Mode und Macher

March 7, 2011

Dass Juden in der Modebranche seit dem 19. Jahrhundert eine bedeutsame Rolle spielen, ist laut der Zürcher Journalistin Nicole Dreyfus kein Zufall: Hier eröffneten wechselnde Produktionsstandorte und die rasante Entwicklung industrieller Fertigungsmethoden Chancen für Minderheiten, die nicht ortsgebunden und obendrein risikofreudig waren. Diese Eigenschaften stellen den roten Faden dar, der sich durch diese Ausgabe zur Kleidungsbranche zieht. Während Dreyfus die Schweizer und in einem zweiten Beitrag die Pariser Modeindustrie betrachtet, stehen die USA im Mittelpunkt einer Reihe weiterer Texte. Die in Washington lebende Journalistin und Autorin Johanna Neuman zieht eingangs den historischen Horizont auf und setzt in den 1890er-Jahren an, als russisch-jüdische Einwanderer nach Manhattan strömten und dort unter elenden Bedingungen Arbeit in Textilfabriken oder als Subunternehmer in ihren Wohnungen in den Mietskasernen an der Lower East Side fanden.

Ein, zwei Generationen später waren es Designer und Unternehmer wie Ralph Lauren und Calvin Klein, die elegante und sportliche Mode nicht nur für die breite Bevölkerung der USA schufen, sondern damit auch zum Inbegriff amerikanischen Stils weltweit wurden. Kreative wie Diane von Furstenberg, Isaac Mizrahi, Donna Karan und Marc Jacobs folgen den Spuren dieser Pioniere. Neuman macht aber zudem deutlich, dass Standortwechsel die Branche weiter prägen: Grosse Designer mögen immer noch in New York sitzen, aber produziert werden ihre Kleider heute nicht mehr in den drangvollen «sweatshops» an der Lower East Side, sondern in den gewaltigen Fabriken Chinas oder Vietnams. Dort werden heute auch die Jeans der Marke Levi Strauss produziert, deren Geschichte Katja Behling erzählt.

Weisst Neuman auf die Schattenseiten der Mode hin, so nimmt unsere New Yorker Kollegin Monica Strauss diese näher in den Blick. Sie öffnet die Annalen der Textilgewerkschaft International Ladies Garment Workers Union, die vor 100 Jahren in New York ihre ersten Erfolge erringen konnte. Zuvor musste sich jedoch im März 1911 eine der schlimmsten Katastrophen der amerikanischen Industriegeschichte ereignen, die verheerende Feuersbrunst in der Triangle Shirtwaist Company am Washington Square in Manhattan. Dabei kamen 146 junge Näherinnen ums Leben.

In die Gegenwart holen uns Kate Betts, die Michelle Obama als Modeidol mit politischem Bewusstsein zeichnet, und Sass Brown, Professorin am renommierten Fashion Institute of Technology in New York. Ihr Beitrag fusst auf ihrem neuen Buch «Eco Fashion», das den Trend zu «grüner» und «nachhaltiger Mode» aufgreift, der unlängst ein Schwerpunkt der New Yorker Fashion Week war. Brown zeigt, wie vielfältig dieses Genre inzwischen geworden ist. «Grüne Mode» hat die Zeit der handgestrickten Wollpullover längst hinter sich gelassen und umfasst das Recycling edler Einzelstücke Pariser Couturiers ebenso wie die Revitalisierung indigener Techniken in Lateinamerika, Asien und Afrika. Auch bei dieser zukunftsweisenden Entwicklung spielen junge jüdische Talente wie Emily Katz eine bedeutsame Rolle.     ●