«Mit einer Stimme sprechen»

October 9, 2008
Am letzten Sonntag wurde Paul Spiegel zum neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Er tritt die Nachfolge des im Sommer verstorbenen Ignatz Bubis an. Im Vorfeld der Wahlen kam es teils zu heftigen Personaldebatten. JR-Korrespondent Igal Avidan unterhielt sich mit dem neuen Präsidenten in Berlin.
Nach den Wahlen: Charlotte Knobloch, Paul Spiegel, Michel Friedmann. - Foto Keystone

Jüdische Rundschau: Herr Spiegel, am vergangenen Sonntag wurden Sie neuer Präsident der jüdischen Gemeinde in Deutschland. Sie haben schon angekündigt, dass sie nicht an der «Omnipräsenz» Ihres Vorgängers, Ignatz Bubis, gemessen werden möchten. Was werden Sie anders tun als Bubis?
Paul Spiegel: Ich bin nicht bereit, meine Familie zu vernachlässigen, meine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, und meine Firma zu gefährden. Es wird keine one-man-show geben, sondern eine Aufgabenverteilung auf das gesamte Präsidium. Jeder wird sein Ressort als Dezernent übernehmen. Natürlich hat der Präsident die Gesamtverantwortung, aber obwohl es schwerer ist zu delegieren als alles allein zu machen, geht es nicht anders. Niemand kann erwarten, dass jemand kommt, der sich genauso einbringt wie Ignatz Bubis. Ich hoffe, dass man mich nicht an Ignatz Bubis messen wird, dann habe ich von vornherein verloren, denn ich habe weder den Willen noch die Möglichkeiten, mich zeitlich so einzusetzen, wie das Bubis getan hat.

JR: Vor kurzem sind Sie mit 21 der 29 Stimmen des Direktoriums («Länderkammer») ins Präsidium («Exekutive») gewählt worden und erhielten damit das beste Ergebnis. Bei dieser Wahl scheiterten alle drei Kandidaten der Berliner Jüdischen Gemeinde, der grössten in Deutschland, darunter der Gemeindevorsitzende Andreas Nachama. Wie bewerten Sie das Scheitern der Berliner?
PS: Ich bedauere es, aber ich kann es nicht ändern. Berlin hat drei Vertreter im Direktorium als grösste Gemeinde. Es war eine geheime Wahl und Andreas Nachama hat ein paar Probleme und ist nicht bei allen beliebt. Aber die Berliner Gemeinde ist selbst schuld, dass sie nicht mehr im Präsidium vertreten ist. Vor einem Monat hat die Ratsversammlung («Parlament», 79 Leute) drei Vertreter ins Präsidium gewählt. Und da war Berlin durch Moishe Waks vertreten. Bei der Wahl für diese drei hat Berlin ausser Waks noch Herrn Korenzecher und Frau Franke vorgeschlagen. Und da haben sich die Stimmen für die Berliner aufgeteilt zwischen den drei, und somit hat Waks nicht die genügende Anzahl bekommen. Und das ist, wie ich gehört habe, ganz bewusst gemacht worden, obwohl man wusste, dass die zwei anderen keine Chance haben, so dass Waks nicht mehr genügend Stimmen haben würde.

JR: Werden Sie eine Satzungsänderung unterstützen, um eine Beteiligung der jüdischen Gemeinde Berlins zu ermöglichen?
PS: Es läuft ein Antrag auf Satzungsänderung, so dass das Präsidium nach Ländern aufgeteilt ist. Ich bin dagegen, weil das terristische Prinzip im Direktorium gewahrt ist. Ins Präsidium sollen die neun Vertreter gewählt werden, von denen man glaubt, dass sie den Zentralrat leiten können und nicht weil sie zum Beispiel aus Berlin oder München kommen.

JR: Das Büro des Zentralrats ist in Berlin. Werden auch Sie nun in die Hauptstadt ziehen?
PS: Warum? Ich habe hier meinen Job. Diese Position des Präsidenten ist ein unbezahltes Ehrenamt. Es gibt noch nicht einmal eine Aufwandsentschädigung, sondern nur die Reisespesen werden ersetzt. Ich bin kein Millionär, aber ich muss meinen Betrieb führen. Natürlich müsste ich öfter nach Berlin fahren, aber das kann ich mit dem Flugzeug in 50 Minuten erreichen. Berlin ist eine spannende Stadt. Wenn ich 20–30 Jahre jünger wäre, wäre ich wahrscheinlich nach Berlin gegangen. Ich bin zwar noch nicht alt mit 62, aber einen nicht allzu jungen Baum zu verpflanzen? Nein.

JR: Wie gross ist das Medien-Interesse für die Jüdische Gemeinschaft?
PS: In Deutschland bin ich fast ein Medienstar geworden. Wieviele wissen, wie der Vorsitzende des Komitees der Katholiken heisst? Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir nicht 80 000 Menschen sind, sondern acht Millionen. Dazu hat Ignatz Bubis sehr viel beigetragen. Er war fast täglich auf dem Bildschirm, zu allen Fragen, war sehr beliebt und sehr gefragt und hatte einen Bekanntheitsgrad von über 99%. In diesem Sog sind wir jetzt drin.

JR: Die Medien berichten unter anderem auch über Aktivitäten der «Union der progressiven Juden» in Deutschland, die sich als Konkurrenz zum Zentralrat aufbaut. Wie stehen Sie zu den Aktivitäten des stellvertretenden Vorsitzenden dieser Union, Walter Homolka, der beim Innenministerium finanzielle Unterstützung beantragte?
PS: Wir betrachten ihn nicht als Juden und daher laden wir ihn vor unseren Gremien nicht ein. Wir wissen nur, dass er vor nicht so langer Zeit evangelischer Pfarrer geworden ist. Vielleicht braucht er das Judentum, um bekannt zu werden. Er soll uns in Ruhe lassen. Aber wir akzeptieren ihn nicht. Die Union hintertreibt eine Spaltung des Zentralrates. Ich weiss nicht aus welchen Gründen.»

JR: Was werden Sie unternehmen, um eine Spaltung des Zentralrats zu verhindern?
PS: Wir versuchen alles, damit die Juden innerhalb unseren Gemeinden bleiben. Und wir unterstützen auch die Bestrebungen innerhalb einer Gemeinde für verschiedene Richtungen. Wenn zum Beispiel in Düsseldorf morgen eine Gruppe kommt und sagt, sie will ihren eigenen liberalen Gottesdienst, dann bekommt sie von der Gemeinde alle Möglichkeiten. Laut unserer Satzung in Düsseldorf unterstützen wir alle religiösen Richtungen. Auch kann jede Gemeinde ihre religiöse Richtung selbst bestimmen. Oldenburg hat sich als eine liberale Gemeinde deklariert und eine Rabbinerin beauftragt. Ich würde in so eine Synagoge nicht hineingehen, weil ich es nicht gewohnt bin. Aber wenn eine Gemeinde das will, so what? Ich bin nur dagegen, dass sich Kulturvereine als jüdische Gemeinden titulieren oder dass eine \"Jüdische Gemeinde\", wo der Vorsitzende erwiesenermassen kein Jude ist, sich als solcher bezeichnet. In Ludwigshafen gab es so etwas. Oder wenn eine Gemeindesatzung gegen die jüdische Gesetzgebung verstösst.

JR: Sie sind aber ein Verfechter der Einheitsgemeinde. Warum?
PS: Wenn wir einen starken Zentralrat haben wollen, der bei der Bundesregierung für alle Gemeinden sprechen soll, dann müssen alle diese Gemeinden im Zentralrat vertreten sein. Wir müssen mit einer Stimme sprechen.

JR: Im Moment spricht der Zentralrat mit einer Stimme. Dennoch sind die meisten Gemeinden tief verschuldet und können daher zum Beispiel die Integration der Neueinwanderer kaum bewältigen. Woran liegt das?
PS: Die Kommunen (Städte und Kreise) sind selbst verschuldet. Wir versuchen, dass die Kommunen, die Länder und die Bundesregierung für die Integration Gelder zur Verfügung stellen. Aber das Geld ist hier nicht mehr so flüssig. Wir haben vom Bundesinnenministerium gehört, dass die Zuwendungen für den Zentralrat gekürzt werden. Wenn sich der Zentralrat einzig aus diesen schon jetzt knappen Mitteln finanzieren müsste, dann müssten wir zumachen. Überall hören wir von deutschen Politikern, dass sie sich freuen, dass Deutschland die drittgrösste jüdische Gemeinde in Westeuropa ist und die zur Zeit weltweit am stärksten wachsende Gemeinde. Wenn das so ist, dann müssen sie uns auch helfen.

JR: Eine Studie des Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam zeigt, dass das Hauptproblem der jüdischen Neueinwanderer ist, Arbeit zu finden. Rund 60-70% sind arbeitslos und nur nur ein Drittel der Erwerbstätigen sind mit ihrer beruflichen Situation zufrieden. Im Vergleich dazu sind nur 25% der «Aussiedler» (deutschstämmiger Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion) und nur 19% der Ausländer in der BRD arbeitslos. Wie erklären Sie diese Unterschiede?
PS: Nur 1% der jüdischen Einwanderer sprechen Deutsch. Und ohne die deutsche Sprache ist es unmöglich, in den Arbeitsprozess zu kommen. Es ist eine der Aufgaben der jüdischen Gemeinde, ihnen Sprachunterricht zu verschaffen. Und wenn sich die Alteingessesenen und die Neuzuwanderer sprachlich nicht verständigen, entstehen auch dort Probleme. Sie wollen sich integrieren und auch wir wollen dies. 75% von ihnen sind Sozialhilfeempfänger und zahlen daher auch keine Gemeindesteuer. Wenn es uns gelingt, ihnen bei der Integration zu helfen und sie mit offenen Herzen zu empfangen, dann werden sie bei uns bleiben. Wenn sie eine Arbeit finden, werden auch wir von ihren Steuern profitieren. Das wird aber noch lange dauern. Bis dahin haben 80% der Gemeinden enorme finanzielle Probleme.

JR: Wenn Sie nicht in der Lage sind, so viele Menschen aufzunehmen, warum verlangen Sie nicht, dass die Einwanderung zeitlich gestoppt wird?
PS: Ich wäre der letzte, der der Bundesregierung sagen würde \"lass keine Juden mehr nach Deutschland herein kommen\". Vor einigen Jahren sagte uns Bundeskanzler Kohl, er habe Probleme mit der israelischen Regierung, die nicht will, dass Juden nach Deutschland kommen. Bubis und ich sagten ihm, dass wir nie zur Einwanderung nach Deutschland aufrufen. Aber wenn Juden sich entscheiden, nach Deutschland zu gehen, haben wir als Juden die Pflicht, ihnen zu helfen.In den letzten Jahren sind 50 000 Juden aus den GUS-Staaten hierher gekom-men, und wir schätzen, dass in den nächsten drei Jahren noch 20 000 folgen werden.

JR: Sie sind seit Jahren ein enger Freund des Bundespräsidenten Johannes Rau, der als Ministerpräsident von Nordrheinwestfalen die jüdischen Gemeinden und Israel sehr unterstützt hat. Stimmt dieses Urteil?
PS: Ich kannte Johannes Rau bereits, als er Oberbürgermeister in Wuppertal war. Er hat eine tiefe Liebe für das jüdische Volk und den Staat Israel.

JR: Ihre Künstleragentur arbeitet unter anderem mit der Deutschen Bank, WestLB, Deutsche Lufthansa, Volkswagen AG, Deutsche Telekom, ZDF, NDR, SDR, dem Burda-Verlag und der Rheinischen Post. Sehen Sie keine Interessenkonflikte, wenn Sie gleichzeitig der oberste Vertreter der Juden in Deutschland sein werden?
PS: Ich bin für diese Firmen nicht im jüdischen Bereich tätig und ich bin in diesem Bereich nicht als ehrenamtlicher Jude bekannt geworden. Da sehe ich überhaupt keine Probleme, denn ich mache keine Öffentlichkeitsarbeit für diese Firmen, sondern vermittle Künstler für ihre Veranstaltungen. Natürlich im weitesten Sinne machen sie das für die Öffentlichkeit, aber das ist nicht meine Aufgabe.

JR: In seinem letzten Interview hat Bubis gesagt, er habe keine Annäherung zwischen Deutschen und Juden vorangebracht. Sehen Sie das anders?
PS: Es trifft nicht zu, dass Bubis nichts erreicht hat, sondern dass er nicht alles erreicht hat und das geht auch nicht, in sieben Jahren eine Normalität herbeiführen. Die wird es weder in dieser noch in der nächsten Generation geben.

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Zwischen Übergang und Kontinuität

Berlin / Spe. - Am letzten Sonntag wurde der 62jährige Paul Spiegel (vgl. Interview) zum neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Damit setzte er sich gegen die Gegenkandidatin Charlotte Knobloch (67), Vorsitzende der Münchner Gemeinde, mit sechs zu drei Stimmen durch. Diese hatte bereits nach dem plötzlichen Tod des früheren Zentralratsvorsitzenden Ignatz Bubis ihre Kandidatur angemeldet, was zu diesem Zeitpunkt von vielen kritisiert wurde. Als Vizepräsidenten wurden Frau Knobloch und Michael Friedman gewählt. In den Wochen vor der Wahl wurden zwei Kernfragen des zukünftigen Amtsinhabers öffentlich diskutiert: 1. Soll es eine Person sein, die den Holocaust selbst erlebt hat und aus dieser Erfahrung heraus wirken soll und 2. wo sollte das Schwergewicht des Wirkens liegen? Vor allem nach aussen, so wie Ignatz Bubis sich über Jahre in seiner Aufklärungsarbeit in der Öffentlichkeit aufrieb oder nach innen, um die unüberschaubaren Probleme der Gemeinden in Deutschland zu bewältigen. Nach seiner Wahl machte Spiegel deutlich, dass es ihm vor allem um die Integration der Zuwanderer und die finanzielle Absicherung der etwa 75 Gemeinden in Deutschland gehe.
So sprach er bereits am ersten Tag aus, was in Deutschland zwar immanent innerhalb der Gemeinden diskutiert, aber kaum öffentlich ausgesprochen wird: die Gemeinden sind mit der grossen Zahl der Zuwanderer aus Osteuropa überfordert und überschuldet, dies betrifft fast 80 Prozent aller Gemeinden in Deutschland. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der in Deutschland lebenden Gemeindemitglieder von 30 000 auf über 80 000 angewachsen. Sie sprechen zumeist kein Deutsch, sind arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger und zahlen kein Geld in die Gemeindekassen. Gespräche mit Bundeskanzler Schröder wolle Spiegel sehr bald auch bezüglich der Finanzierung der jüdischen Gemeinschaft führen, auch in Anbetracht leerer Kassen müsse eine Lösung gefunden werden. Auch kündigte er an, sofort Gespräche mit dem Berliner Gemeindevorsitzenden Nachama zu führen. Berlin ist die grösste Gemeinde Deutschlands, jedoch wurde kein Repräsentant in das Präsidium des Zentralrats gewählt. Dabei wird Spiegel, der als ruhiger Mann des Ausgleichs bekannt ist, auch die Fragen der religiösen Ausrichtungen der Gemeinden zu klären haben. Bisher galt, vehement schon über Jahrzehnte vom früheren Gemeindevorsitzenden in Berlin, Heinz Galinski, vertreten, das Gebot der Einheitsgemeinde in Deutschland. In der Öffentlichkeit wurde dies als gegeben vorausgesetzt. Doch in einer pluralistischen Gesellschaft müsse es auch Platz für verschiedene Ausrichtungen des religiösen Lebens geben, wird kritisiert.
Als «Zwischenlösung» oder «Präsident des Übergangs» wurde Paul Spiegel nach seiner Wahl in den Medien benannt. In dem Masse, wie er es schafft, die anstehenden Probleme zu bewältigen, wird sich zeigen, ob eine andere Person, weiblich oder jünger, die bessere Wahl gewesen wäre.