Mazzini als Held der Juden
Dass das Jahr 1861 als Beginn des italienischen Staats gefeiert wird, ist eigentlich unlogisch. Erst 1870 gehörten auch die letzten Gebiete zum Königreich Italien, das 85 Jahre existieren sollte. «1861 wurde ein unfertiger Staat proklamiert», bestätigt Carlo Moos. «Venetien gehörte noch Österreich und kam erst 1868 dazu, und der Kirchenstaat fehlte bis 1870», präzisiert der emeritierte Geschichtsprofessor der Universität Zürich mit den Spezialgebieten Risorgimento und Faschismus in Italien. «Auch im Inneren war das neue Königreich unfertig», so Moos. «Es war die italienische Führungsschicht, die dieses Königreich anstrebte. Die Revolutionäre waren Freiwillige aus dem Adel und dem Bürgertum.»
Die Gründung Italiens
«Risorgimento» («Wiedergeburt», «Wiedererstehung») wurden die Bündnisse der Unzufriedenen genannt, weil ihnen die 1847 in Turin gegründete Zeitschrift «Risorgimento» den Namen gab. Die verschiedenen Revolutionen waren anfänglich früher oder später zum Scheitern verurteilt, und die Protagonisten flüchteten jeweils vorübergehend ins Ausland, sogar öfters in die Schweiz, wie Giuseppe Mazzini, der zeitweise auch in London lebte. Die wohl bekannteste Figur war jedoch der etwa gleichaltrige Giuseppe Garibaldi, ein tollkühner Freischärler, der 1860 mit 1000 Freiwilligen («Mille») in roten Hemden Sizilien eroberte. Graf Camillo Cavour, der politisch gewiefte Ministerpräsident des eher den Frauen und der Jagd zugeneigten Königs Vittorio Emanuele II. von Sardinien-Piemont, überzeugte Garibaldi, vom Kirchenstaat abzulassen und dem Savoyer seine Eroberungen zu übergeben. Am 17. März 1861 wurde das Königreich Italien gegründet.
Am Feldzug Garibaldis nahmen auch Schweizer Offiziere teil. Für die Schweiz war die Situation schwierig, besonders nach 1848, dem Jahr der Revolutionen und der Gründung des Bundesstaates und der ersten Bundesverfassung. Irredentisten hatten ein Auge auf das Tessin und die italienischsprachigen Bündner Täler geworfen, und solange Josef Radetzky, Feldmarschall des österreichischen Kaisers Franz Josef, in Mailand stationiert war, wurde mehrmals die Grenze gesperrt. Nach der durch Österreich verlorenen Schlacht von Solferino 1859 gründete der Schweizer Henri Dunant das Rote Kreuz.
Eine Ikone
Der neue Staat genoss keine Ruhe. Zu gross war das Gefälle der Gesellschaftsschichten, und die katholische Kirche konnte den Verlust weltlichen Besitzes schlecht verwinden. Einer der Vordenker wendete sich ab, weil er eine demokratische Republik und kein Königreich gewollt hatte: Giuseppe Mazzini. Er scheiterte häufig, und doch galt und gilt er den italienischen Juden als geradezu sakrale Gestalt, als Ikone, die sich der historischen Analyse entzieht. So charakterisiert ihn Alberto Cavaglion, Professor für die Geschichte des Judentums an der Universität Florenz und Autor von Büchern und Essays. Die jüdische Minderheit in Italien hatte erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts dank dem Eroberer Napoleon die volle Gleichberechtigung erhalten, als dieser seinen Code Civil in Italien einführte. Nach dem Wiener Kongress von 1814 wollten die früheren Herrscher die napoleonischen Reformen rückgängig machen.
«Die guten Dummköpfe. Mazzini, das Judentum, der Zionismus» hiess ein Essay von Cavaglion anlässlich einer Konferenz über Mazzini an der Scuola Normale Superiore von Pisa, dem letzten Wohnort des Einheitsaktivisten. Schon vor 1930 nannten jüdische Historiker Mazzini leichthin einen Freund der Juden, ja sogar noch mehr: In Anlehnung an seine Idee der Nation sahen sie in ihm den Pionier der Wiedergeburt der jüdischen Nation, einen Vorläufer des jüdischen Risorgimento, gar des Zionismus, lieferten allerdings keine präzisen Zitate, schreibt Cavaglion. Der Text, auf den immer Bezug genommen werde, obwohl Mazzinis Urheberschaft wissenschaftlich umstritten sei, ist ein kurzer anonymer Artikel, geschrieben im Exil in Grenchen, über den «Wahlschen Liegenschaftenhandel» von 1835/36, einen Prozess, den die Brüder Wahl aus Mülhausen gegen den Kanton Baselland gewannen.
Aufforderung zur Emanzipation
Ein konkretes Dokument ist ein Brief von Mazzini an den führenden jüdischen Intellektuellen Elia Benamozegh, erstmals 1930 von Alessandro Levi («Amici Israeliti di Mazzini», 1931) in der jüdischen Monatsschrift «Rassegna mensile di Israel» publiziert. Darin beschwört Mazzini die Juden Italiens, die Hecke zu durchbrechen, sich zu emanzipieren und von den Fesseln der symbolischen Riten zu befreien. Heute seien diese Worte peinlich, so Cavaglion. Aber 1931 durften sie auf der Frontseite des jüdischen Magazins erscheinen, weil Mazzini über jeden Zweifel erhaben war. Im Londoner Exil fand Mazzini jüdische Unterstützer. Doch in den Briefen an seine Mutter nannte sie diese Ikone der italienischen Juden «stolidi buoni», wörtlich «gute Dummköpfe», nützliche Idioten. Alberto Cavaglion: «Dumm, wenigstens nicht perfid (wie die damalige Liturgie der katholischen Kirche, Anm. d. Red.). Und immerhin gut.»