Masse und Macht
Rassismus. Als Fifa-Präsident Sepp Blatter im Jahre 2005 den Fischhof-Preis der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus für seinen Einsatz gegen Rassismus erhielt, waren nicht wenige Beobachter erstaunt. «Wieso nicht?», dachten sich wiederum andere. Schliesslich könnte Blatter über schöne Worte hinaus die unschöne Tatsache in tatkräftigen Angriff nehmen, dass Fussballanlässe zu Plattformen für verbale und physische Gewalt verkommen. Dass sich seither nicht viel verändert hat, ist rundum bekannt. Wenn Blatter notorisch den Kampf gegen Rassismus im Munde führt, auf der anderen Seite Diskriminerung auf Fussballplätzen und in Stadien wie diese Woche gemäss einem Bericht des «Spiegel» in einem Interview auf «al-Jazirah» verharmlost bis verleugnet, dann setzt er der schlichten Erkenntnis die Krone auf, dass die Fifa auch nach den letzten Exzessen keine konsequenten Massnahmen für eine Nulltoleranzpolitik ergreift. Immer noch werden Fussballclubs nicht in die Pflicht genommen, Sanktionen gegen Spieler, Funktionäre, Stadionbetreiber kaum ergriffen. Die Reportage von Tobias Müller (vgl. S. 18) zeigt gerade auch am Beispiel von Ajax Amsterdam, dass der Antisemitismus innerhalb der Fankulturen gerade in Spitzenclubs nach wie vor präsent ist – genauso, wie Behörden und Funktionäre im Schweizer Fussball darüber hinweggehen, dass in Schweizer Stadien weiterhin eindeutige Andeutungen, Symbole und Agitationen geradezu an der Tagesordnung sind.
Exempel. Nun ist in diesen Tagen nicht nur Fussball der Nabel der Welt, wenn monatlich Regierungschefs von Tunesien und Ägypten bis Griechenland und Italien unter dem Druck der Massen in unfreiwilligster Manier abtreten müssen; wenn in Kuwait aufgebrachte Bürger das Parlament stürmen, weltweit Kundgebungen gegen die Finanzplätze stattfinden und das Assad-Regime die seit Monaten andauernden und im Westen zu wenig beachteten Massenproteste mit skrupelloser Gewalt nicht niederschlagen kann. Doch zugleich ist Fussball Gradmesser und Exempel für massenpsychologische Dynamiken und den gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Umgang mit ihnen. Wenn Behörden seit Jahren nicht bereit sind, Rechtsmittel auszuschöpfen, und bis heute in der Schweiz noch kein Offizialdelikt in Fussballstadien geahndet wurde, obwohl Behördenvertreter wöchentlich im Stadion sitzen. Wenn Fussballclubs, Sponsoren und Inhaber von Übertragungsrechten nicht eingebunden und mit Konsequenzen konfrontriert werden, bleibt es bei halbherzigen Reaktionen, die nicht mal so lange greifen, wie der Fokus der Öffentlichkeit die Probleme beleuchtet.
Gratwanderung. Massen und ihre Dynamiken können verheerend, vernichtend, tödlich sein, das Individuum radikal werden lassen. Massen und ihre Dynamiken können gleichsam Freiheit und Befreiung einläuten. Es ist diese schmale Gratwanderung zwischen Scheitern und Reüssieren im Kampf um die menschliche Freiheit, die Gefahr und Chance in sich trägt. Elias Canetti beschreibt in «Masse und Macht», wie Urinstinkte, Todesgewalt und Ideologien ebenso wenig von zivilisatorischen oder ethischen Errungenschaften pariert werden können wie Rechtsordnungen bisher immer wieder versagten. Lektüre, die in diesen Tagen wieder in Erinnerung zu rufen ist nicht nur im Verständnis des letzten Jahrhunderts, sondern auch zur Hinterfragung dessen, was in den letzten und diesen Monaten vor unseren Augen geschieht. Denn Canetti zeigt auf, dass nicht nur die Anonymität der Massen und die Systeme eine Spirale der Willkür auslösen können, sondern ebenso die Abkoppelung des Individuums vom Grund der zivilen Gesellschaftsordnung und der Vernunft als solcher. Wenn Sepp Blatter und Co. sich diesen Realitäten redlich zu stellen beginnen, sollten ihre Parolen von Taten getragen werden – damit die Öffentlichkeit nicht mit Verbalplatitüden an der Nase herumgeführt wird.