Miró, Monet und Matisse

Von Marianne Karabelnik, October 19, 2011
In einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich werden zum ersten Mal Werke aus der privaten Sammlung der Kunsthändlerfamilie Nahmad gezeigt.
Joan Miró «Snobistische Abendgesellschaft bei der Prinzessin», ca. 1946

Der Titel der Ausstellung ist Programm: Der Besucher dieser Schau, die morgen Freitag eröffnet wird, wird über 100 ausgewählte Werke von Impressionisten und Vertretern der Klassischen Moderne sehen können, beginnend mit Arbeiten von Claude Monet aus dem Jahr 1884 und endend mit solchen von Joan Miró und Pablo Picasso aus den siebziger Jahren. Neben diesen Eckpfeilern figurieren Künstler wie Pierre-Auguste Renoir, Henri Matisse, Amedeo
Modigliani, Wassily Kandinsky oder Max Ernst. Ein Schwerpunkt ist Picasso, aber auch Kasimir Malewitsch und Piet Mondrian sind mit je einer Arbeit vertreten. Es sind alles Künstlernamen, die nicht nur für einen grossen Besucherstrom im Ausstellungsprogramm des Kunsthauses Zürich sorgen werden, sondern auch das Segment spiegeln, in dem sich die Nahmads als heute wohl erfolgreichste Kunsthändler auf dem Sekundärmarkt weltweit bewegen.

Kommerz und Sammelleidenschaft

Bisher war der Name Nahmad ausserhalb der Kunstwelt nur wenigen bekannt, dafür umso mehr dem professionellen Umfeld – als schwergewichtige Händler und Zulieferer für Sammler von bedeutenden klassischen Werken, aber ebenso als grosszügige Leihgeber für Museumsausstellungen. Es wird dieser letztere Faktor ausschlaggebend gewesen sein, dass das Kunsthaus Zürich sich dazu entschlossen hat, aus dem nachgesagt unermesslichen Bestand an Kunstwerken eine Auswahl davon zu treffen, was die Familie als unveräusserlich taxiert. Ein solcher Entscheid des Kunsthauses Zürich und seines Direktors, Christoph Becker, ist mutig, denn die Fachwelt steht der musealen Präsentation einer Sammlung aus dem Besitz von Kunsthändlern äusserst skeptisch gegenüber und vermag die Trennung von Kommerz und Sammelleidenschaft nur schwer nachzuvollziehen.
Weil bei einem Händler unweigerlich die Frage aufkommt, ob die Werke später auf den Markt gelangen, galt es bisher als ungeschriebenes Gesetz, dass ein öffentliches Museum seine Räume nur für eine rein private Sammlungstätigkeit zur Verfügung stellt. Dabei wird gerne übersehen, dass viele Museumsbestände nicht nur vom merkantilen Talent und der Beraterfunktion, sondern ebenso von der Philanthropie grosser Kunsthändler reichlich profitiert haben. Solche Spuren führen im 20. Jahrhundert zu vielen grossen Museumssammlungen in Europa und den USA, und es gibt viele Zeugnisse dafür, wie unentbehrlich die Hingabe des Händlers zur Kunst für die einzelnen Karrieren jener Maler war, die nun in dieser Ausstellung versammelt sind. Und nicht zuletzt verdankt gerade das Kunsthaus Zürich seine Bestände an italienischem Barock und venezianischem
18. Jahrhundert sowie an ergänzenden Werken der holländischen Malerei der privaten Sammlung von Betty und David Koetser – auch er im 20. Jahrhundert ein tüchtiger Kunsthändler. Sind solche Einwände also noch zeitgemäss und müssen sie deshalb zurechtgerückt werden? Hat nicht die Praxis das museale Denken bereits überholt? Immer mehr veräussern heute private Sammler ihre Werke und werden damit in gewisser Weise auch zu Händlern. Ihrem Interesse ist es ebenso wenig fremd, mit der Sanktion eines Museumsauftritts an eine Wertsteigerung zu denken.

Ein Mythos

Andererseits gibt es in den privaten Häusern von Kunsthändlern glanzvolle Bestände grosser Künstlernamen, Solisten unter einer Vielzahl von Kunstwerken, die eine besondere Bedeutung für ihren Besitzer einnehmen - dort wurde das Preisetikett durch die Passion verdrängt. Die Familie Nahmad wird darin keine Ausnahme sein, auch wenn sich hier noch ein bisschen anders auszunehmen scheint. In einem Interview zur Ankündigung dieser Ausstellung im «Artmarket Monitor» bemerkte Helly Nahmad, Direktor der Helly Nahmad Gallery in London, dass durch die Ausstellung auch der Familie die Möglichkeit gegeben würde, diese 120 Werke zum ersten Mal zusammen zu sehen.
Ein bisschen anders als bei anderen Sammlern ist das schiere Ausmass an Volumen, mit dem diese Familiendynastie handelt, und ebenso der Bestände, über die sie verfügt. All dies, zusammen mit der Verschwiegenheit des Kunstgeschäfts im allgemeinen, trägt zu einem Mythos bei, und um Mythen ranken sich Gerüchte bekanntlich besonders gern. In Wahrheit hat die Familienbiografie der Nahmads – aber wohl auch Temperament und Charakter ihrer einzelnen Mitglieder – dazu beigetragen, dass aus einer Hingabe ein gutes Geschäft wurde.

Spiel und Risiko

Die heute im Kunstbetrieb tätigen Nahmads entstammen einer wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie aus Aleppo in Syrien, die in den vierziger Jahren aus politischen Gründen nach Beirut wechselte und schliesslich Ende der fünfziger Jahre nach Mailand umzog. Joseph, einer der Söhne, begann leidenschaftlich Kunst zu sammeln. Ihm zogen später die jüngeren Brüder Ezra und David nach, beide zudem ausgestattet mit einem ausgeprägten Sinn für Spiel und Risiko, der ihnen auch im Kunsthandel zugutekommen musste. Ezra und David Nahmads Söhne – beide mit dem Namen Helly – folgten ihren Vätern. Sie leiten heute die Galerien in New York und London und arbeiten in engem Verbund mit ihren Vätern. 
In den spärlichen Beiträgen und Interviews, die bisher über die Familie Nahmad veröffentlicht wurden, tauchen denn auch häufig Begriffe wie «risk management» auf, die für gewöhnlich dem Investmentbereich vorbehalten sind. Es sind Ausdrücke, die in Verbindung mit Kunst so ungern ausgesprochen werden und die in die Praxis umgesetzt dennoch für Umsatz sorgen. Umso aufschlussreicher wird es für den Besucher dieser Ausstellung sein, welche Werke die Familie der Spekulationsfreude entzogen und für sich zurückgestellt hat. An ihnen wird man messen können, wo die persönlichen Vorlieben liegen, und die Fachwelt wird vor allem deren Qualität beurteilen. Für die verschwiegene und mit Informationen zurückhaltende Familie selbst bedeutet dieser Schritt an die Öffentlichkeit aber auch eine Form von Selbstbeschreibung und eine wohl fragile Offenbarung dessen, was das Resultat einer Generationen übergreifenden Beschäftigung mit Kunst sein kann.    


Bis 15. Januar 2012. Der Katalog zur Ausstellung enthält neben Texten zu den ausgestellten Werken und dem Beitrag «Markt und Moderne 1900–1950» von Lukas Gloor auch ein Interview mit Helly Nahmad über den Beginn und die Hintergründe der Familie als Kunsthändler und Kunstsammler.