Massenübertritte sind ein Problem für Lateinamerikas Juden
Der 51-jährige Luis Alberto Prieto Vargas wirkt durchaus jüdisch; er trägt ein Käppchen, bezeichnet sich selbst als Jude und hat nach einigen Jahren religiöser Studien eine Übertrittszeremonie absolviert. – Alles begann vor sieben Jahren, als Vargas sich in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota einer Bewegung von Leuten anschloss, die nach religiösen Inhalten suchte. «Wie ich hatten die meisten der Betroffenen christliche Wurzeln», sagt er, «und wir fanden im Judentum die Antwort auf unsere Fragen.»
Ein Hindernis für Vargas waren allerdings die Juden selber. Zuerst wollten die orthodoxen Juden von Kolumbien Vargas und rund 200 Gesinnungsgenossen, die zum Judentum übertreten wollten, nicht akzeptieren. Das ging so weit, dass ihnen der Zugang zu den für die Konversion notwendigen Mikwaot, den rituellen Tauchbädern, verweigert wurde. Die Gruppe, die sich «Maiym Haiym» – auf Hebräisch lebendiges Wasser – nennt, wandte sich mit der Bitte um Unterricht und späteren Übertritt an entsprechend Stellen in Israel. Die Sache verlief aber im Sand, als die Führungsspitze der orthodoxen Juden von Kolumbien die rabbinischen Gremien in Israel kontaktierte und sie vor einer Aufnahme der Übertrittswilligen warnte. Schliesslich fand die Bewegung aber einen Rabbiner in Israel, der bereit war, sie zu unterrichten. 2007 beriefen der Rabbiner und zwei Kollegen ein Bet Din (rabbinisches Gericht) ein, das 104 Angehörige der Gruppe ins Judentum aufnahm, unter ihnen Vargas. Dessen ungeachtet weigern sich viele jüdische Institutionen in Kolumbien weiterhin, die Übergetretenen als Mitglieder zu akzeptieren.
Schwierigkeiten für Übertrittswillige
Die Bemühungen von Maiym Haiym illustrieren die Schwierigkeiten, mit denen viele Konvertiten und Übertrittswillige in Lateinamerika zu kämpfen haben – vor allem solche, die als Gruppe zum Judentum übertreten wollen oder die auf eigenen Antrieb an die zuständigen Stellen gelangen und nicht in Absprache mit lokalen jüdischen Behörden. Die Aussicht, von Massenübertritten überschwemmt zu werden, erfüllt die jüdischen Gemeinden mit Sorge. In erster Linie fragt man sich, wie ernst es den Konvertiten tatsächlich ist. In Israel und Kolumbien begegnet man diesen Menschen oft mit Skepsis, und nicht selten wird ihnen unterstellt, vor allem an der Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft interessiert zu sein, die jedem Juden offensteht.
Rund 70 Prozent der Mitglieder von Maiym Haiym haben bei der Jewish Agency Anträge für die Alija (Einwanderung nach Israel) gestellt. Diese Anträge werden so lange zurückgehalten, bis das israelische Oberrabbinat geklärt hat, ob die Kandidaten als Juden gelten können. «Es sollte hier einen Filter geben», meint der kolumbianische Oberrabbiner Alfredo Goldschmidt. Das Land, in dem rund 4000 Juden leben, erlebt derzeit eine «Explosion» von Gruppen, die konvertieren wollen. Als er 1974 in Bogota eintraf, erhielt Goldschmidt nach eigenen Angaben im Durchschnitt pro Monat einen Anruf von jemandem, der sich für einen Übertritt interessierte. 1996 war es bereits ein Anruf pro Woche, und vor rund sieben Jahren wurden es durchschnittlich zwei bis drei Telefonate pro Woche. Das Interesse am Judentum sei nicht zuletzte wegen des Internets gewachsen, betont der Rabbiner. Manche, die auf ihrer Suche nach spiritueller Erfüllung das Netz durchstöbern, stossen auf Rabbiner, die ihre Dienste online anbieten.
Im vergangenen Dezember setzten sich Mitglieder der neun jüdischen Gemeinden von Kolumbien zusammen, um über das Thema der Massenübertritte zu beraten. «Die jüdischen Gemeinden in Lateinamerika sind nicht auf die Herausforderungen von Massenkonversionen vorbereitet», sagt Marcos Peckel, Präsident des jüdischen Gemeindebundes von Kolumbien. In gewissen Fällen sei die Zahl der Menschen, die sich dem Konversionsprozedere unterziehen würden, grösser als die Zahl der Mitglieder der traditionellen jüdischen Gemeinde selber. Das würde das Gemeindeleben wesentlich verändern.
Bislang haben die Mitglieder von Maiym Haiym die jüdischen Traditionen befolgt: Sie haben eine Thorarolle erworben, halten Bar-Mizwa-Zeremonien ab und lassen einen Mohel aus Venezuela einfliegen, wenn es einen Neugeborenen zu beschneiden gibt. Weil sie keinen Zugang zu den Mikwaot von Bogota hat, benutzt die Gruppe einen Fluss ausserhalb der Stadt als rituelles Bad.
Eine eigene Gemeinde errichtet
Jede jüdische Institution müsse selber entscheiden, ob sie Angehörige von Maiym Haiym als Mitglieder anerkennen wolle oder nicht, betont Peckel. Bis jetzt hätten die Leute der Gruppe nicht darum ersucht, sich den zentralen Institutionen der jüdischen Gemeinden von Kolumbien anzuschliessen. «Sie haben beschlossen, als Gruppe zu konvertieren und ihre eigene Gemeinde zu errichten. Sie traten nicht im Bestreben über, unseren Gemeinden beizutreten. Hinzu kommt, dass sie von israelischen Rabbinern ins Judentum aufgenommen wurden, ohne dass die jüdischen Gemeinden von Kolumbien konsultiert worden wären.»
Allmählich aber gewinnt die Gemeinde von Maiym Haiym eine gewisse Legitimität. Vor rund sechs Monaten stellte ein jüdisches Gemeindezentrum in Bogota der Gruppe Räumlichkeiten zur Verfü-gung und lud sie zum Jom Haschoah und zum Jom Haazmaut ein. Und vor einigen Wochen schlossen sich Mitglieder von Maiym Haiym einer von einem lokalen Rabbiner geleiteten Unterrichtsklasse an. «Nach und nach», sagt Vargas, dessen Sohn mit zwei anderen Mitgliedern der Gruppe an einer Jeschiwa in Israel lernt, «öffnen sich die Türen der Gemeinde für uns.» Jaime Eisenband, Präsident des Barranquilla Philanthropic Israeli Center, findet es bedauerlich, dass Mitglieder von Maiym Haiym und andere Gruppen, die das ganze Konversionsprozedere durchlaufen hätten, von den Synagogen der Stadt noch immer nicht akzeptiert würden. «Für mich ist das effektiv mehr eine gesellschaftliche und weniger eine religiöse Angelegenheit.»
An der Konferenz der jüdischen Gemeindeführer Lateinamerikas und der Karibik besprach Vargas letzten Monat in Cartagena die Probleme für Konvertiten in Kolumbien und Peru. Rabbi Guillermo Bronstein, einer der drei in Peru arbeitenden Rabbiner, bezeichnete das Thema des Übertritts als eine politische Sache, die von der Gemeinde als Gesamtheit behandelt werden müsse. «Wir müssen bescheiden sein», meinte er. «Wir sollten nicht die Menschen richten, die jüdisch sein wollen, sondern uns vielmehr in ihre Lage versetzen.»