Mehr als nur Catwalk
Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus: die Mannequins, die in Chiffon und Seide gekleidet über den Laufsteg stolzieren und die tragbaren Kunstwerke der bekannten Modehäuser präsentieren. Die Modewelt braucht ihre Mannequins, um den Look der bevorstehenden Saison anzukündigen. Bald ist es in Paris wieder so weit und die Stadt wird ihrem Namen als erste Modestadt der Welt gerecht. Die erste Märzwoche steht ganz im Zeichen von Prêt-à-porter, nämlich dann, wenn die Pariser Fashion Week eingeläutet wird. Nach einem dicht gedrängten Stundenplan laufen die langbeinigen Schönheiten um die Wette, während die internationalen Modeschöpfer vor den Medien und den geladenen Gästen ihre neusten Kreationen präsentieren. Alle grossen Namen sind vertreten, darunter auch zahlreiche jüdische Designer wie Alber Elbaz für Lanvin, Zac Posen oder Sonia Rykiel. Letztere wird in den Hochglanzmagazinen auch charmant die «Königin des Stricks» genannt, wegen ihrer berühmten Strickkollektionen.
Die Tochter einer Russin und eines Rumänen arbeitete zunächst als Schaufensterdekorateurin im Geschäft ihres Vaters und heiratete im Jahr 1953 Samuel Rykiel, den Inhaber einer Pariser Modeboutique. Während ihrer Schwangerschaft mit ihrem Sohn Jean-Philippe stellte Sonia Rykiel fest, dass es für sie keine passende Schwangerschaftsmode gab, die weich und elastisch gewesen wäre. Dank der Geschäftskontakte ihres Mannes konnte sie ohne formelle Ausbildung ihre eigene Strickkollektion entwerfen; zunächst für Umstandsmode. Diese verkaufte sie in der Boutique. Die Kollek¬tion war so erfolgreich, dass sie bereits 1968 ihre erste eigene Boutique in der Rue de Grenelle im Pariser Quartier Saint-Germain-des-Prés eröffnete. Bis heute befinden sich hier zwei Rykiel-Boutiquen. Rykiel schaffte den Sprung in die obere Etage der Haute Couture. 1995 wurde ihre Tochter Nathalie Geschäftsführerin und Kreativdirektorin des Unternehmens Rykiel. Heute ist Nathalie Vorstandsvorsitzende und die Nachfolgerin ihrer Mutter, die zur Ehrenvorsitzenden ernannt wurde und nach wie vor am Designprozess beteiligt ist. Anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Hauses kreierten 30 weltbekannte Designer – darunter Karl Lagerfeld für Chanel, Christian La¬croix, Ralph Lauren, Martin Margiela und Alber Elbaz für Lanvin – typische Outfits im Rykiel-Stil.
Beruf der Unterschicht
Neben Rykiel ist die Liste der jüdischen Modeschöpfer lang. Den prominenten Vertretern unter ihnen wie Ralph Lauren, Calvin Klein, Donna Karan und Marc Jacobs folgen mittlerweile auch viele jüngere Designer, die neben den vielen aufstrebenden israelischen Newcomern im internationalen Modebusiness Fuss gefasst haben. Die Französin Nicole Fahri und ihre kanadische Kollegin Tara Jarmon sowie Michael Kors, der für das Haus Céline gearbeitet hatte, bevor er begann, eigene Kollektionen zu entwerfen, gehören zur neuen Generation dieser Branche. Dennoch kann heute kaum mehr davon die Rede sein, dass die Kunst des Schneiderhandwerks vor allem in jüdischen Kreisen eine typische Erwerbsmöglichkeit ist.
Doch vor der Französischen Revolution und der – zumindest juristischen – Gleichstellung der Juden in Frankreich sah die Situation noch ganz anders aus. Wie in vielen europäischen Ländern war es den Juden hier verboten, gewisse Berufe auszuüben. Viel Auswahl blieb ihnen nicht. Das Handwerk des Schneiders, keiner Zunft angehörend, war oft eine der wenigen Geld einbringenden Möglichkeiten für die Juden, denen selbst eine Mitgliedschaft in Zünften streng verboten war. Bis zur Abschaffung dieser Zünfte während der Französischen Revolution hatte das Schneiderhandwerk zudem wenig Ansehen. Der Schneider hatte, im Unterschied zum Kleidermacher und gerade auch, weil er keine Zunft hinter sich hatte, wenig Rechte und Aufträge. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts galt der Schneider nicht als kreativer Künstler, sondern als Handwerker. Er konnte keinen Einfluss auf die Mode nehmen. Diese wurde vom Grossbürgertum und der Aristokratie bestimmt. Im Jahr 1760 entstand aus der Zunft der Merciers (Kurzwarenhändler) die Zunft der Marchands (Modehändler). Dieser neu geschaffene Beruf übte einen grossen Einfluss auf die Modewelt aus. Die Tätigkeitsfelder der Marchands waren anfangs zwar sehr beschränkt (Mäntel, Umhänge und Fichu, das französische Hals-Brust-Tuch), aber mit ihren zusätzlichen Arbeitsbereichen wie Beiwerk, Kopfbedeckungen und Frisuren nahmen sie immer mehr Einfluss auf die Modewelt. So lässt sich zum Beispiel die Frisur «Coiffure à la frégate» aus dem Jahre 1780 auf die Marchands zurückführen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass sie sehr schnell den Beinamen «Modekünstler« bekamen und über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurden.
Pariser Chic schon im 19. Jahrhundert
Zu jener Zeit liessen sich bereits viele Modehändler in Paris nieder, wo sie auch heute noch zu finden sind. Der Standort Paris schien perfekt für Haute Couture. Frankreich war immer schon führend in der Mode. Schon im 18. Jahrhundert wurde die Pariser Mode in ganz Europa präsentiert, indem eine Puppe von Stadt zu Stadt transportiert und damit die neusten Modeschöpfungen aus Paris gezeigt wurden. Diese «Puppe aus der Rue Saint-Honoré» wurde überall bewundert. Mit diesem künstlichen Mannequin kamen Handwerker, Parfumhersteller, Perückenmacher sowie Salbenproduzenten in die verschiedenen Städte. Dies war nicht überall gern gesehen, da die lokalen Hersteller damit nicht mehr konkurrieren konnten. In einigen Ländern ging man folglich gegen die französische Mode vor. In Russland oder England wurde sie sogar verboten. Doch auch diese Spannungen konnten Paris als Standort der hohen Kunst der Mode nichts anhaben. Gestärkt wurde dieser Status mit der Entstehung der Haute Couture am Ende des 19. Jahrhunderts, als der Engländer Charles Frederick Worth 1858 das erste grosse Modehaus gründete. Nur wenige Kundinnen aus den reichsten Familien der Welt konnten sich seine teuren Modelle leisten. Zu ihnen gehörten die damalige Prominenz wie Kaiserin Sissi, Kaiserin Eugénie, Königin Victoria und die Fürstin von Metternich.
Worth kam, als er in London seine Ausbildung als Couturier abgeschlossen hatte, nach Paris. Nachdem er dort in der Rue de la Paix sein eigenes Couture-Haus mit dem Namen Maison Couture eröffnet hatte, wurde er vor allem für seine Technik bekannt, die englische Schnitttechnik mit der französischen Prachtentfaltung zu verschmelzen. Dazu kreierte Worth seine Modelle nicht wie seine Vorgänger für eine bestimmte Person, sondern international, für eine Vielzahl von Frauen, die seine Stücke haben wollten und sie sich auch leisten konnten. Er veranstaltete einmal im Jahr eine Modenschau, bei der er seine Mode von einem Mannequin, seiner Frau Marie, vorstellen liess, und führte somit die verkaufsfördernde Veränderung in der Mode ein. Er war sozusagen der erste Modeschöpfer, der sich selbst in den Status eines Stars erhob, denn er signierte seine Modelle wie Kunstwerke. Im Jahr 1868 wurde auf Anregung von Worth hin die Chambre syndical de la couture française gegründet, deren wichtigste Aufgabe es war, Couture-Modelle vor allzu dreisten Kopierern zu schützen. Diese Organisation bestimmte von nun an auch Regeln, die jedes Modehaus zu erfüllen hatte.
Nicht exklusiv, sondern nachahmbar
Während des Ersten Weltkriegs schlossen in ganz Europa viele Couture-Häuser. In dieser Zeit waren praktische Kleidungsstücke mehr gefragt als die hohe Schneiderkunst. Coco Chanel beeinflusste mit ihrem einfachen, ruhig-eleganten, funktionalen Stil bedeutend die Damenmode. Sie nahm ihre Anregungen vielfach von Männer- und Arbeitskleidung und entwarf ihre Modelle nicht exklusiv, sondern als Vorlage zur Nachahmung zu Hause und in der Konfektion. Nach dem Ersten Weltkrieg musste sich die Struktur der Pariser Couture ändern, um weiter bestehen zu können. Ein grosser Teil der Privatkundschaft, die bis dahin der grösste Träger der Couture war, schied nun aus. Die Couturiers bedienten und berieten ihre Kunden nicht mehr selbst, und somit wurden die bis dahin individuellen, für eine bestimmte Persönlichkeit geschaffenen Stücke zum anonymen Modell. Nur noch einzelne prominente Kunden, die weiterhin aus Gründen der Werbung sehr wichtig blieben, kamen in den Genuss einer persönlichen Bedieung. Den Grossteil seiner Abnehmer jedoch kannte der Couturier nur noch dem Namen nach.
Im Jahr 1937 eröffneten Jacques Heim und Elsa Schiaparelli die ersten Couture-Boutiquen, in denen sie preisgünstige Modelle neben jenen der Haute Couture anboten. Drei Jahre später kam in Paris die letzte grosse Saisonmodenschau zustande. Kurz vor der deutschen Besetzung gingen viele grosse Couturiers nach England oder in die USA, andere wie zum Beispiel Chanel oder Vionnet schlossen ihre Geschäfte. Als die deutsche Besatzungsmacht die gesamte Haute-Couture-Branche, die noch in Paris war, nach Berlin und Wien verlagern wollte, gelang es dem damaligen Präsidenten der Chambre syndicale, Lucien Lelong, Paris als Modeplatz zu retten und die Besatzungsmacht davon zu überzeugen, dass die Haute Couture nirgendwo anders als in Paris Bestand haben könne. Der Kundenkreis der wenigen Couturiers, die weiterarbeiten konnten, bestand nun aus der politisch privilegierten Schicht der deutschen Führungsspitze und aus «Schwarzmarkt-Kapitalisten». Von der dominierenden französischen Mode abgeschnitten, versuchten Modeschöpfer in vielen Ländern, auf das eigene Können zu setzen.
Begründer des New Look
Nach der Befreiung Frankreichs im Jahr 1944 stellte die Pariser Haute Couture wieder eine volle Kollektion vor. Die sehr geschwächte Pariser Textilindustrie hatte ernsthafte Schwierigkeiten, ihre bisherige Machtstellung neu zu festigen. Der französische Textilindustrielle Marcel Boussac liess ein neues Couture-Haus mit grossen Mitteln ausstatten und übertrug die künstlerische Leitung Christian Dior. Seine erste Kollektion wurde von der internationalen Modepresse als Sensation gefeiert und in den USA als New Look bezeichnet. 1946 entstand erstmals eine Pariser Haute-Couture-Kollektion, die sich stark von der Alltagskleidung unterschied. Die Kleider waren von einer figurbetonten, gleichzeitig stoffaufwändigen Linie geprägt: anliegende Oberteile, schlanke, wieder durch das Korsett betonte Taille und durch Doppelrockeffekte, asymmetrische Drapierungen, Schärpen oder ausgestellte Taschen betonte Hüfte in eng anliegenden Röcken. Die französische Haute Couture, vor allem Dior, diktierte die Linien der Mode auf der ganzen Welt, auch in der Konfektion. Erst 1965 wurden Prêt-à-porter-Schauen in Paris eine feste Einrichtung. Von da an stand die luxuriöse Haute Couture im Schatten des Prêt-à-porter, der Mode «von der Stange», die auch in diesem Jahr wieder in Paris für alle Welt den Trend setzen wird. ●
Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.