlag, war seine römisch-katholische Religion schuld, und als John F. Kennedy 1960 erfolgreicher war, fühlte er sich bemüssigt, sich in Reden vom Papst zu distanzieren. Joseph Liebermans traditionelles Judentum dagegen dürfte für den Senator aus Connecticut keine Bürde sein, wenn er als Al Gore’s Kandidat für den Job des Vize-Präsidenten ins Rennen steigt, im Gegenteil. Die Amerikaner haben offenbar einen weiten Weg zurückgelegt in Bezug auf die Akzeptanz von Angehörigen von Minderheiten an öffentlichen Posten. Da nimmt man es in Kauf, dass der eine oder andere noch ein kleines Stückchen Weg zu bewältigen hat, wie die Reaktion des demokratischen Senators John Breaux auf Liebermans Nominierung beweist: «Ich glaube, es ist den Leuten egal, wo er am Sonntag in die Kirche geht, wenn er nur über die moralischen Werte und Grundsätze verfügt, um das Land zu führen.»Umfragen zeigen auch, dass Religion im Wählerverhalten eine weniger wichtige Rolle spielt als früher. Hatten 1937 in einer Gallup-Umfrage 46% der Amerikaner erklärt, auch einen Juden zum Präsidenten wählen zu wollen, war dieser Anteil 1999 schon auf 92% gestiegen. «Trotzdem wird es natürlich ebenso eine Flüsterkampagne gegen Joseph Lieberman geben wie antisemitische Stimmen», sagte Allan Lichtman, Rektor der historischen Fakultät der American University, «doch jene Leute, die aus religiösen Motiven nicht für Lieberman sind, werden wahrscheinlich gar nicht für Al Gore stimmen.» Gore braucht keine Hilfe zur Mobilisierung der jüdischen Stimme, und die Administration Clinton-Gore steht bei den meisten US-Juden in hohem Ansehen. Möglicherweise hilft die Nominierung eines traditionellen Juden Gore bei der orthodox-jüdischen Gemeinde der USA, deren Ansichten in gewissen Angelegenheiten näher bei der republikanischen als bei der demokratischen Linie liegen. Andererseits würden fundamentalistische Amerikaner im Süden ganz gerne für Lieberman stimmen, doch das hiesse, «sie müssten auch für Al Gore stimmen», wie Larry Sabato, Professor für Staats- und internationale Angelegenheiten an der Universität von Virginia, bemerkt. Vergessen wir nicht, dass viele christliche Fundamentalisten überzeugte Israelfreunde sind - wie Lieberman. Aber auch unter Wählern, die das Duo Gore-Lieberman kaum unterstützen werden, könnte der gemässigte Senator aus Connecticut diverse existierende Vorurteile gegen Juden, insbesondere gegen die orthodoxen, abbauen. Er ist hellhäutig, ruhig, nicht sonderlich reich und trägt keine Kippa. «Er wird eine ganze Reihe von Stereotypen brechen», meint Rabbi Kurt Stone, dessen Buch «The Congressional Minyan: The Jews of Capitol Hill» über jüdische Politiker in den USA demnächst erscheint. Ob das reicht, um aus der Religion kein Thema bei den Wahlen zu machen, bleibt abzuwarten. «Vor 40 Jahren hat die Nation den Test mit John F. Kennedy bestanden», sagt der demokratische Meinungsforscher Mark Mellman, «und ich glaube, das Land wird auch den Lieberman-Test bestehen.»