Mikrokosmos Kaufhaus
Am Anfang waren wandernde Händler und Marktbuden. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts hatten unternehmungslustige Händler in Europa und den jungen USA einen Heureka-Moment: Statt ihre Waren zu den Kunden zu bringen, konnten Kaufleute ihr Sortiment attraktiv an einem festen Standort arrangieren und die Konsumenten zu sich kommen lassen. Ermöglicht von den im Zug der Industrialisierung rasant wachsenden Städten, wurde so das Kaufhaus geboren. Dank grösserer Umsätze konnten die modernen Basare den Einzelhandel mit niedrigeren Preisen aus dem Feld schlagen. Diese Idee erwies sich zunächst in Metropolen wie London, Paris, Berlin, New York und Philadelphia als erstaunlich erfolgreich. Um 1900 war das Kaufhaus dann zur dominierenden Form des Warenhandels in Europa und den USA geworden.
So lässt sich eine Entwicklung zusammenfassen, deren Geschichte wir auf den folgenden Seiten darstellen. Zahlreiche Kaufhausgründer trugen Namen wie Wertheim, Straus, Marks oder Gimbel. In den USA waren es vor allem jüdische Einwanderer aus Deutschland, die nach 1860 zunächst in den Metropolen, dann aber in jeder Stadt mit mehr als 50 000 Bewohnern Kaufhäuser gründeten. Daneben errichteten angelsächsische Pioniere wie Alexander Turney Stewart, John Wanamaker oder Marshall Field prächtige Gebäude, die bald Namen wie «Marmorpalast» trugen und ein breites Warenangebot mit einem breiten Sortiment anboten. Das Handelsformat «Kaufhaus» wurde zum Motor der Urbanisierung. In seinem Umfeld entstanden neue Berufe, die auch Frauen den Weg zur Emanzipation eröffneten. Dass die modernen Printmedien ohne Kaufhausanzeigen kaum ihre reiche Blüte hätten entfalten können, sei hier nur nebenbei bemerkt. Die Gründer erwiesen sich als pflichtbewusste Bürger und trugen wesentlich zum Bau von Museen oder zu Gründungen anderer städtischer Einrichtungen bei.
Wie etwa die Geschichte der Familie Straus in New York zeigt, arbeiteten jüdische Unternehmer kongenial mit Angelsachsen wie Rowland Hussey Macy zusammen. Das Kaufhaus Macy´s ist ein exzellentes Beispiel für die Entwicklung des Genres, verdankte es seinen frühen Erfolg doch preiswerten Waren, die breite Schichten der Bevölkerung anzogen. Erst in den «goldenen Zwanzigern» vor der Weltwirtschaftskrise wandelte sich Macy´s zu einem opulenten, mit modernster Technik ausgestatteten Konsumtempel, der auch Luxusgüter offerierte. Kaufhäuser verstanden sich als Vorreiter der Moderne und übernahmen vor allem in den USA eine «erzieherische Mission», indem sie ihrer Kundschaft nicht nur Mode aus Paris nahebrachten, sondern auch Avantgarde-Kunst. Dass der Kaufhausgründer Salman Schocken auch als Verleger Geschichte gemacht hat, ist da nur folgerichtig.
Ihre zentrale gesellschaftliche Stellung liess die Warenhäuser zu Orten werden, an denen gesellschaftliche Konflikte ausgetragen wurden. So hinterliess die «Arisierung» der Geschäfte von Wertheim, Tietz oder Emden (KaDeWe) in Deutschland Narben, die bis heute zu Restitutionsprozessen führen. Inzwischen haben die klassischen Kaufhäuser ihre vorherrschende Stellung an Einkaufszentren oder an Ketten wie Wal-Mart abgegeben. Doch bis heute ist eine «Weltstadt» nicht ohne prächtige Kaufhäuser denkbar. Wer nun zum Feiertagseinkauf in Berlin, Paris, London oder New York in einen der alt-neuen Konsumtempel tritt, wird dort nicht nur von teurem Parfüm umweht, sondern auch vom Atem der Geschichte.