Medien-Eigentor

von Jacques Ungar, October 9, 2008

Dass Arieh Deri, der ehemalige Chef der ultra-religiösen Shas-Partei, anfangs Woche mit Pauken und Trompeten seine Gefängnisstrafe angetreten hat, wissen inzwischen sehr wahrscheinlich auch die letzten Kannibalen auf Papua-Neuguinea. Die Lorbeeren für diesen zweifelhaften Erfolg darf sich einmal sicher die Shas-Partei selber aufs Haupt setzen, ist es ihr doch gelungen, die israelischen wie die internationalen Medien bis hinauf zu BBC und CNN uneingeschränkt vor ihren Propagandawagen zu spannen. Das ging so weit, dass am letzten Sonntag, als Deri seinen Triumphzug von Jerusalem bis vor die Tore der Haftanstalt absolvierte, die Zahl der Journalisten an gewissen neuralgischen Stellen der Route jene der Demonstranten und Deri-Sympathisanten übertraf. Das war übrigens die einzige Wolke, welche den sonst prall sonnigen Shas-Tag leicht trübte: Die Organisatoren hatten mit über 100 000 Teilnehmern an der Massenkundgebung gerechnet, mussten sich letztlich aber mit 20 000 bis 30 000 zufrieden geben.
Nicht die PR-Leistungen von Shas sind es aber, die hier einer Bewertung unterzogen werden sollen, sondern für einmal das Verhalten der Medien. Kaum zu glauben, aber wahr: Praktisch alle israelischen Radio- und TV-Stationen hatten am Sonntag ihr normales Programm auf den Kopf gestellt und waren stundenlang live mit dabei, um einen an sich banalen Vorgang bis ins kleinste Detail in die gute Stube des Durchschnittsbürgers zu bringen: Ein wegen verschiedener Vergehen vom Obersten Gericht zu drei Jahren Haft verurteilter Delinquent trat seine Strafe an. Mit der Beleuchtung der Angelegenheit von allen möglichen und unmöglichen Seiten spielten Israels Medien den Strategen von Shas mit einer unglaublichen Tölpelhaftigkeit in die Hände. Und was war der Arbeit Lohn? Steine, mit welchen Shas-Rowdies bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Medienleute bewarfen. Wie sehr die Journalisten, Fotografen und Kameramänner Shas auf den Leim gekrochen sind, zeigte sich, als das Bildungsprogramm der 1. TV-Kette ihre Sendezeit nicht für eine Sonder-Deri-Nachrichtensendung zur Verfügung stellen wollte. Im Handumkehren kündigte das Fernsehen die vieljährige Kooperation mit dem Programm auf. Die Konkurrenz habe, so hiess, dadurch einen Vorsprung erhalten.
So lange wie nur kommerzielles und Konkurrenzdenken die Medien beherrschen, wird es Gruppen wie Shas immer und immer wieder gelingen, Journalisten für ihre Zwecke zu benutzen und ihnen zum Schluss den berühmten Tritt in den Allerwertesten zu versetzen.