Mikrokosmos am Bosporus
Istanbul mit all seinen krassen Kontrasten ist wie erschaffen als Kulisse für die türkische Literatur. Auffallend viele Romane spielen hier. Auch Mario Levis Annäherung ans Leben der Minderheiten erzählt von Istanbul, genauer: vom Alltag im europäisch geprägten, vielsprachigen und multireligiösen Viertel unter dem Gala¬taturm in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von seinem Balkon in Kadiköy, einem lebhaften Stadtteil am asiatischen Bosporusufer, kann der Schriftsteller das Viertel sehen – aus ziemlicher Distanz. Levis Blick ist ohnehin ein anderer: In «Istanbul war ein Märchen» erweckt der 52-Jährige die Vergangenheit zum Leben. Er verwandelt vergessene Geschichte in Geschichten von Menschen aus Fleisch und Blut. Und so holt er jenen schillernden Mikrokosmos zurück, in den er einst selbst hineingeboren wurde, um als Heranwachsender mit jedem Jahr ein bisschen mehr davon zu verlieren. Deshalb der Titel in der abgeschlossenen Vergangenheit.
Da sind der levantinische Monsieur Aldo und die thrakische Madame Roza, da ist Sedat, der Araber, dessen armenischer Vater aus Antayka und die jüdische Mutter aus Antep stammten. Und da ist allen voran Monsieur Jacques, ohne den es das ganze Buch nicht gegeben hätte, denn in dieser literarischen Figur verbirgt sich Mario Levis Grossvater, ein jüdischer Händler aus Istanbul. Auch er hatte sein Geschäft am Fusse des Galataturms, dort, wo früher in sieben Synagogen gebetet wurde. Hunderte von Stunden befragte Levi ihn zum Leben von einst, zu den Hoffnungen und zu den Ängsten jener, die sich nach dem Zusammenbruch des osmanischen Vielvölkerreichs nach dem Ersten Weltkrieg bald in einer Art Aussenseiterrolle wiederfanden. Istanbul, die glanzvolle, kosmopolite Kapitale von einst, war ihrer politischen Bedeutung beraubt. Jäh dieser Abstieg. Und unaufhaltsam der Wandel hin zur türkischen Riesenstadt, von der keiner weiss, wie viele Einwohner sie heute hat, 14 oder gar 15 Millionen.
Literarisches Kaleidoskop
Nachdenklich erzählt Mario Levi von der Entstehung seines Buchs. Damals, in den politisch aufgeputschten siebziger Jahren, hatte ihn der Grossvater gewarnt: «Wenn du das aufschreibst, kannst du Probleme bekommen; es ist in diesem Land gefährlich, Schriftsteller zu werden; und noch gefährlicher ist das, wenn man Jude ist.» Dann, 1980, kam der Militärputsch, und bleierne Stille überfiel das Land. Der Autor wartete geduldig, er liess die Geschichten in sich wachsen, und dann, selbst gereift, machte er sich ans Werk. Er hatte das Gefühl, eine Lebensaufgabe zu vollbringen. Sieben Jahre schrieb er. 1999 kam der Band heraus: das richtige Buch zur richtigen Zeit. Begeistert haben es die Leser aufgenommen – vielleicht auch deshalb, weil das literarische Kaleidoskop unbekannte Sichtweisen vermittelt, jene zum Beispiel von Mimiko. Der Junge ist der einzige jüdische Schüler seiner Klasse. Doch erst, als die anderen ihn zu hänseln beginnen, fällt ihm selber das auf. Er lernt fürs Leben: «Wenn ein Mensch anders ist, dann nimmt er seine Andersartigkeit überall mit.»
Die Kultur in der Türkei entdeckt die Minderheiten. Dieser Trend fällt auf. Autoren, Musiker, Filmregisseure, Künstler – viele beschwören heute die Vielfalt des Landes, seinen Reichtum. Es ist geradezu en vogue, die multiethnische und multireligiöse Vergangenheit aufleben zu lassen. Und auch als die Türkei sich 2008 auf der Frankfurter Buchmesse als Gastland präsentierte, tat sie dies gemäss dem selbst gewählten Motto: «Die vielen Farben der Türkei.» Zur offiziellen Delegation zählten auch kurdische, armenische und jüdische Autoren – so wie Levi, dessen Istanbul-Buch 2008 auf Deutsch erschien. Dieser Aufbruch hat nicht zufälligerweise in Zeiten der Öffnung, der Annäherung an Europa und der Globalisierung an Dynamik gewonnen. Er schärft den Blick für genau jene Unterschiede, die so lange verdeckt gewesen sind, weil nach 1923, dem Geburtsjahr der türkischen Republik, die Türkisierung vorangetrieben worden ist. Die Grundformel des frisch erschaffenen Staates lautet: «Glücklich wer sagt, ich bin ein Türke.» Minderheiten kommen in dem Satz von Mustafa Kemal Atatürk, dem Erfinder der neuen Doktrin, des Kemalismus, nicht vor. Sein Ausspruch beschreibt bis heute das Selbstverständnis des Staates – nur, dass dessen alleinige Deutungshoheit nicht mehr so selbstverständlich ist.
So wie sich das Viertel um den Galataturm seit Ende der Neunziger erneuert, wie es sich nach Jahrzehnten des Verfalls zum mondänen Bohemequartier mausert, so frischt sich der Blick auf die Vergangenheit des Landes auf. Nicht mehr allein der triumphale Gründungsmythos der Republik wird beschworen. Mehr und mehr drängen auch die schmerzhaften Kapitel der Nationalgeschichte an die Oberfläche. Man spricht jetzt darüber, dass im September 1955 ein nationalistisch aufgehetzter Mob am Galataturm vorbei nach Beyoglu zog, die Häuser und Geschäfte der Griechen, Armenier und Juden plünderte, Kirchen und Synagogen schändete. Auch bei Levi kommen diese sogenannten September-Ereignisse vor. Vor ein paar Jahren waren erstmals Fotos von den Verwüstungen zu sehen. Jetzt sind sie sogar Stoff fürs populäre Kino: Im Januar kam der Film «Güz sancisi» (Pains of Autumn) ins Kino. Yilmaz Karakoyunlu, der Autor der Romanvorlage, hat ein Gespür für solche Themen. Einige Jahre zuvor erzählte er in «Frau Salkims Perlen» von der Vermögenssteuer, die der türkische Staat vor allem jüdischen und christlichen Selbstständigen im Zweiten Weltkrieg auferlegt hatte. Die wenigsten konnten das Geld bezahlen. So kamen viele Betriebe in türkische Hand, und der Abwanderungsdruck im noch jungen Nationalstaat, den Corry Guttstadt in ihrem Sachbuch «Die Türkei, die Juden und der Holocaust» anschaulich beschreibt, wirkte weiter. In den offiziellen Geschichtsbüchern findet sich zu all dem wenig.
Mit- oder nebeneinander?
Viele jüdische und christliche Familiengeschichten in der Türkei berichten von Druck und Diskriminierung. Einerseits – denn andererseits erzählen sie auch von traditionsreicher Verwurzelung und guter Nachbarschaft. Diese Gleichzeitigkeit hat auf den ersten Blick etwas Verwirrendes. Ishak Alaton, einer der einflussreichsten Unternehmer und Mäzene jüdischer Abstammung in der Türkei, löst den Widerspruch auf. «Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft», sagte er einmal in einem Interview, «aber ich möchte eines hervorheben: In der Geschichte der türkischen Republik kam es seitens des Regimes und der Bürokratie immer wieder zu Diskriminierungen. Wenn man von einem ‹Wir› redete, verstand man darunter die sunnitischen Muslime, die ‹Anderen› hingegen waren und sind die Aleviten, Kurden, Juden und die Nicht-Muslime. So hielt man eine Diskriminierung und Feindlichkeit am Leben, die es im Alltagsleben nicht gibt.»
Der Islam ist längst die vorherrschende Religion des Landes. Weniger als ein Prozent der Bevölkerung sind Nicht-Muslime. An die 20 000 Juden leben in der Türkei, so viele wie in keinem anderen muslimischen Land. Hinzu kommen rund 600 000 Armenier und die kleine, ca. 6000 Personen umfassende griechisch-orthodoxe Gemeinde. Gegen Ende des Osmanischen Reiches waren auf dem Territorium der modernen Türkei etwa 20 Prozent der Einwohner christlich oder jüdisch – sie lebten geduldet und selbst verwaltet, wenn auch nicht im demokratischen Sinne gleichberechtigt neben der muslimischen Mehrheit. Heuten leben die Minderheiten vor allem in Istanbul. Nicht wenige jüdische Familien dort schauen auf eine jahrhundertealte Tradition zurück. Manche können ihre Geschichte bis zur Reconquista zurückverfolgen. Damals, 1492, wurden die sephardischen Juden unter dem spanischen König Ferdinand vertrieben. Viele, darunter vor allem gebildete Leute mit Kenntnissen in Handwerk, Wissenschaft und Handel, fanden unter Sultan Bayezid II. Aufnahme im Osmanischen Reich. Sie siedelten sich in Istanbul an, der einstmals byzantinischen Hauptstadt, die erst 1453 von den Osmanen erobert worden war. Eine kleine Gemeinde aschkenasischer Juden aus Osteuropa lebte bereits unter dem Galataturm. Die knapp 500 Jahre währende Geschichte der osmanischen Metropole war auch immer eine Geschichte des jüdischen Lebens, einer äusserst heterogenen Gemeinschaft zudem. Im 16. Jahrhundert lebten hier mehr Juden als in jeder anderen europäischen Stadt. Manche machten Karriere, etwa als Leibärzte der Sultane und Würdenträger.
Ein Hauch dieser Geschichte umweht Besucher auch heute, wenn sie etwa in der Büyük Hendek Caddesi beim Galataturm die Neve-Schalom-Synagoge besuchen. Viel rabiater freilich drängt sich dort die Gegenwart ins Blickfeld: Seit dem Bombenanschlag am 15. November 2003 sind die Sicherheitsvorkehrungen weiter verschärft worden. Poller zur Absperrung, Parkverbote, Polizeikontrollen – Normalität sieht auch in der Türkei anders aus. Hier und vor der Synagoge im benachbarten Viertel Sisli hatten islamistische Terroristen zeitgleich Sprengsätze gezündet. 25 Personen starben, Juden und Muslime. Fünf Tage später erlebte die geschockte Metropole zwei weitere Anschläge. Selbstmordattentäter jagten sich vor dem britischen Konsulat in Beyoglu und vor der britischen Bank HSBC in die Luft. Der Gedanke, nicht die einzige Zielscheibe zu sein, hilft wenig gegen das latente, stets abrufbare Gefühl der Verunsicherung und Angst in der jüdischen Gemeinde. Eben erst hat es wieder einen Anlass dafür gegeben: Als Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan Anfang 2009 beim Weltwirtschaftsgipfel das israelische Vorgehen im Gazastreifen auf drastische Weise aburteilte, skandierten Nationalisten in der Türkei antisemitische Parolen und verbrannten israelische Fahnen.
Mario Levi variiert in seinem Istanbul-Märchen von einst Geschichten von Flucht, Verbannung und Vertreibung. Diese liessen sich in die Gegenwart hinein fortführen. Nach dem Besuch bei dem Schriftsteller führt der Weg zurück zur Anlegestelle von Kadiköy, an einer kleinen Synagoge vorbei. Auch sie ist mit einer Videokamera überwacht. ●
Sibylle Thelen ist leitende Redaktorin der Wochenendbeilage der «Stuttgarter Zeitung». Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch «Istanbul – Stadt unter Strom. Gesichter der neuen Türkei» im Herder-Verlag, Freiburg. Darin erzählt sie vom Aufbruch der Türkei und seinem Abbild in der zeitgenössischen Kultur des Landes.