Mehr Herzlichkeit und Wärme

April 18, 2008
André Bollag und Shella Kertész führen seit 100 Tagen das Präsidium der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Im Gespräch mit tachles sprechen sie über die Krise im Restaurant Schalom, heikle Personalentscheide und anstehende Projekte.
<strong>100 Tage im Amt</strong> Shella Kert&eacute;sz und Andre Bollag

tachles: Am letzten Wochenende haben Sie mit einem Chasanut-Wochenende und einem Empfang erstmals einen öffentlichen Anlass organisiert, der auf grossen Zuspruch gestossen ist.

André Bollag: Ja. Das war eine schöne Erfahrung. Und wir wollen auch in Zukunft solche gesellschaftlichen Anlässe veranstalten.

Nun sind Sie seit 100 Tagen im Amt. Hat sich Ihr Blick auf die ICZ nach der Übernahme des Co-Präsidiums verändert, oder haben Sie vorgefunden, was Sie erwartet haben?

Shella Kertész: Es ist in jeder Hinsicht etwas mehr geworden, als erwartet (lacht).
André Bollag: Ja, es ist ein 130-Prozent-Job statt der erwarteten 50 Prozent. Und die Visionen müssen derzeit hinter die aktuellen Ereignisse zurücktreten,
die uns überfallen haben. Im Moment ist es zu unserem Bedauern mehr ein Reagieren als ein Agieren.

Zum aktuellen Geschehen gehören auch die Entwicklungen rund um das Schalom. 300000 Franken Schulden, ganz zu schweigen von den fehlenden Mieteinnahmen. Wie geht es weiter?

André Bollag: Wir wissen es noch nicht. Der Verwaltungsrat der Hadar AG hat einen Lösungsvorschläg präsentiert, der die Aktionäre etwas kosten würde. Wir haben dem Verwaltungsrat einen Gegenvorschlag gemacht und warten jetzt auf eine Antwort. Selbstverständlich wird der letzte Entscheid bei der Gemein-
de liegen, und in absehbarer Zeit wird es dazu wahrscheinlich eine GV geben.

Muss es denn ein Gemeinde-Restaurant geben?

Shella Kertész: Nicht unbedingt ein Gemeinde-Restaurant, aber ein Restaurant in der Gemeinde. Wir sehen die Notwendigkeit, dass man sich in der ICZ koscher verpflegen kann. Wir suchen nach der besten Lösung. Für uns hiesse das heute ein eigenständiger Pächter, denn in eigener Regie möchten wir ein solches Restaurant eigentlich nicht führen.
André Bollag: Wir anerkennen, dass viele Mitglieder unserer Gemeinde der Meinung sind, dass die ICZ kein eigenes Restaurant führen soll – wobei diese Erkenntnis natürlich die Suche nach einem Pächter nicht erleichtert.

Nebst dem Finanzloch durch das Restaurant gibt es auch offene Fragen hinsichtlich des noch vom alten Vorstand in die Wege geleiteten Umbrauprojekts. Man wird den Eindruck nicht los, dass da jahrelang mehr gewurstelt denn professionell gearbeitet wurde.

André Bollag: Wir arbeiten transparent, und dass bei uns nicht gewurstelt wird, haben wir bewiesen, indem wir in den letzten Monaten sehr schnell kommuniziert haben. Wir werden einen Pächter finden oder das Restaurant für Caterer öffnen; wir werden es aber sicher nicht um jeden Preis offen halten. Was den Bau anbelangt, prüfen wir derzeit Optionen und werden schnell Vorschläge machen.

Dennoch: In den letzten Monaten wurden Steuergelder sozusagen zum Fenster hinausgeworfen. Das kann in dieser Grössenordnung ja nicht angehen.

André Bollag: In den letzten drei Monaten wurde kein Geld verschleudert. Unsere grösste Aufgabe ist derzeit, das Vertrauen in die Führung und die Gemeinde, das in letzter Zeit verloren gegangen ist, zurückzugewinnen. Wir müssen auf breiter Ebene durch Information Transparenz schaffen, und wir tun unser Bestes, um die Kosten in den Griff zu bekommen.

Können Sie zum Thema Bau oder Umbau schon etwas sagen?

Shella Kertész:Wir fangen bei Null an und suchen nach neuen Möglichkeiten. Das einzige der Gemeinde bisher präsentierte Projekt bringt angesichts der Kosten zu wenig.
André Bollag: Es gibt vier Optionen: Neubau, Umbau, ein anderes Objekt oder Minimal-Umbau – sprich Pinsel. Wir sind am Abklären und werden der Gemeinde schnell Vorschläge machen.

Wäre angesichts der finanziellen Lage der Gemeinde und aufgrund der Tatsache, dass noch keine fundierte Studie vorliegt, was denn in ein paar Jahren nötig sein wird, die Pinsel-Lösung nicht die beste?

André Bollag: Die Kunst ist, heute etwas zu machen, das auch in zehn Jahren noch gut ist. Das bedeutet unter Umständen, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Wir prüfen, ob Mittel der öffentlichen Hand zur Verfügung stehen würden, und verschiedene Donatoren wären zur Hilfe bereit, wenn das Projekt stimmt.

Haben Sie ein Bild davon, wie die ICZ in zehn bis 20 Jahren funktionieren wird, gibt es dann noch fünf andere Gemeinden auf dem Platz Zürich, wird die ICZ dann eine Dachgemeinde sein?

Shella Kertész: Wir hoffen natürlich, dass die ICZ in diesem Zeitraum eine prosperierende Gemeinde, die Gemeinde in Zürich wird. Es ist unsere Aufgabe, den Weg dahin jetzt vorzubereiten.

Wie wollen Sie dies angesichts der unbeeinflussbaren gesamtgesellschaftlichen Veränderungen bewerkstelligen?

André Bollag: Eine Gemeinde kann wachsen, indem sie Kinder produziert – da ist unser Einfluss relativ begrenzt. Und wir versuchen zu verhindern, dass weitere Kleingemeinden entschehen, weil den Leuten Dinge nicht passen. Es ist eines unserer grössten Anliegen, verschiedene Richtungen unter einem Dach behalten zu können, solange sie gewisse Prinzipien nicht verletzen. Und vielleicht ermöglicht dies eines Tages, dass sich Kleingemeinden im Kanton Zürich, die selber fast nicht mehr existieren können, uns angliedern.

Und was muss eine Gemeinde bieten, um die junge Generation an sich zu binden?

Shella Kertész: Dazu machen wir uns natürlich Gedanken, aber wir müssen die Bedürfnisse unserer Mitglieder genau kennen. Wenn wir die vordringlichsten Probleme gelöst haben, werden wir Zeit haben, das Gespräch – vor allem mit den Jugendlichen – über die Zukunft in der Gemeinde zu starten.
André Bollag: Es stellt sich vor allem die Frage, wie die 20- bis 30-Jährigen an die Gemeinde gebunden werden können, also zwischen Jugendbund und Familiengründung. Dazu möchte ich in den nächsten Monaten das direkte Gespräch mit den Jungen suchen.

Wie gehen Sie das Thema der gemischten Ehen an, vor dem man sich einfach nicht mehr verschliessen kann?

André Bollag: Wir sind kein Club, sondern eine Religionsgemeinschaft. Wenn aber ein Mitglied einen nicht jüdischen Partner hat, der übertreten möchte, sollte man eher helfen als dies unmittelbar zu erschweren.

Sie haben bereits Mitarbeiter entlassen und neue eingestellt. Wird es noch weitere personelle Veränderungen in der ICZ geben?

Shella Kertész: Die erfolgten Veränderungen haben wir als für die Gemeinde notwendig erachtet. Vorerst sind keine weiteren Veränderungen geplant.
André Bollag: Betonen möchten wir, dass entgegen den Gerüchten keine fristlose Kündigung erfolgt ist und der betroffene Mitarbeiter bereits wieder eine Stelle hat.

Der nächste SIG-Präsident wird mit Herbert Winter voraussichtlich ein ICZ-Mitglied sein. Sie haben frühzeitig geschaut, dass der neue Ansatz der ICZ auch auf nationaler Ebene Einzug halten wird und die Krisenjahren des Dachverbands nun hoffentlich zu Ende sind. Wie wird sich die ICZ unter Ihrer Führung künftig innerhalb des SIG positionieren?

Shella Kertész: Wir sind natürlich glücklich, dass Herbert Winter kandidiert. Als integre Persönlichkeit wird er den SIG gut führen, und wir werden unsere Probleme sicher mit ihm besprechen. Wünschen würden wir uns, dass die Gemeinden im SIG bei Entscheidungen oder der Kommunikation gegen aussen stärker mit einbezogen werden. Die jetzige Struktur des SIG ist nicht ganz in unserem Sinne.
André Bollag: Für mich ist der SIG im bisherigen Zustand nicht mehr tragbar; er ist antiquiert, hat falsche Strukturen, kommuniziert nicht gut genug gegen aussen und lässt zu, dass gewisse veraltete Sachen weitergeführt werden. Die Nichtaufnahme der liberalen Gemeinden und die Gewichtung der Kleingemeinden halte ich für inakzeptabel. Es ist befremdend, dass die ICZ mehr Delegierte im SIG hat als gewisse Kleingemeinden gesamthaft Gemeindemitglieder haben. Das CC in seiner jetzigen Form ist auch unbefriedigend; es könnte beispielsweise wie früher wieder aus den Präsidenten der Grossgemeinden bestehen.

Für solche Änderungen bräuchte es eine Mehrheit. Wie wollen Sie diese erreichen?

André Bollag: Man muss das Gespräch mit den Kleingemeinden suchen, und der neue SIG-Präsident sollte verhindern, dass es Zweckkoalitionen zwischen Leuten gibt, die eigentlich sonst gar nichts gemeinsam haben.

SIG-Präsident Alfred Donath sagte vor einer Weile, man müsste den SIG eigentlich schliessen und neu gründen. Eine gute Idee?

André Bollag: Ja, eine gute Idee. Ich frage mich nur, weshalb er sie in seinen acht Präsidiumsjahren nicht umgesetzt hat. Ich hoffe, dass Herbert Winter eng mit den Präsidenten der Grossgemeinden arbeiten und sie in Entscheidungen einbeziehen wird. Um die Strukturen des SIG zu verändern, sehe ich tatsächlich nur eine Neugründung oder ein Zusammengehen mit den Liberalen als Lösung.

Haben Sie sich mit den Liberalen schon getroffen?

Shella Kertész: Inoffiziell ja. Wir sind der Meinung, dass auch eine liberale Gemeinde ihren Platz in einer jüdischen Dachorganisation hat.
André Bollag: Auch wenn ich kein liberaler Jude bin, meine ich, dass wir im SIG als politische Vertretung der Juden der Schweiz alle zusammenarbeiten müssen. Wir sind zu wenige Menschen, als dass wir es uns leisten könnten, die Synergien nicht zu nutzen.

Wie stehen Sie zu Chabad?

André Bollag: Chabad macht sicher viele gute Sachen. Ich glaube aber, dass wir als Gemeinde das Gleiche tun können und müssen, auch wenn wir mehr Verantwortungen tragen und deutlich mehr Aufgaben wahrnehmen als Chabad. Von ihrem Marketing können wir eigentlich nur lernen.

Abgesehen vom Marketing wächst Chabad wohl auch deshalb, weil man dort nicht Mitglied sein muss, weil die Organisation offen ist.

André Bollag: Ich glaube, offen sind wir auch. Aber an die Nicht-Mitgliedschaft und die Spenden-Hierarchie kann ich nicht glauben.
Shella Kertész: Und wir wachsen ja auch; wir haben in letzter Zeit wieder 40 neue Mitglieder gewonnen.

Nach 100 Tagen wird das ICZ-Co-Präsidium offenbar von der Basis gut getragen und beurteilt und geniesst viel Goodwill. Überrascht Sie dieser Zuspruch?

Shella Kertész: Wir freuen uns über diesen Zuspruch und hoffen, durch unseren Einsatz und unsere Art zu arbeiten auch weiterhin auf diesen Goodwill zählen zu können. Wir engagieren uns wirklich sehr für die Gemeinde und versuchen nach besten Kräften, die Probleme in ihrem Interesse so zu lösen, dass die Mehrheit der Mitglieder unsere Entscheidungen, die wir entsprechend kommunizieren, versteht. Wir wollen die offene Information, damit die Leute wissen, was wir machen.

Sie sind auch bereit, unpopuläre Entscheidungen zu treffen?

Shella Kertész: Ja, wenn es nötig ist, werden wir auch Unpopuläres beschliessen und es so nach aussen tragen, dass es verstanden wird.
André Bollag: Wir sind uns auch nicht zu gut, Leute um Rat zu fragen, die von der entsprechenden Sache etwas verstehen. Wir beziehen Mitglieder ein, die sich für die Gemeinde einsetzen, besprechen uns mit ihnen und treffen dann unsere Entscheidungen. Unser Einsatz wird bislang auch vom Vorstand und von den Mitarbeitenden anerkannt und mitgetragen.
Shella Kertész: Wir haben ja auch das Glück, dass unser Vorstand zwar ein heterogenes Team ist, aber gut zusammenarbeitet und harmoniert. Das ist eine grosse Hilfe und sehr motivierend.

Sie haben die Gemeinde als Religionsgemeinschaft bezeichnet. Genügt diese Definition?

André Bollag: Ich glaube, dass auch nicht religiöse Leute in die Synagoge kommen, wenn die Angebote attraktiv gestaltet sind. Dies kann man in angelsächsischen Ländern gut beobachten, und wir möchten diesen Weg auch gehen – die Synagoge als attraktiver Treffpunkt auch für jene, die nicht wegen des Gebets kommen, sondern beispielsweise eine interessante Rede oder einen guten Chasan hören möchten.

Also wird auch bei den Überlegungen zum ICZ-Bau die Verlagerung der Synagoge ins Zentrum der Gemeinde das entsprechende Gewicht haben?

André Bollag: Das würden wir gerne so umsetzen, wenn wir können.
Shella Kertész: Wir möchten grundsätzlich mehr Herzlichkeit und Wärme in unsere Gemeinde bringen, und dabei muss jeder selbst den Anfang machen und nicht darauf warten, dass es der andere tut.

Interview: Yves Kugelmann