Milch, Honig und auch Erdgas

von Joseph Canaan, October 9, 2008
Jetzt ist es amtlich: Der Staat Israel verfügt über Erdgasreserven, die nach dem gegenwärtigen Stand die volle Versorgung der Wirtschaft für die kommenden 15 Jahre gewährleisten. Diese vom Minister für Nationale Infrastrukturen, Eli Suissa (Schas) unterzeichnete Mitteilung symbolisiert den Beginn eines ganz neuen Kapitels in der Geschichte des jüdischen Staates. Laut der Bibel ist Israel ein Land, in dem Milch und Honig fliessen. Jetzt gibt es auch Erdgas.
Israel setzt auf Erdgas: Bald soll nicht nur noch Honig fliessen. - Foto Archiv JR

Bisher hat die Öffentlichkeit auf dieses Ereignis mit Zurückhaltung reagiert. Viele wollten es nicht so recht glauben, denn 52 lange Jahre haben Behörden und die explorierenden Gesellschaften an ihrer Glaubwürdigkeit Zweifel aufkommen lassen. Wiederholt veröffentlichten sie Zweckmeldungen, man habe «Erdgasspuren» entdeckt. Diese Mitteilungen trieben die Kurse der Mineralölaktien, die an der Börse Tel Aviv gehandelt werden, in schwindelerregende Höhen. Interessenten und Spekulanten sahnten saftig ab. Einige Tage später hiess es lakonisch: Die Erwartungen haben sich nicht erfüllt - Fehlanzeige. Die Börsenkurse sackten ab, die Spekulanten kassierten, die Anleger hatten das Nachsehen.Entmutigt von langen und aufwendigen Misserfolgen verstärkte sich der Trend, das Handtuch zu werfen und zum Rückzug aus dem enttäuschenden Explorationsgeschäft zu blasen. Nur Avner Oil & Gas sowie Isramco blieben hart am Ball und wurden fündig. Sie entdeckten drei maritime Erdgasfelder in der Nähe der israelischen Mittelmeerküste. Diese überraschende Entwicklung erwirkte sofort die Intensivierung der Explorationsarbeiten und Investitionen durch lokale und ausländische Gesellschaften, die bereits Morgenluft und ein lukratives Geschäft wittern. Ein Unternehmen, das schon kräftig mitmischt, ist der internationale Energieriese British Gas.
Für die israelische Ökonomie, die bisher ein Nettoimporteur von Treibstoffen ist und für die benötigten Mengen oft höhere Preise berappen muss, zeichnen sich jetzt neue Perspektiven ab, die nicht nur auf wirtschaftlichen Überlegungen beruhen. Hinfällig geworden sind damit die Pläne, flüssiges Erdgas aus Norwegen, Russland und einigen arabischen Golfemiraten einzuführen. So ein Projekt wäre mit enormen Investitionen verbunden und wird von Fachleuten als wirtschaftlich unrentabel bezeichnet. Seit seiner Gründung vor 52 Jahren ist Israel auf intensiver Suche nach Erdöl und Erdgas in den verschiedenen Landesteilen. Ca. 1,45 Mrd. $ wurden bisher in diese durchwegs ergebnislos verlaufenen Projekte investiert. Selbst renommierte und erfahrene Unternehmen aus dem Ausland gaben auf und zogen sich zurück. Dagegen argumentierten Geologen und andere Experten, aufgrund der üppigen Erdöl- und Gasvorkommen in Libyen, Syrien und Ägypten sei anzunehmen, dass auch in Israel solche Ablagerungen bestehen, wahrscheinlich im Mittelmeer, 20 bis 30 km von der Küste entfernt. Dort wurden jetzt die Firmen Avner Oil & Gas und Isramco fündig. Laut Tests und Gutachten von Fachleuten sind die bisher entdeckten Felder befähigt, die Erdgasversorgung Israels für die kommenden 15 Jahre zu gewährleisten. Die Experten argumentierten immer wieder, man müsse Ausdauer haben und die Explorationsarbeiten zielstrebend fortsetzen. Den geologischen Formationen zufolge gäbe es im östlichen Mittelmeer grosse Erdöl- und Gas-Ablagerungen.
Bereits seit Jahren plant die Energiewirtschaft die Umstellung auf umweltfreundliche und preiswertere Erdgasbefeuerung. In diesem Zeitraum wurden Verhandlungen mit Kairo geführt, die jedoch infolge politisch motivierter Unterbrechungen bisher ergebnislos verliefen. Für die Ägypter ist Erdgas nicht nur eine Ware, sondern auch ein politischer Hebel. Israel verlangte Bürgschaftszusagen für kontinuierliche Erdgaslieferungen, um zu verhindern, dass Kairo zur Ausübung von politischem Druck den Gashahn zudreht. Vor einem Jahr signalisierten die ägyptischen Behörden den im Nilland tätigen Erdölgesellschaften Agip und BP Amoco, den Bau einer ca. 220 km langen sogenannten Friedens-Pipeline durch die Sinai-Halbinsel nach El Arisch, mit Zweigleitungen nach Israel, Jordanien und den palästinensischen Gebieten zu beginnen. Wieder zogen sich die Verhandlungen ergebnislos hin. Zum richtigen Zeitpunkt ist Israel fündig geworden, und damit wurden neue wirtschaftliche und politische Realitäten geschaffen. Minister Suissa wollte Kairo schon lange eine Lektion verpassen. Er sagte die Verhandlungen kurzfristig ab. Trotzig reagierte Ägyptens Botschafter Mohammed Bassiuoni vor der Presse: «Wir gratulieren Israel und werden wann immer benötigt Erdgas liefern.»
Für die Erdgasbefeuerung vorgesehen sind die mit teurem Dieselöl betriebenen Kraftwerke der Israel Electric Corporation und die petrochemischen Werke in der Bucht von Haifa. Sie sollen in der ersten Umstellungsphase ca. drei Mio. kbm Erdgas im Jahr im Wert von 320 Mio. $ benötigen. Die Erdgasfunde werden sich auch auf die hohen Ausgaben für Treibstoffimporte positiv auswirken. Sie stiegen schon 1999 um 19,2% auf 2,1 Mrd. $ und werden in diesem Jahr infolge der explodierenden Erdölpreise auf 2,7 Mrd. $ geschätzt. Die mit der Erdgasbefeuerung erzielten Einsparungen dürften sich auf 120 bis 140 Mio. $ im Jahr beziffern. Mit den Funden hat sich auch das Problem Geld für neue Explorationen, Finanzierung der Rohrleitungen, des Verteilernetzes und anderer Anlagen von selbst gelöst. Die benötigten Mittel werden inzwischen auf 200 bis 250 Mio. $ geschätzt. Die an der Tel Aviver Börse gehandelten Energiewerte legten ein fulminantes Kursfeuerwerk hin, das bester Garant für massiven Kapitalnachschub ist.