Mehr als nur rote Schleifen

VON Katja Behling, November 27, 2008
Im Kampf gegen Aids setzt der Arzt Hugo Tempelmann in Südafrika erfolgreich auf lokale Gesundheitsinitiativen und Entwicklungsprojekte. Nun hat der Holländer in Berlin die Hugo-Tempelmann-Stiftung gegründet.
WÜTENDER PROTEST Demonstranten fordern den Rücktritt von Gesundheitsministerin Manto Tshabalala Msimang

Politiker und Prominente rufen im Internet dazu auf, sich als Botschafter für den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember zu engagieren. Menschen aller Altersgruppen, Bildungsschichten, Nationalitäten und Kulturen sollen sich für den Schutz vor Aids und zur Solidarität mit daran Erkrankten einsetzen. Weltweit gibt es 40 Millionen HIV-Infizierte, davon 740 000 in West- und Zentraleuropa. Heilbar ist die Krankheit Aids nach wie vor nicht. Die seit etwa zehn Jahren verfügbare medikamentöse Therapie kann die Krankheit nur in Schach halten, aber nicht kurieren. Behandlungsfortschritte haben Aids – zumindest in den wohlhabenden Industrienationen – zu einer chronischen Krankheit werden lassen, so Schlomo Staszewski, Leiter des HIV-Schwerpunktzentrums an der Frankfurter Uniklinik. Vom Virus befallen werden vor allem sogenannte T-Helferzellen, die eine Schlüsselrolle im körpereigenen Immunsystem spielen. Einige Aids-Medikamente verhindern, dass das Virus mit der Zelle verschmilzt, andere, dass die Erbinformation des Virus in die menschliche Erbsubstanz umgeschrieben wird oder dass die Viren zusammengesetzt werden können. 1996 gelang mit der Dreifach-Kombination ein Durchbruch, wenngleich die Nebenwirkungen der Mittel immer noch erheblich sind und es, ähnlich wie bei Antibiotika, das Problem der Resistenz gibt: Das anpassungsfähige Aids-Virus ist sehr mutationsfreudig, was dazu führen kann, dass ein Medikament bei einem Patienten plötzlich nicht mehr anschlägt.

Aids in Afrika

Die UN-Organisation UNAIDS beklagt die weltweit drastische Zunahme an Infektionen – und in kaum einem anderen Land wütet das Virus so verheerend wie in Südafrika. Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind infiziert. Im Land am Kap mit seinen 44 Millionen Einwohnern haben sich rund 5,4 Millionen mit dem HI-Virus angesteckt. Jeden Tag sterben dort bis zu 1000 Menschen an der Immunschwächekrankheit, obwohl mittlerweile Kombinationspräparate – Tabletten mit drei Wirkstoffen – zur Verfügung stehen, die nicht gekühlt werden müssen und günstiger und einfach zu dosieren sind. Sterben Erwachsene, hinterlassen sie oft elternlose Kinder. Während die Krankheit die erwerbsfähige Elterngeneration dezimiert, versuchen die Alten, ihre Enkel durchzubringen. Der Hilfsorganisation Helpage zufolge wächst die Hälfte der 12 Millionen Aids-Waisen bei ihren Grosseltern auf. Die afrikanischen Frauen tragen einen unverhältnismässig hohen Teil der Last: Sie stecken sich leichter an, übertragen das Virus womöglich auf ihre Kinder und sind meist diejenigen, die sich um die Kranken und Hinterbliebenen kümmern. Regierungsverantwortliche, etwa Staatspräsident Thabo Mbeki und die Gesundheitsministerin Manto Tshabalala Msimang, spielen das Problem indes herunter. Mbeki bezweifelte in der Vergangenheit, dass es einen Zusammenhang zwischen der HIV-Infektion und Aids gibt und verteufelte antiretrovirale Therapien; die Ministerin empfahl Randen und Knoblauch als Mittel gegen Aids. Im August demonstrierten Aids-Aktivisten in Kapstadt gegen den Präsidenten und forderten den Rücktritt der Ministerin, um die Verantwortlichen zum Umdenken zu bewegen.
Gesundheitsdienst,

Unternehmertum, Selbsthilfe  

Einer, der sich dem scheinbar aussichtlosen Kampf gegen Aids widmet, ist Hugo Tempelmann. Der niederländische Arzt und seine Frau Liesje arbeiten seit 17 Jahren in den Townships rund um Johannesburg. 1990 nach Südafrika gekommen, um die Entwicklung der Primärversorgung im ehemaligen Burenstaat voranzutreiben, war Tempelmann zunächst im Auftrag des Gesundheitsministeriums tätig. 1994 bauten er und seine Frau eine eigene Klinik, das Ndlovu Medical Center in Elandsdoorn, Mpumalanga. Dank weiterer Zentren profitieren inzwischen 200 000 Menschen von der medizinischen Hilfe. Nach der ersten Klinik in Elandsdoorn konnte eine zweite in Soweto eingeweiht werden. Tempelmann und sein Ärzteteam werden mittlerweile von staatlichen Institutionen, Künstlern und Privatleuten in aller Welt unterstützt, unter anderem vom britischen Unternehmer Richard Branson. Die Tempelmanns schufen einen Fonds für Gesundheitsprojekte (Ndlovu Medical Trust) und einen zweiten für Entwicklungsprojekte (Elandsdoorn Development Trust). Gesundheitsversorgung und Entwicklungsarbeit zu verzahnen, ist im Kampf gegen Aids unverzichtbar.
Die Aktivitäten in Elandsdoorn fördern Unternehmertum und das Prinzip Selbsthilfe. Die Infrastruktur vor Ort – Schulen, Radio, Wasser, Müllentsorgung usw. – wurde aufgebaut respektive verbessert. Zu den Pilotprojekten und Firmengründungen gehören eine von ehemaligen Arbeitslosen geführte Bäckerei und die von angelernten Frauen betriebene Ndlovu Nappy Factory, in der hygienische Einwegwindeln hergestellt und vertrieben werden. Im Sportzentrum können die Kinder ihre Fitness verbessern, spielen und Freundschaften schliessen – und über das Aids Awareness Programm werden sie für das Thema sensibilisiert. Die Columbine Maternity Clinic bietet erschwingliche Schwangerschaftsvorsorge, Geburtshilfe und Nachsorge für Mutter und Kind. In jüngerer Zeit wurde auch ein Selbsthilfeprojekt mit Tagespflege für alte Menschen entwickelt.

Hugo-Tempelmann-Stiftung

Schwerpunkt der Aktivitäten in Tempelmanns Zentrum ist die Bekämpfung chronischer Krankheiten, vor allem das Projekt Ndlovu HAART (Highly Active Anti-Viral Treatment). Ein Programm mit drei Ansätzen: Patienten mit antiretroviralen Medikamenten zu behandeln, ein Aids-Behandlungsregime mit Modellcharakter für Afrika zu entwickeln sowie das gebündelte Wissen für weitere HAART-Projekte auf dem öffentlichen oder privaten Sektor zur Verfügung zu stellen. Ziel ist, durch die Einrichtung von fünf weiteren autonomen Behandlungszentren bis zum Jahre 2012 etwa 12 000 Patienten eine lebenslange Therapie zu ermöglichen.
Tempelmann wird von niederländischen Stiftungen gesponsert sowie von USAID/PEPFAR unterstützt. Das gegen Tuberkulose und Aids gerichtet TB/HIV Awareness-Program wurde von der niederländischen Regierung aufgelegt. Weitere Unterstützung ist allerdings nötig. Im Juli wurde in Berlin deshalb die Hugo-Tempelmann-Stiftung gegründet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Aids-Kranken in Südafrika medizinisch zu helfen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Der «Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria» schätzt, dass bis 2010 acht Milliarden Dollar nötig sein werden, um weitere Ziele in der weltweiten Krankheitsbekämpfung zu erreichen. Diese Programme werden international finanziert. Im Rahmen einer Geberkonferenz des Globalen Fonds im September in Berlin hat Deutschland eine Aufstockung seiner Mittel auf 500 Millionen Euro jährlich zugesagt. Zugleich startete eine neue Initiative zum Schuldenerlass für Entwicklungsländer. Im Gegenzug sollen die armen Staaten Geld für Gesundheitsprojekte bereitstellen.
Auf der Suche nach Mitteln für die Aidsbekämpfung werden immer kreativere Wege beschritten. Derzeit sorgt die Kampagne Product Red für Aufsehen. Markenanbieter wie Armani, Apple – mit dem roten iPod –, Motorola – mit dem roten Handy – oder American Express mit einem Kreditkartenangebot, bei dem ein Prozent des vom Kunden getätigten Umsatzes an den Globalen Fonds fliesst, haben Produkte entwickelt, deren Erlöse zum Teil der Aids-Bekämpfung zugute kommen. Ein Konzept, das als «good economy» bezeichnet wird und in einem zunehmend moralisierten Markt auf ähnliche Weise bereits mit «grünen» Produkten zugunsten des Umweltschutzes erfolgreich ist.   

Erfolge im Kampf gegen Aids

Zwar sind im Kampf gegen Aids vielerorts Erfolge zu verzeichnen: In 58 Ländern, aus denen Daten dazu vorliegen, wird in den meisten (weiterführenden) Schulen über Aids aufgeklärt, in den meisten Ländern werden Blutspenden routinemässig auf HIV untersucht, mehr Menschen schützen sich mit Kondomen, schränken die Zahl ihrer Sexualpartner ein und warten länger mit dem ersten Sexualkontakt, so UNAIDS. Die Kosten der medikamentösen Aids-Therapie sind gesunken und stehen dadurch einem grösseren Kreis von Patienten zur Verfügung. Mehr als 1,3 Millionen Menschen in Entwicklungsländern erhielten 2006 diese Medikamente, allein 2005 hatte sich die Zahl der Empfänger verdoppelt.
Der Kampf gegen Aids muss aber, darüber sind sich alle Experten einig, auf allen Ebenen intensiviert werden, vor allem im Hinblick auf die Prävention. Eine Beschneidung kann, wie Studien zeigen, das Risiko der Ansteckung mit dem Virus um etwa 50 bis 60 Prozent mindern. Der präventive Effekt ist ein zweifacher, so Hugo Tempelmann, und sowohl mechanischer als auch hygienischer Natur: Erstens wird die Penisspitzenhaut widerstandsfähiger gegen Mikroverletzungen, die eine Eintrittspforte für Erreger sind. Zweitens verkürzt die Beschneidung, indem sie das Reservoir unter der Vorhaut beseitigt, die Verweildauer potenziell infektiösen Sekrets. Der Arzt hat beobachtet, dass viele junge Männer zu einem solchen Eingriff bereit sind, zumal in Afrika im Rahmen von Initiationsriten oft Beschneidungen vorgenommen werden. Sowohl WHO als auch UNAIDS werben dort für den Eingriff als eine medizinisch sinnvolle Schutzmassnahme (vgl. auch S. 18).
Auch Asien geht in Sachen Vorbeugung einen grossen Schritt nach vorn: Indonesien plant zum ersten Mal eine landesweite Kampagne für Kondome. Indonesien ist das bevölkerungsreichste muslimische Land mit konservativen Traditionen. Eine WHO-Studie ergab, dass sich in Asien HIV-Infektionen nirgendwo so rasant verbreiten wie in Indonesien. Die Ausbreitung von Aids ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern sie wirkt sich auf Volkswirtschaften, die Attraktivität von Investitionsstandorten und das strategische Vorgehen von Firmen aus. Es entstehen Kosten durch Ausgaben für Gesundheitsprogramme, Fluktuation, Produktionsausfälle. Wie die Bekämpfung des Hungers ist Aids-Bekämpfung nicht nur eine humanitäre und medizinische Aufgabe, sondern auch eine soziale und friedenssichernde: Wenn nur ein Teil derer, die eine Therapie brauchen, diese auch erhalten, während die anderen langsam sterben, entsteht ein politisches Pulverfass.