Mission beendet
Dieser Tage hat die Jewish Agency ihr eigenes Todesurteil unterschrieben. Das Abkommen mit Nefesh Benefesh (NBN), der privaten Organisation, die bereits Tausende von Immigranten aus den USA und Kanada nach Israel gebracht hat, sieht vor, dass die Agency ihre Alija-Aktivitäten in Nordamerika einstellen und dass NBN zur einzigen Adresse für all jene wird, welche den Schritt wagen wollen. Das bedeutet: Die Jewish Agency gibt ihre historische Mission in der grössten jüdischen Diasporagemeinde auf. Das Abkommen unterstreicht auch die grundlegende Verschiebung in den Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora.
In den Pressemitteilungen, welche das Ende der langwierigen Verhandlungen und einer sich über mindestens zwei Jahre erstreckenden bitteren Rivalität zwischen den beiden Organisationen verkünden, betont die Jewish Agency, dass sie weiter exklusiv verantwortlich für die Kriterien bleibe, welche bestimmen, ob ein potenzieller Immigrant die israelische Staatsbürgerschaft beantragen kann. Auf diese Weise würde sie, so behauptet die Organisation, ihr Engagement im Alija-Prozess aufrechterhalten. Effektiv handelt es sich hier aber um kaum mehr als eine klerikale Funktion, welche gewiss keiner umfangreichen Aktivitäten bedarf. Warum hat die Jewish Agency auf die Alija verzichtet? Es geschah ohne grosse Begeisterung. Der Kampf gegen NBN war lang, und eine gehörige Schlammschlacht gehörte auch dazu. Sogar jetzt noch beharrt die Jewish Agency darauf, dass die Alija zuoberst auf ihrer Prioritätenliste steht. Letztlich hat die ehrwürdige Organisation aber die Unvermeidlichkeit des Schritts eingesehen. In den vergangenen Jahren kamen jedes Jahr rund 18 000 Immigranten nach Israel, und diese Zahl dürfte weiter sinken, nachdem die Regierung beschlossen hat, keine Falashmura mehr aus Äthiopien nach Israel zu bringen.Es gibt fast keine Alija aus «Ländern der Bedrängnis» mehr. Einige tausend emigrieren weiter jedes Jahr aus der ehemaligen Sowjetunion, doch die meisten sind schon in den Einwanderungswellen der 1990er Jahre eingetroffen. In Russland, der Ukraine und den anderen Republiken entstehen neue und wiederbelebte Gemeinden mit gebildeten, jungen und wohlhabenden Mitgliedern, die ein jüdisches Leben haben wollen, und die Israel lieben, gleichzeitig aber ganz glücklich an ihrem heutigen Wohnort sind. Über 90 Prozent der Juden der Welt leben in den reichen Ländern des Westens, und sogar jene, die in weniger wohlhabenden Umgebungen wohnen, sehen Israel nicht unbedingt als ihr letztes Refugium.
Nur eine Handvoll der rund 20 000 iranischen Juden haben das Land der Ajatollahs verlassen. Zehntausende Juden emigrierten im vergangenen Jahrzehnt aus Südafrika, doch die grosse Mehrheit liess sich in Australien nieder. Sogar in dem vom Krieg zerrissenen Georgien gibt es keine Anzeichen für eine Stampede in Richtung Flughafen.
Weder die Jewish Agency noch andere staatlich-israelische Stellen, die sich mit der Heimschaffung von Olim befassen, ignorieren die Situation. Man verschob Finanzen in Richtung auf das grösste Reservoir an potenziellen Immigranten auf der Welt: Nordamerika. Es entstand der Begriff «Alija aus freier Wahl», und man bereitete Pakete an wirtschaftlichen Anreizen vor, um Israel in den Augen dieser jüdischen Bourgeoisie attraktiver zu machen. Die Jewish Agency und das Ministerium für Absorption sind aber keine finanziellen Giganten. Ihre Budgets reichen nicht aus, um Israel zu einer profitableren Umwelt für Mitglieder dieser oberen Mittelklasse in den reichsten Ländern der Welt zu machen.
Für die Jewish Agency, die mit einem 30-Million-Dollar-Defizit und mit inkompatiblen Forderungen ihrer ausländischen Grossspender zu kämpfen hat, erwies es sich als unmöglich, mit der PR-Offensive von NBN zu konkurrenzieren. In wenigen Jahren hat die junge Organisation eine auf Website und Internet basierende Tätigkeit entwickelt, die mögliche Immigranten mit Informationen speist, etwa mit Lösungen für ein Dach über dem Kopf oder Beschäftigung. Sie vermittelt ferner Wissen über den Prozess vor und nach der Ankunft in Israel und natürlich auch einen bedeutsamen finanziellen Zuschuss.
Trotz all diesen Rummels gibt es aber noch keine Anzeichen für eine eigentliche
Alija-Welle aus Amerika. Höchstens 1000 oder 2000 Personen mehr pro Jahr,
was nichts bedeutet gegenüber den sechs bis sieben Millionen Juden, die
immer noch dort leben. Man weiss auch nicht, wie viele von jenen, die unter
der Schirmherrschaft von NBN nach Israel kamen, den Schritt dank der Bemühungen
der Organisation getan haben und wie viele auf jeden Fall gekommen wären.
Für die Jewish Agency war es nicht leicht, auf die Alija-Hegemonie zu verzichten.
Noch vor einem Jahr versuchte ihr Chef Zeev Bielski Opposition zu machen gegen
den Regierungsbeschluss, der privaten Alija-Organisation Zuwendungen aus dem
laufenden Budget zu geben. Die meisten der führenden Leute der Jewish Agency
haben inzwischen aber eingesehen, dass diese sich, will sie zu einem bedeutsamen
Mitspieler werden, auf den Bereich Erziehung zu konzentrieren hat und ihre Budgets,
die sowieso von der Grosszügigkeit der Diasporajuden abhängen, auf
die Stärkung der jüdischen Identität unter der jüngeren
Generation zu verwenden hat.
Der Apparat der Alija-Emissäre kann keine Resultate mehr liefern und wird deshalb aufgehoben werden müssen. Auch die politische Führung ist an ihrem Ende angelangt. In seiner Rede vor dem Board of Governors der Jewish Agency hatte Premier Ehud Olmert vor einigen Monaten alles klar gemacht, als er sagte, Israel müsse aufhören, im Weltjudentum nur eine Quelle von Spenden und Personal zu sehen. Vielmehr müsse man, so Olmert, auch dann beginnen, die Verantwortung für die Zukunft von Gemeinden zu übernehmen, wenn deren Mitglieder nicht unmittelbar die Immigration nach Israel planen.
Sogar die engsten Vertrauten eines Ariel Sharon haben begriffen, dass seine Vorgabe, im Verlaufe eines Jahrzehnts eine Million Menschen nach Israel zu bringen, unfundiert war. Weder der Jewish Agency noch privaten Organisationen wird es gelingen, auch nur ein Viertel dieser Summe zu mobilisieren. Die Menschen wollen schlicht nicht nach Israel kommen. Sogar jene, die in der Immigration von Juden nach Israel eine oberste Wertgrösse sehen, gelangen allmählich zum Schluss, dass Israel sich wie andere entwickelte Länder zu benehmen habe, das gebildete und produktive Immigranten anziehen will: Man habe sich auf Versuche zu konzentrieren, die lokale Wirtschaft zu verbessern, damit Israel zu einer vernünftigen oder gar zur Präferenz-Alternative wird.
Die Masseneinwanderung hat aufgehört, eine nationale Mission zu sein. Auch wenn Israel entschlossen ist, seine Fähigkeit aufrechtzuerhalten, in Notzeiten eine grosse Anzahl von Juden aufzunehmen, darf es nicht länger Lippenbekenntnisse bezüglich der Alija machen, sondern sollte seine Bemühungen mehrheitlich darauf konzentrieren, eine israelische Gesellschaft aufzubauen, die all ihren Einwohnern zugute kommt: den alteingesessenen, den Neuankömmlingen und den noch nicht Geborenen.