Modernität und Erbe
TACHLES: Wen soll der Europäische Tag der jüdischen Kultur am 4. September vor allem ansprechen?
NADIA GUTH BIASINI: Wir öffnen die Fenster und Türen speziell auch für Menschen, die sich sonst nie trauen würden, in eine Synagoge oder ein jüdisches Museum zu gehen, um ihnen viele Aspekte des jüdischen Lebens, der Religion und Geschichte zu zeigen. Es herrscht immer noch eine gewisse Schwellenangst, die an diesem Tag leichter zu überwinden ist.
Wie gross ist das Interesse an jüdischer Kultur in der Schweiz generell?
Es besteht Interesse, wie viel ist allerdings schwierig einzuschätzen. Wir sehen das jeweils auch an den Besucherzahlen der jährlichen Museumsnacht. Die Leute kommen, wenn man ihnen den Zugang mit einem Anlass und entsprechenden Kontaktmöglichkeiten erleichtert.
Gehen am 4. September die Aktivitäten der Schweiz und der europäischen Länder ineinander über oder grenzen sie sich voneinander ab?
Die Aktivitäten gehen grenzüberschreitend ineinander über. Als Nicht-EU-Mitglied spüren wir allerdings manchmal, dass wir etwas anders behandelt werden. Aber mittlerweile haben wir uns im Rahmen dieses Tages gut etabliert.
Es gibt unzählige Veranstaltungen über die ganze Schweiz verteilt, auch dort, wo es praktisch kein Judentum gibt.
Ja, wir wollen auch dort das gegenwärtige jüdische Leben, die Religion, die Geschichte und den Alltag zugänglich machen.
Das diesjährige Motto lautet «Herausforderung Zukunft», und einige Veranstaltungen sprechen auch innerjüdische Debatten an.
Ja, eine Fragestellung befasst sich effektiv mit der Zukunft unserer Gemeinden, mit der jüdischen Jugend und ihren Vorstellungen und Perspektiven.
Ein Schritt, um auch jüdische Menschen für diesen Tag zu interessieren?
Ich freue mich darüber, dass dadurch nun auch von jüdischer Seite weit mehr Interesse an diesem Tag artikuliert wird. Überdies finde ich dieses Thema, das von Shimon Peres’ Konferenz festgelegt wurde, auch wirklich sinnvoll.
Also nicht die Zelebrierung von Museumskultur, sondern des Dialogs zwischen Minderheit und Mehrheit zu Themen von jüdischer Relevanz?
Ja, das ist eines der Ziele, das wir uns von der Einführung eines interessierten Publikums in die verschiedensten Aspekte des heutigen jüdischen Lebens erhoffen.
Was ist für Sie als Leiterin der Schweizer Aktivitäten speziell hervorzuheben?
Spannend sind ja alle Programme unseres Riesenspektrums an Angeboten (vgl. Kasten). Besonders hinweisen möchte ich hier auf eine Veranstaltung der Israelitischen Gemeinde Basel, in der die Perspektiven für jüngere Mitglieder in einem Film gezeigt werden. Im Berner Programm gibt es einen Vortrag von Andrea Abraham zum Thema «Herausforderung Zukunft», in Endingen-Lengnau wird Roy Oppenheim eine öffentliche Führung leiten. In Genf gibt es in der Liberalen Gemeinde den Vortrag «Judaïsme et nouvelles technologies» – auch eine spannende und angebrachte Veranstaltung. In der Genfer Einheitsgemeinde wird zudem das Thema des Tages in einem Podiumsgespräch behandelt: «Les femmes, les jeunes et les moyens de communication de demain». In Schwyz wird eine Führung zu jüdischen Bergsteigern, Künstlern, Tourismuspionieren und Intellektuellen innerhalb Ausstellung «Hast du meine Alpen gesehen?» geboten. Aber auch die Zürcher Veranstaltungen, vielleicht etwas provokativ formuliert, sind attraktiv: «Werden die Bänke leer sein?» ist Thema in der Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, wo auch eine Kurzführung angeboten wird. Und Omanut hat das Thema: «Still anybody home? – Autoren und die Angst vor der ‹Zeit danach›», eine Veranstaltung zum Thema Israel.
Mehr Informationen über den Europäischen Tag der jüdischen Kultur und das Programm des Tages gibt Nadia Guth Biasini ab 31. August unter www.tachles.ch/radio