Mittelmeer / Restitution - Jüdischer Besitz in arabischen Staaten
Die Anstrengungen um Kompensationen für das von den Juden in arabischen Ländern zurückgelassene Vermögen könnten wesentliche Auswirkungen auf den Nahost-Friedensprozess haben. Die Bemühungen folgen im Kielwasser von beträchtlichen Erfolgen, die in den letzten Jahren in Europa bei der Auffindung von jüdischen Vermögen aus der Holocaust-Zeit erzielt werden konnten. Im Gegensatz zur Aufarbeitung der Holocaust-Vergangenheit aber, welche Überlebenden in den kommenden Jahren Millionen von Dollars einbringen könnte, ist die Erlangung einer Wiedergutmachung von der arabischen Welt kein vordringliches Ziel. Im Gegenteil: Offizielle der Amerikanisch-Sefardischen Föderation und des Jüdischen Weltkongresses (JWK), die in der Sache zusammenarbeiten, glauben gar nicht, dass irgendwelche bedeutenden Geldsummen sichergestellt werden können.
Viel wichtiger ist es nach Ansicht dieser Offiziellen, die Aufmerksamkeit auf die totale Zerstörung jüdischen Lebens in arabischen Ländern zu lenken, und die rasch dahinschwindende, 2500 Jahre alte Geschichte der jüdischen Kultur in diesem Teil der Welt zu sichern.
Inventarliste für Gestohlenes
In den Jahren nach der Gründung des Staates Israel 1948 haben fast eine Million Juden Syrien, Ägypten, Libanon, Irak, Jemen, Tunesien, Algerien, Libyen und Marokko verlassen - grösstenteils unfreiwillig. «Wenn sie auch nicht mit vorgehaltener Pistole aus diesen Ländern vertrieben wurden», meinte Marc Mishaan, der für ein internationales, in dieser Sache aktives Komitee arbeitet, «so auf jeden Fall durch gesellschaftlichen Druck». Und Elan Steinberg, Exekutivdirektor des JWK, der in bezug auf die Wiedererlangung von Holocaust-Vermögen eine Schlüsselrolle spielte, fügte hinzu: «Diese Bemühungen werden weit darüber hinausgehen, ein einfaches Inventar über das Gestohlene zu erstellen. Sie werden vielmehr der jüdischen Welt als Ganzes die Energie verleihen, unsere Geschichte aus jenem Teil der Welt unter die Lupe zu nehmen.»
Auch palästinensische Forderungen
Aus einer praktischeren Sicht heraus jedoch werden die Informationen in die Gespräche mit den Palästinensern über eine definitive Regelung einfliessen, bei denen es u.a. auch um palästinensische Forderungen bzgl. Besitztümer geht, die ihnen, so behaupten sie, von den Israelis entwendet worden sind. Durch die Quantifizierung jüdischer Verluste in der arabischen Welt hofft Israel, palästinensischen Forderungen wirksame Gegenforderungen gegenüberstellen und argumentieren zu können, man habe viel mehr verloren, als durch die «Erlangung der physischen Präsenz im Nahen Osten gewonnen wurde». Mishaan meint, eine Bezifferung der jüdischen Verluste im arabischen Raum auf 100 Mrd. Dollar wäre «konservativ». Im Vergleich zu den palästinensischen Verlusten sei die Differenz, wie er sagt, «gewaltig, doch die Welt kümmert das nicht». Nach Leon Levy, Präsident der amerikanisch-sefardischen Föderation, seien die Palästinenser den Israelis in bezug auf die Quantifizierung ihrer Verluste «meilenweit voraus». Sie seien mit Telefonbüchern von vor 1948 von Haus zu Haus in Ost-Jerusalem gegangen und hätten alle Gebäude identifiziert, in denen Araber gewohnt hätten.
Für Amram Attias, Vorsitzender des Internationalen Komitees der Juden aus arabischen Staaten und einer der Aktivisten der Kampagne, der nach eigenen Angaben 1963 aus seinem Geburtsland Marokko auswandern musste, erweckt die Bemühung um Anerkennung und Wiedergutmachung durch die arabische Welt schmerzhafte, ja beschämende Erinnerungen. «Während 1300 Jahren wurden wir praktisch als Sklaven gehalten», sagt er. «Wir wurden enteignet, unsere Häuser und Synagogen wurden verbrannt, sie vergewaltigten unsere Kinder und zwangen uns in gewissen Fällen, zum Islam überzutreten oder zu sterben. Nachdem wir uns 50 Jahre lang aus dem Nichts aufgebaut haben ist es an der Zeit, das zu fordern, was uns rechtmässig gehört».
Im Bestreben, die jüdischen Verluste möglichst genau zu dokumentieren, hat die amerkanisch-sefardische Föderation schon beinahe 75000 Fragebögen unter in Israel und den USA lebenden Juden sefardischen Ursprungs verteilt. Bis Ende Sommer hofft man, Tausende weitere in aller Welt zu kontaktieren. Die Kampagne steckt zwar noch in den Kinderschuhen, doch hoffen jüdische Offizielle, sie letzten Endes durch einige der vielen Kanäle voranzutreiben, die auch in bezug auf den Holocaust benutzt wurden. Dazu zählen Sammelklagen, der Einsatz des US-Kongresses und diplomatische Bemühungen. Die Exekutive des JWK will das Thema am heutigen Donnerstag (24. Juni) mit israelischen Offiziellen besprechen, wenn sie in Jerusalem zusammentritt, und dem Vernehmen nach eine Resolution verabschieden wird, welche den Bemühungen um Kompensation einen offiziellen Charakter verleihen soll.
Arabische Welt mit einem Teil ihrer Geschichte konfrontieren
Israel hat sich bisher in der Sache bewusst zurückgehalten. Ein Sprecher der israelischen Botschaft in Washington wollte nicht sagen, ob seine Regierung die Kampagne abgesegnet hat oder nicht. Er beschränkte sich auf die Bemerkung, die Wünsche nach finanzieller Kompensation für Juden sollten parallel zu den Forderungen der Palästinenser in den Verhandlungen über eine definitive Regelung diskutiert werden. Offizielle stimmen allerdings der Einschätzung zu, dass die Aussichten auf eine Wiedererlangung verlorener Besitztümer gering , da die meisten Arabernationen die Sorgen von Ländern wie die Schweiz oder Deutschland in bezug auf die Meinung des Westens nicht haben. Dessen ungeachtet ist die jüdische Seite entschlossen, die Sache voranzutreiben, nicht zuletzt im Bestreben, die arabische Welt mit einem Aspekt ihrer Geschichte zu konfrontieren, die liebend schnell vergessen möchte. Andernfalls würden, wie Mishan warnt, schon in dreissig Jahren «z.B. in Syrien geborene Araber gar nicht wissen, dass in ihrer Heimat je Juden gelebt haben». Jta