Mit Mythen aufräumen

Von Katja Behling, April 27, 2009
In Italien wurden ausländische und italienische Juden verfolgt. Bis 1943 wurden auch auf italienischem Boden Konzentrationslager errichtet.
BENITO MUSSOLINI WURDE VERHAFTET Menschen jubeln am 25. Juli 1943 in den Strassen Roms

Gegen Ende der zwanziger Jahre hatte sich die faschistische Herrschaft im Zeichen des Führerprinzips zu einer persönlichen Diktatur Mussolinis entwickelt. In seiner 1932 veröffentlichten «Lehre des Faschismus» (Dottrina del fascismo) legte er seine ideologischen Ideen vom totalitären Staat dar. Oppositionelle Ideen gelangten durch Kontakte zur Emigrantenszene ins Land. Die Lebensumstände der im Land gemeinhin akzeptierten und integrierten Juden verschlechterten sich 1938 rapide, nachdem am 6. Oktober der Grosse Faschistische Rat den Rassengesetzen zustimmte. Dies traf etwa besonders Livorno, wo besonders viele Juden lebten. Denn in der toskanischen Hafenstadt hatte man 1593 die Costituzione Livornina erlassen, die Freiheit und Schutz für alle in der Stadt Asyl Suchenden garantierte. Diese von Toleranz geprägte Atmosphäre zog Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen an. So entwickelte sich in Livorno eine der grössten und reichsten jüdischen Gemeinden Italiens. Der antifaschistische Widerstand in der Toskana war grösser als anderswo.

Über 6000 jüdische Opfer

Ab 1939 bis zum Waffenstillstand 1943 wurden etwa 50 Konzentrationslager auf italienischem Boden errichtet, schreiben Sven Reichardt und Armin Nolzen, die Autoren des Buches «Faschismus in Italien und Deutschland». Dort wurden jene interniert, die für die Ziele der kriegsführenden Machthaber hinderlich waren, Ausländer aus feindlichen Staaten sowie alle ausländischen und viele italienische Juden. Ein Lager in Fossoli bei Modena wurde für die Inhaftierung und Begutachtung jener Juden benutzt, die nach Deutschland deportiert werden sollten – unter ihnen befand sich auch Primo Levi. Die Deportationen begannen im Jahre 1943. Heute gilt es gemäss den Zahlen des Deutschen Historischen Museums als gesichert, dass allein 6500 italienische Juden der Verfolgung während der NS-Zeit zum Opfer fielen. Grossstädte wie Livorno als wichtigste toskanische Hafenstadt wurden durch Luftangriffe der Alliierten schwer zerstört.       
1943 landeten die Alliierten in Süditalien. Im Rahmen einer Konferenz in Casablanca im Januar 1943 verständigten sich der britische Premier Winston Churchill und der US-Präsident Franklin D. Roosevelt auf die Eröffnung einer zweiten Front in Europa. Während die sowjetische Führung darauf drängte, diese neue Front zur Entlastung der Roten Armee im Osten zu eröffnen beziehungsweise starke Truppenkontingente in Frankreich aufzubauen, beschlossen die westlichen Alliierten, die Front in dem von Churchill als «weichen Unterleib» der Achse Berlin-Rom bezeichneten Süditalien zu errichten. Im Juli 1943  landeten Briten und Amerikaner auf Sizilien. Damit führten sie auch den Sturz Benito Mussolinis herbei, denn im kriegsmüden Italien lösten die Landung auf Sizilien sowie die ersten alliierten Luftangriffe auf Rom Mitte Juli 1943 Bestürzung aus, und im Juli kündigte der Grosse Faschistische Rat Mussolini die Gefolgschaft.

Auseinandersetzung mit der Vergangenheit

Einen Tag später liess König Viktor Emanuel III. den «Duce» verhaften. Offiziell erklärten der König und der neue Ministerpräsident Pietro Badoglio, sie wollten den Kampf loyal an der Seite des Verbündeten Deutschland fortsetzen. Geheimverhandlungen führten jedoch zu einem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten. Als Badoglio den Waffenstillstand am 8. September im Rundfunk verkünden liess, setzten die – längst vorbereiteten – deutschen Gegenmassnahmen unverzüglich ein: Entwaffnung und Gefangennahme der italienischen Streitkräfte in Italien, Südfrankreich und dem Balkan sowie die Besetzung Roms durch deutsche Truppen. In Nord- und Mittel¬italien stiessen sie auf den Widerstand der Partisanen. Die italienische Resistenza dauerte fast zwei Jahre, die Wende brachte erst das Jahr 1944: Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 und der schnellen Überwindung des «Atlantik-Walls», so das Deutsche Historische Museum, wurde die Sowjetunion, die die Hauptkriegslast im Kampf gegen NS-Deutschland trug, spürbar entlastet. Bereits Anfang Juli 1944 standen über eine Million alliierter Soldaten für die Befreiung in Frankreich. 1946 wurde die Italienische Republik ausgerufen.
1995, 50 Jahre nach Kriegsende, war es Zeit, mit Mythen aufzuräumen: Erstmals wurde am Vergangenheits- und Faschismusbild, wie es seit Kriegsende gepflegt wurde, ernsthaft gerüttelt: Auslöser dafür war ein Buch des römischen Historikers Renzo De Felice «Rosso e nero». Italien stand vor der ersten wirklichen Auseinandersetzung mit seiner totalitären Vergangenheit, der Rolle des Widerstands und mit den Auswirkungen auch auf die Demokratie bis in die heutige Zeit.    ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin. Sie lebt in Hamburg.