Menschenmensch

July 1, 2010
Editorial von Yves Kugelmann

Mensch. Der Kinderarzt, Nuklearmediziner, Wissenschafter, Professor, der wunderbare Vater, Ehemann und Familienmensch engagierte sich bis zuletzt für Kinder. Noch in seinen letzten Stunden war Alfred Donath für Save a Child’s Heart aktiv. Eine Organisation, die sich innner- und ausserhalb Israels der Rettung von Kindern mit lebensbedrohenden Herzfehlern aus Entwicklungsländern verschrieben hat und diese im Edith-Wolfson-Spital in Holon kostenfrei operieren lässt. Bis zuletzt standen Kinder, Enkelkinder und Familie im Mittelpunkt. Am Montagabend vor seinem unerwarteten Ableben nahm Alfred Donath im Kreise von Familie und Freunden an der Bar-Mizwa-Feier seines Enkels teil.

Denker. Alfred Donath, der Rabbinersohn, orientierte sich an den Quellen. Als Wissenschafter oder als jüdischer Denker sah er zwischen Aufklärung, Wissenschaft und Religion keine Diskrepanz, sondern das gegenseitige Bedingen. Denn das jüdische Gebot «Pikuach Nefesch», das Retten menschlichen Lebens, geht einher mit Forschung und modernen Wissenschaften. Alfred Donath stand zutiefst im Zeichen der Aufklärung, war zutiefst emanzipiert und bewegte sich in Universität, Spital oder jüdischen Gemeinschaften mit einer Selbstverständlichkeit, die auf dem Fundament profunder Bildung ruhte. Aufrecht und gradlinig setzte er sich für das Leben ein. Bei der eidgenössischen Vorlage zur Stammzellenforschung plädierte der orthopraxe Jude und weitherum bekannte Medizinethiker Donath für ein Ja und begründete dies halachisch. Und als er nach Tschernobyl in der eidgenössischen Strahlenschutzkommission sass, mahnte er zur Vorsicht. Donath ging es immer um die Menschen, vor allem um die Menschen.

Spieler. Alfred Donath war kein Politiker, kein Taktiker, kein Funktionär. Der brillante Schachspieler und Sportler rieb sich an seinem Gegenspieler zum Spiel und nicht zum Kampf. Er dachte im Spiel zwei Schritte voraus. Im Leben und in seinen Funktionen agierte er mit Blick auf Menschen, Recht und Gerechtigkeit, ohne Strategie oder eigene Agenda. Er strahlte über die Schweizer Grenzen hinaus, zwang den Jüdischen Weltkongress in die Knie oder setzte sich für Mitarbeitende ein. Er war nicht die politisch berechnende Führungsfigur, die sich Programmen, Konzepten oder Gremien, sondern stets der Sache unterordnete. Dies brachte ihm mitunter Kritik und Konflikte ein, wenn er sich, zum Teil auch aus falscher Rücksicht auf andere, mangelnde Führungsqualitäten oder wechselnde Positionen vorwerfen lassen musste. Doch das unerschütterliche Fundament von Donaths Handeln bestand aus Ethik, Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Stammvater. Vielleicht hat Alfred Donath etwas vom Stammesvater Abraham, nach dem er benannt war: widerspenstig, gastfreundlich, menschlich. Väterlich trat er auf, sprach souverän, geistreich mit Humor und Bescheidenheit, stets mit Hand und Fuss. Und wie es die Tradition schreibt, ging er als Gerechter von dieser Welt, am Übergang zum Fasttag des 17. Tamus. Fortan werden viele Menschen diesen Fasttag und die folgende dreiwöchige Trauerzeit um Jerusalems Tempel begehen im Gedenken an einen unerschütterlichen Wächter dieser Traditionen.

Mensch. Was zu Recht zu Lebzeiten zu trennen ist, wird dannzumal anders, wenn es nicht mehr zu trennen sein wird. Die stundenlangen Gespräche, Debatten und Diskussionen über Europa, Judentum, Ethik, Wissenschaft, Politik und vieles mehr klingen nach. Das Lächeln des Menschenmenschen begleitet uns. Alfred, Alfred! Wir werden Dich vermissen.

Auf www.tachles.ch finden sich im Online-Archiv Interviews mit und Texte von Alfred Donath.