«Mit dem Kopf und dem Herzen stolpern»

von Valerie Doepgen, April 23, 2009
Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt seit mehr als acht Jahren sogenannte Stolpersteine und schuf mit seinem Projekt das grösste dezentrale Holocaust-Mahnmal der Welt. Mittlerweile wurden in mehr als 440 Städten rund 17 000 Stolpersteine verlegt – auch wenn diese nicht nur Befürworter haben.
STOLPERSTEINE DAS GRÄSSTE DEZENTRALE HOLOCAUSTMAHNMAL DER WELT

Der Grundgedanke des Projekts liegt darin, mit kleinen Gedenktafeln an das Schicksal der Menschen zu erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Freitod getrieben wurden. Die Stolpersteine sind zehn auf zehn Zentimeter grosse Quadrate aus Beton mit einer Oberfläche aus Messing, auf der mit einer individuellen Beschriftung an die Opfer erinnert wird. Die Steine werden auf gleicher Ebene mit dem Gehweg in das Strassenpflaster eingelassen – genau an dem Ort, an dem der jeweilige Mensch zuletzt gewohnt hat.
Einen ersten mit einer individuell beschrifteten Messingplatte versehenen Stein verlegte Gunter Demnig bereits am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der «Zigeuner», vor dem Rathaus in Köln. Im Jahr 1994 wurden 250 Stolpersteine in einer Kölner Kirche ausgestellt und Anfang 1995 verlegte der Künstler ohne behördliche Genehmigung die ersten von ihm persönlich kreierten kleinen Gedenktafeln in der Stadt. Im Jahr darauf beteiligte er sich mit seinem Projekt an der Ausstellung «Künstler forschen nach Auschwitz» in Berlin. Auch in der deutschen Hauptstadt platzierte er ohne offizielle Erlaubnis 51 der Gedenktafeln vor den Adressen ermordeter Juden – die Behörden stimmten kurz darauf zu, und eine im Grunde einfache Idee wurde Realität. Im Jahr 2000 durfte Demnig auch in Köln legal Stolpersteine verlegen – und seitdem wurde das Projekt nach und nach zu einer Art Selbstläufer, das von zahlreichen Menschen unterstützt wird, aber auch Kritik erfährt.
Demnigs Intention ist es, den Opfern, die von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Identität und ihre Namen zurückzugeben. Er schreibt auf seiner Website: «Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.» Die Tatsache, dass die Menschen sich bücken und hinunterschauen müssen, um die Namen im Messing lesen zu können, soll eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. Vor allem aber soll mit Hilfe der Stolpersteine, die oftmals in dicht besiedelten Wohnorten in den Boden eingelassen werden, die Schutz-behauptung vieler Zeitzeugen in Frage gestellt werden, die beteuern, die hätten von den Deportationen nichts bemerkt. Der Künstler betont zudem, dass es ihm nicht darum gehe, tatsächlich über die Steine zu stolpern und zu fallen – vielmehr sollen die Passanten «mit dem Kopf und dem Herzen» über die Gedenktafeln stolpern.

Engagierte Eigenproduktion

Die Daten über die Opfer und deren letzte Anschriften erhält Demnig aus lokalen Archiven und historischen Adressbüchern, eine grosse Hilfe stellt auch die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem dar, deren Verantwortliche die Stolpersteine in einem Brief an den Künstler als «wundervolles Projekt» anerkennen. Zahlreiche Initiativen und Gruppen von Schülern recherchieren auf eigene Faust, um die Aktion zu unterstützen.
Die Stolpersteine werden ausschliesslich in Handarbeit hergestellt, auch dies ist Wille des Künstlers, um einen Kontrapunkt zur maschinellen Tötung von Menschen zu setzen. Da die Nachfrage an Steinen, die jeder Mensch für 95 Euro pro Stück spenden kann, inzwischen so gross ist, lässt sich Demnig mittlerweile von einem befreundeten Künstler bei der Produktion unterstützen. Sobald die Daten für einen neuen Stolperstein vorliegen, wird der Text festgelegt, der in der Regel mit den Worten «Hier wohnte» beginnt, gefolgt von dem Namen des Opfers, dem Geburtsjahr und, sofern bekannt, auch dem Datum der Deportation und dem Todesdatum. Nachdem die Stolpersteine vor den letzten Wohnorten der Betroffenen verlegt wurden, gehen sie ins Eigentum der betreffenden Stadt oder Gemeinde über.

Kritik und Boykott

Auch wenn die Stolpersteine viel Zuspruch erfahren und jeden Monat zahlreiche von ihnen verlegt werden, so erntet das Projekt auch harsche Kritik. Allen voran stört sich die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, an den Stolpersteinen. Sie hielt diese von Beginn an für «unerträglich», da sie befürchtet, dass auf den Namen der ermordeten Juden nun «herumgetreten» werde und Hunde auf sie pinkeln könnten. Die Meinungen innerhalb des Zentralrats gehen allerdings auseinander, der Vizepräsident Salomon Korn befürwortet das Projekt und Generalsekretär Stefan Kramer bestätigte, es gehe ein «Für und ein Wider» mitten durch den Zentralrat der Juden.
Boykottiert wurde das Projekt bislang in München, wo es bis heute keine offizielle Genehmigung für Stolpersteine gibt – der Bürgermeister der Stadt, Christian Ude, ist ähnlicher Meinung wie Knobloch und hat die Steine generell verboten. Bislang gibt es in München daher nur einige wenige Stolpersteine auf privatem Grund – andere wurden sogar wieder entfernt, obgleich sie bei den Nachfahren der Opfer erwünscht waren. So begrüsste zum Beispiel der Mittachtziger Peter Jordan eine Gedenktafel an seine im Holocaust ermordeten Eltern vor deren ehemaligem Haus. Dennoch wurde der Stein kurz nach seiner Verlegung wieder von der Münchner Polizei entfernt und neu auf dem jüdischen Friedhof verlegt, was Jordan in einem Brief an Bürgermeister Ude als «eine zweite Deportation» beschrieb. Es gibt in München aber auch Befürworter der Aktion, die die Initiative Stolpersteine für München ins Leben gerufen und bislang schon mehr als 3000 Unterschriften gesammelt haben. Laut Reiner Bernstein, dem Vorsitzenden der Initiative, sei bislang allerdings vergeblich versucht worden, Knobloch und Ude umzustimmen. Zustimmung hingegen findet das Projekt auch in anderen Ländern: Ausser in Deutschland verlegte Demnig bislang Stolpersteine in Österreich, Holland, Polen, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. Weitere Stolpersteine für Belgien, Dänemark, Italien und Frankreich sind bereits geplant.
Am 26. April erhält Gunter Demnig in Lübeck den Erich-Mühsam-Preis, der alle zwei Jahre an Personen und Gruppen verliehen wird, die sich mit Zivilcourage und Idealismus für soziale Gerechtigkeit und verfolgte Minderheiten einsetzen. Die jüdische Gemeinde Düsseldorf wird den Erfinder der Stolpersteine für sein Werk im September mit der Josef-Neuberger-Medaille auszeichnen. Diese wird jährlich an nicht jüdische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vergeben, bisherige Preisträger sind unter anderem die ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau und Roman Herzog sowie die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Preisverleihung an Demnig begründet die Gemeinde damit, dass der Künstler den Menschen ihre Namen und damit ein Stück Würde und Identität wiedergebe.   

www.stolpersteine.com