Menschliches Gesicht der Schweizer Banken

Von Gisela Blau, March 25, 2011
Hans J. Bär ist im 84. Altersjahr nach langer Krankheit gestorben. Er war der Brückenbauer zwischen der Schweiz, den Schweizer Banken und den jüdischen Organisationen während des langen Streits um sogenannte nachrichtenlose Vermögen.
HANS J. BÄR Brückenbauer zwischen Schweizer Banken und Restitutionsorganisationen

Hans J. Bär war ein Grandseigneur: Bankier, nicht etwa Banker, Mäzen der Künste sowie politischer wie wirtschaftspolitischer Vi­sionär. Etwas altmodisch manchmal, aber auch voll überraschend fortschrittlicher Ideen. Seine Prognose, dass das Bankgeheimnis nicht zu halten sei, dass auch Steuerhinterziehung ein Betrug sei und dass die hohen Boni für Bankdirektoren unmoralisch seien, machte ihn bei den Banken und sogar in Teilen der eigenen Familie suspekt.

Grosses Engagement

Hans J. Bär stammte zwar aus der Familie, deren Patriarch Julius Bär in Zürich eine Privatbank gründete, die bis heute seinen Namen trägt, auch wenn sie der Nachkomme 1980 an die Börse brachte. Aber der Vater war ein Experimentalphysiker, der früh die Gefahren des Nationalsozialismus erkannte. Sein Bruder Walter Bär musste das Präsidium der Zürcher Börse abgeben, weil er Jude war. So nahm er eine Berufung an die Universität Princeton an und plante die Auswanderung seiner Familie in die USA. Obwohl er keine zwei Wochen vor der Abreise starb, liess sich die Witwe 1941 mit ihren vier Kindern in den USA nieder. Hans J. Bär wurde Ingenieur. Dennoch entschied er sich nach dem Krieg, in die Familienbank einzusteigen.
Wenn es Zufälle gibt, so war es einer, dass Hans J. Bär statutengemäss das Verwaltungsratspräsidium seiner Bank 1996 abgeben musste, ein Jahr nach dem Beginn der Angriffe jüdischer Organisationen und Sammelkläger aus den USA gegen die Schweizer Banken. Bär war von Anfang an dabei, als Verwaltungsrat der Bankiervereinigung. Dieses berufliche Engagement verwandelte sich bald in ein persönliches. Von einem ganz normalen Schweizer Banker, der die emotionale und ethische Seite der Klagen nicht wahrgenommen hatte, wandelte er sich zu einem Menschen mit Empathie und Verständnis. Er verlieh den Schweizer Banken ein menschliches Gesicht, titelte 1988 die «New York Times». Er verlieh der Schweiz auch Würde durch einen brillanten Auftritt vor der Bankenkommission des US-Senats, deren Präsident Alfonse D’Amato war. Und er fand einen Weg aus dem Dilemma, indem er die sogenannte Volcker-Kommission gründen half, die unter dem früheren US-Notenbankchef die Schweizer Banken durchleuchten sollte.

Mäzen und Förderer

Der Banquier war auch Mäzen und Wohltäter. Er führte Zürich in die erste Liga der Künste als Präsident der Tonhallegesellschaft und Gründer der Zürcher Festspiele. Zur Legende wurden seine Freundschaften mit Musikern, besonders mit dem Violinisten Isaac Stern. Und er engagierte sich auch humanitär: Zu seinem 70. Geburtstag reiste er mit den Präsidentinnen der Schweizer Aktionsgemeinschaft für die Juden in der ehemaligen Sowjetunion nach Minsk in Weissrussland und spendete tief beeindruckt von der Armut jüdischer Menschen einen hohen fünfstelligen Beitrag. Er schrieb auch Geschichte, indem er Geschichte schreiben liess. In seinem Auftrag und finanziert durch seine Bär-Kälin-Stiftung (die er mit seiner 2002 verstorbenen Frau Ilse gegründet hatte), welche Wissenschaft und Kunst fördert, jedoch völlig frei in seiner Arbeit recherchierte der Historiker Thomas Maissen zusammen mit dem Rechtsanwalt und Historiker Eric Dreifuss ein dickes Standardwerk über die Geschichte der sogenannten nachrichtenlosen Vermögen – das Thema, das Bär wandelte und ihn, wie er einmal sagte, erst zum bewussten Juden gemacht hatte.