Maximales Einkaufsvergnügen

September 22, 2010
Als er nach seiner Rückkehr aus den USA in Wien die erste Fussgängerzone errichtete, begründete dies Victor Gruen, einer der erfolgreichsten und visionärsten Architekten des 20. Jahrhunderts mit dem Satz «Autos kaufen nichts». Der Tod des «Vaters der Shopping Mall» jährte sich dieses Jahr zum 30. Mal.
NEUE FORM DES EINKAUFENS Victor Gruen (2.v.r.) 1956 bei der Eröffnung der weltweit ersten Shopping Mall, des Southdale Center in Edina (Minnesota)

Victor Gruen wurde am 18. Juli 1903 als Victor David Grünbaum in Wien geboren. Noch während seines Architekturstudiums machte er sich als politischer Kabarettist einen Namen, indem er offen die Nationalsozialisten kritisierte. Zusammen mit dem Schriftsteller Robert Ehrenzweig, besser bekannt als Robert Lucas, leitete er von 1926 bis 1934 das Politische Kabarett. Dabei lernte er auch den jungen Kulissenschieber Felix Slavik, den späteren Bürgermeister Wiens, kennen. Als 1938 sein Architekturbüro aufgrund seiner jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten enteignet wurde, emigrierte er in die USA.

Karriere in den USA

Sehr schnell machte Victor Gruen, wie er sich in der neuen Heimat nannte, von sich reden, als er in New York City einfache Geschäfte an der Fifth Avenue in mondäne Luxustempel umbaute. 1940 ging er im Auftrag einer grossen Einzelhandelskette nach Los Angeles und plante sieben Jahre später ein Warenhaus mit einem Parkdeck auf dem Dach – eine Neuheit, die seiner Bekanntheit weiter Auftrieb gab. Das Projekt, so erklärte Gruen später, spiegelte seine Unzufriedenheit darüber, lange Distanzen zwischen den Geschäften und Verkehrsstaus in Kauf nehmen zu müssen, nur um einige wenige Einkäufe tätigen zu können.
Zusammen mit seinem österreichischen Kollegen Rudolf Baumfeld gründete er 1949 die Arbeitsgruppe Victor Gruen Associates, die mit 300 Angestellten bald eines der grössten Architekturbüros der USA wurde und noch heute in den Städten Los Angeles, New York und Washington vertreten ist. Drei Jahre später begann Victor Gruen mit der eigentlichen Umsetzung seines Lebenswerks. In Northland bei Detroit baute er sein erstes Einkaufszentrum, das auf der Idee basierte, der Zersiedelung der Städte entgegenzuwirken und in den neu entstandenen Vorstädten soziale Treffpunkte zu errichten. Dieses Projekt beherbergte auch Postämter, Bibliotheken sowie Kinderbetreuungsplätze und kostete 30 Millionen Dollar.

Der neue Konsumtempel

Als Mann mit grossen Visionen propagierte der selbsternannte «people’s architect» den Bau gigantischer Projekte, die kommerzielle und zivilgesellschaftliche Aktivitäten vereinten und isolierten Hausfrauen, einsamen Pensionären sowie streunenden Teenagern einen Ort zum Verweilen boten. Damit wurde Victor Gruen zum Erfinder der Shopping Mall. 1956 wurde seine erste überdachte Shopping Mall in Southdale, südlich von Minneapolis, errichtet. Neben Geschäften fanden sich hier auch eine Schule, ein Hörsaal sowie ein Eislauffeld.
Drei Jahre später setzte Gruen in Kalamazoo, einer amerikanischen Durchschnittskleinstadt, seine grossen Plan um: Zwei Strassenblocks in der Innenstadt wurden für den Autoverkehr gesperrt, um Platz für eine Mall im Stadtzentrum zu schaffen. Seine Vision ging aber noch weiter. Angesichts der zügigen Suburbanisierung und Motorisierung der amerikanischen Gesellschaft sah er einen Verkehrskollaps voraus, sollten die künftigen baulichen Strukturen diese Entwicklung nicht umfassend berücksichtigen. Sein Plan für Kalamazoo City sah daher eine Ringstrasse vor, die gross angelegte Parkmöglichkeiten bot, um so eine weitgehende Autofreiheit in der Innenstadt zu gewährleisten. Um seine Pläne uneingeschränkt fortzusetzen, gründete er 1968 in Los Angeles die Gesellschaft Victor Gruen Center für Enviromental Planning und zog sich aus Victor Gruen Associates weitgehend zurück.

Die Stadt der kurzen Wege

Wer jedoch Victor Gruen ausschliesslich mit der Errichtung grosser Konsumtempel in Verbindung bringt, missinterpretiert ihn. Ihm ging es um mehr als um Konsumförderung in einer autogerechten Welt. Sein Hauptinteresse galt der Schaffung einer lebenswerten Umwelt für den Menschen. Mit seinem Konzept des überdachten autofreien Zentrums wollte er einen neuen Raum schaffen, bei dem das Auto überflüssig war und kurze Distanzen bequem zu Fuss zurückgelegt werden konnten. Victor Gruen kann also durchaus als Vordenker der Compact City, der Stadt der kurzen Wege, bezeichnet werden.
Was die wenigsten wissen ist, dass Victor Gruen zu Anfang in seiner neuen Heimat weiterhin Gedichte, Volksstücke und Pamphlete schrieb und Stücke für die «Refugee Artists Group», eine Gruppe exilierter deutschsprachiger Kabarettisten, ins Englische übersetzte. Trotz beachtlichen Erfolgs entschied er sich aber letztlich für die Umsetzung seiner architektonischen Pläne.
Nachdem er mit seiner vierten Frau 1973 nach Wien zurückgekehrt war, gründete der Architekt das Zentrum für Umweltplanung. Er gilt nicht nur als Vater der ersten Fussgängerzone in der Wiener Kärntner Strasse, auch die zahlreichen Fussgängerzonen, die in den siebziger und achtziger Jahren in grossen Städten Deutschlands entstanden sind, erinnern an Victor Gruen beziehungsweise an das von ihm geschaffene Vorbild in Wien. Victor Gruen starb am 14. Februar 1980 in seiner Heimatstadt.