Möglichkeiten von historischen Dimensionen
Eine Verlautbarung, geprägt von ungewöhnlichem Selbstvertrauen, veröffentlichten zu Beginn der Woche die Firmen Isramco und Noble Energy. Die israelische Isramco bestätigte, dass das Naturgaslager an der Förderstätte Tamar 1 tief im Mittelmeer rund 80 Kilometer vor Haifa «sehr bedeutend» sei. Noble Energy ging noch weiter: «Das Bohrergebnis bewegt uns sehr», sagte Firmenchef Charles D. Davidson. «Vermutlich handelt es sich um die grösste Entdeckung in der Firmengeschichte.» Und Yitzchak Tshuva, der Mann, der hinter einigen der in dem Projekt engagierten Firmen steht, meinte am Radio: «Mein goldenes Händchen existiert immer noch.» Tamar 1 verfüge, so meinte er, über genügend Gas, um Israels Bedarf auf Jahrzehnte zu decken und vielleicht könne sogar noch ein Teil exportiert werden.
Ein Durchbruch
Unternehmer im Bereich der Energieförderung auferlegen sich in der Regel mehr Zurückhaltung in ihren Äusserungen. Dass es dieses Mal nicht so ist, lässt den Schluss zu, man sei auf etwas wirklich Grosses gestossen. Von einer «guten Nachricht in einem schwierigen Jahr», spricht Asi Bartfeld, Verwaltungsratsvorsitzender der Delek-Gruppe. «Ein beeindruckender Durchbruch, der unsere Abhängigkeit von Ägypten beendet.» Der Fund werde, so fügte Bartfeld hinzu, Delek sicherlich zum Vorteil gereichen, vor allem aber dem Staate Israel. Die Entdeckung dürfte tatsächlich die Perspektiven grundsätzlich verschieben, auch wenn Israel in den nächsten Jahren trotzdem noch 240 Milliarden Kubikmeter Gas brauchen wird. Der Staat wird sich also nicht von Ägypten, seinem Alliierten im Süden, abnabeln können.
Wie dem auch sei: Am Montag vergangener Woche durchgeführte Tests identifizierten nach Bohrungen bis in eine Tiefe von 4900 Metern bei Tamar 1 drei Felder von hochqualitativem Gas. Ermutigt durch die Resultate haben die Explorations-Partner – Noble Energy, Isramco Negev 2, Delek Drilling und Dor Gas Exploration beschlossen, rund 20 Millionen Dollar in dreiwöchige Produktionstests zu investieren. So soll unter anderem bestimmt werden, mit wie viel Naturgas täglich gerechnet werden kann.
Die Testergebnisse weisen laut Davidson eindeutig darauf hin, dass das Gasvolumen an der Bohrstelle mindestens so gross ist wie vor Bohrbeginn geschätzt wurde: 88 Milliarden Kubikmeter. Die Schätzung ist vielleicht sogar noch vorsichtig.
Weit reichende Auswirkungen
Die Bestätigung des Vorhandenseins kommerzieller Quantitäten an Gas bei Tamar 1 hat weit reichende wirtschaftliche und diplomatische Auswirkungen. Die Gesellschaften werden durch die Verkäufe Milliarden von Dollar verdienen, der Staat wird an Tantiemen und Steuern verdienen, und Israel wird seine Gas-Abhängigkeit von Ägypten reduzieren können.
Die Investitionen in die Gasförderung können zwischen ein und zwei Milliarden Dollar liegen. Das klare ökonomische Potenzial des Fundes trieb aber schon am Sonntag die Aktienkurse der engagierten Firmen raketenhaft in die Höhe, was zu den Gewinnen der Vorwoche hinzukam. Und dabei ist Tamar 1 vielleicht noch nicht einmal das Ende der Geschichte. Möglicherweise nehmen die Partner schon bald Probebohrungen an der benachbarten Stätte, Tamar 2, in Angriff, oder sie beginnen mit den Arbeiten bei Dalit, einem anderen potenziellen Gasfeld in niedrigerem Wasser, nur 1100 Meter tief und nur 50 Kilometer von der Küste entfernt. Bohrungen bei Dalit wären auch billiger.
Bei Isramco klopft man sich auf die Schultern. «Alle anderen sind geflüchtet», sagte Yossi Levy, Leiter der Partnerschaft. Während die übrigen ursprünglichen Partner die Zelte längst schon abgebrochen hatten, war Isramco von Anfang an bei Tamar 1 mit von der Partie und ist bis zum Schluss geblieben. Isramco engagierte den Geologen Yossi Langotsky, um sich Lizenzen zu sichern, welche die Firma in den späten neunziger Jahren gehalten hatte. Langotsky gelang es, British Gas (BG) zu engagieren. Zusammen mit Israel Petrochemical Enterprises, Clal Industries, Granite Hacarmel und Benny Steinmetz löste sich BG aber wieder vom Projekt.
Warum ist Isramco geblieben? Laut Levy war man einfach überzeugt vom Potenzial, biss die Zähne zusammen und machte weiter, ungeachtet der vielen Enttäuschungen israelischer Firmen bei ihrer Suche nach fossilen Treibstoffen. Isramco ruht sich aber nicht auf seinen Lorbeeren aus. Man sei eine Explorationsfirma, sagte Levy, und plane jetzt die Suche nach dem schwarzen Gold vor der Küste von Ashdod.
Technische Herausforderungen
Man sollte die Proportionen aber nicht verzerren: Fürs Erste bleibt Israel abhängig von Ägypten. Sowohl EMG, das israelisch-ägyptische Partnerunternehmen, das Israel Gas liefert, als auch BG, die britische Firma, die Israel vor der Küste des Gazastreifens gefördertes Gas verkauft, haben von ihrer Monopolsituation profitiert. BG hat sich vor einem Jahr von den Verhandlungen zurückgezogen und dann einen viel höheren Preis verlangt.
Mögliche israelische Investoren, die sich in der Vergangenheit die Finger an Gas-Gerüchten verbrannt hatten, die sich als Flop erwiesen, fragen sich heute, wie seriös die Geschichte von Isramco ist. Noble Energy, eine eher vorsichtige Firma, beziffert die vorhandene Menge auf mindestens 88 Milliarden Kubikmeter. Bis aber das vor der Küste von Haifa lagernde Gas in israelischen Küchen und bei der Israel Electric Corporation brennen wird, müssen noch zahlreiche technische und administrative Probleme gelöst werden.