«Mein Leben ist auf den SIG fokussiert»
TACHLES: Frau Brunschvig, haben Sie im Sinn, an der bevorstehenden Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindeverbunds (SIG) in Bern teilzunehmen?
ODETTE BRUNSCHVIG: Ja, wenn ich kann, gehe ich auf jeden Fall hin, so wie ich 27 Delegiertenversammlungen mit meinem Mann und nach seinem Tod 37 weitere besucht habe, insgesamt also 64. Diese Tagungen ziehen mich wie ein Magnet an, sie interessieren mich einfach. Dabei habe ich nie das Damenprogramm mitgemacht, sondern ich wollte an den Verhandlungen dabei sein. Mein Leben ist auf den SIG fokussiert.
Gibt es unter den Versammlungen in Bern eine, an die Sie besondere Erinnerungen haben?
An die Wahl meines Mannes zum Präsidenten, die 1946 im Berner Rathaussaal stattfand, erinnere ich mich besonders gerne. Da herrschte eine äusserst feierliche Stimmung.
Dann haben Sie bestimmt auch alle SIG-Präsidenten seit den dreissiger Jahren persönlich gekannt.
Jules Dreyfus-Brodsky habe ich nur flüchtig gekannt, alle anderen aber gut, nicht nur die Berner. Saly Mayer sehe ich noch vor mir, wie er in den Vorkriegs- und ersten Kriegsjahren mit schwarzem Kittel und gestreiften Hosen ins Bundeshaus ging und uns anschliessend beim Essen alles im Detail erzählte. Mit Saly Braunschweig, seinem direkten Vorgänger, war mein Mann sogar verwandt, und mit seinem Nachfolger Jean Nordmann waren wir besonders eng befreundet.
Bis zu seinem tragischen Tod 1973 verkörperte Ihr Mann 27 Jahre lang den SIG. Im Nachruf im SIG-Jahresbericht heisst es, Sie hätten ihm «jenen Rückhalt gegeben, ohne den seine aufreibende Tätigkeit wohl kaum möglich gewesen wäre». Wie haben Sie selbst Ihre Rolle in Erinnerung?
Ich wurde oft gefragt, ob nicht das Familienleben unter seinem Amt gelitten habe. Das war überhaupt nicht der Fall, niemand ist zu kurz gekommen. Mich hat seine Arbeit auch interessiert, und wir haben gewisse Probleme miteinander diskutiert. Er konnte sich einteilen und hat seine
Arbeit mit Elan und Freude gemacht. Auch die Kinder haben nicht unter seinem Amt gelitten; er war es, der am Abend mit ihnen das Nachtgebet gesprochen hat, nicht ich.
In seinen letzten Worten beschwor Georges Brunschvig ein «einiges Schweizer Judentum». Wie beurteilen Sie diesbezüglich die seitherige Entwicklung? Ist diese in seinem Sinn verlaufen?
Er hat selbst schon auf die Einheit hingearbeitet, aber die letzte Berner Delegiertenversammlung hat ja gezeigt, dass da leider nichts zu machen ist. Unter diesen Umständen wäre der Modus vivendi im politischen Bereich zwischen dem SIG und den Liberalen Gemeinden sicher in seinem Sinn.
Was ist Ihr Wunsch, wenn Sie an die Zukunft des SIG und der Schweizer Juden denken?
Ich wünsche mir, dass das Schweizer Judentum weiterhin mit einer Stimme spricht. Dass es wachsam bleibt gegenüber allfälligen antisemitischen Strömungen und sich zur Wehr setzt, wenn es nötig werden sollte.