Marktplatz für das Volk des Buches

October 12, 2009
Der Judaica-Markt hat die Finanzkrise gut überstanden. Dabei bedrohen Auktionshäuser und das Internet auch etablierte Händler.
SPEZIELIST FÜR RARITÄTEN Der Buchhändler Kline mit einem illuminierten Koranmanuskript aus Indonesien um 1900

Von Andreas Mink

«Für IBM wollte ich nicht arbeiten», sagt Eric Chaim Kline beim Telefonat mit dem aufbau, ehe er lachend hinzusetzt: «Die hätten mich damals als Studenten der jüdischen Geschichte an der Brandeis University kaum angestellt.» So hat der heute 58-Jährige aus «seiner Liebe zu Büchern einen Beruf gemacht»: Von seinem Quartier in Los Angeles aus engagiert sich Kline speziell im Handel mit europäischen und deutschen Büchern aus der Vorkriegszeit, wobei er neben der Neuen Sachlichkeit und Veröffentlichungen aus dem Bauhaus-Umfeld etwa die von Liebhabern gesuchten Publikationen der Soncino-Gesellschaft, der Freunde des jüdischen Buches aus den zwanziger Jahren hervorhebt. Kline verfolgt jedoch auch den Markt mit Judaica und Hebraica insgesamt und umreisst aktuelle Trends ebenso kennerhaft wie langfristige Entwicklungen auf diesem für Laien kaum überschaubaren Terrain.
Grundsätzlich unterscheiden die Experten bei Judaica und Hebraica zwischen Büchern und Manuskripten, Gegendständen, meist aus Silber, sowie Bildern und Drucken mit speziell jüdischer Thematik. Daneben wären Nischen wie Textilien zu nennen. Druckwerke und Manuskripte stellen den weitaus grössten Aspekt des Handels dar, so Kline: «Wir sind nun einmal das Volk des Buches.» Dabei sind die Grenzen zur allgemeinen Kulturproduktion fliessend, wie Jennifer Roth und Sharon Mintz hervorheben, die beim Auktionshaus Sotheby’s in New York für Judaica und Hebraica zuständig sind. Die gebürtige Südafrikanerin Roth leitet dort die Fine-Arts-Abteilung, während Mintz dem Haus als Beraterin zur Seite steht. Sie erklären am Beispiel des österreichisch-ungarischen Malers Isidor Kaufmann (1853–1921), dass die Darstellung jüdischer Genre-Szenen in ihr Fach fällt, während so namhafte jüdische Künstler wie Sol LeWitt dem Mainstream der modernen Kunst zugerechnet werden. Laut Roth hat eines dieser Kaufmann-Werke bei Sotheby’s 772 000 Dollar erbracht. Dazu Kline: «Ein Kaufmann-Gemälde mit jüdischer Thematik erzielt im Handel problemlos das Zehn- oder Zwanzigfache einer seiner Landschaften.»
Mintz zieht darüber hinaus eine Epochengrenze zur Kunst der Antike, die im Handel als eigenes Gebiet betrachtet wird. Insgesamt existieren Mintz zufolge neben einem Kurs am New Yorker Jewish Theological Seminary (JTS) für jüdische Manuskripte keine eigenen Studiengänge für Judaica und Hebraica. Experten wie Mintz erwerben ihr Wissen durch das Studium jeweiliger Epochen und Sachgebiete: «Jüdische Künstler haben ja nie im luftleeren Raum agiert und wurden von ihrer Umgebung beeinflusst.» Kline macht am Beispiel des flämischen Druckers Daniel Bomberg (gestorben 1549) deutlich, dass gesuchte hebräische Bücher auch von nicht jüdischen Fachleuten hergestellt worden sind. Bombergs Ausgabe des babylonischen Talmud gehört zu den seltensten Raritäten und war vor einigen Jahren Anlass eines lebhaften Wettstreits unter jüdischen Sammlern in New York.

Spirituelles Interesse

Derzeit bietet Sotheby’s einen Satz des Bomberg-Talmud als Teil der auf 40 Millionen Dollar taxierten Bibliothek des Valmadonna Trust an. Für die Sotheby’s-Mitarbeiter war die öffentliche Präsentation der 13 000 Bände starken Bibliothek ein Höhepunkt ihrer Arbeit: «Wir hatten 11 000 Besucher aus aller Welt, die Leute standen Schlange rund um den Block», so Sharon Mintz. Roth betrachtet derartige Events als exzellente Gelegenheit, ein jüngeres Publikum an das Sammeln von Judaica heranzuführen. Mintz ergänzt, dass Neulinge den Einstieg meist über Bücher oder Dokumente mit starkem visuellem Aspekt finden. Kline bestätigt das, gibt sich jedoch skeptischer und fragt: «Wo ist der Nachwuchs an Sammlern?» Er schränkt dann allerdings ein und warnt – wie Roth und Mintz – vor Generalisierungen: Wie der Judaica-Markt insgesamt bewegen sich die meisten Sammler in zahlreichen Nischen, die meist von ihren regionalen Wurzeln und ihrer Religiosität abhängen. So sammelt Kline privat Druckwerke und Manuskripte aus dem Umfeld des Reform- und des deutschen Judentums: «Die Familie meines Vaters stammt aus dem Memelland und hat deutsch gesprochen. Seine ganze Verwandtschaft wurde von den Einsatzgruppen ermordet.» Wie Sammler aller Gebiete und Zeiten sucht Kline nach einem ganz besonderen Stück: «Ich suche nach der wahren Erstausgabe des ersten Gebetsbuches für jeden Tag, das 1872 gedruckte ‹Minhag Amerika: The daily prayers for American Israelites› in Englisch und Hebräisch.»
Mintz sagt zu den Motiven der Judaica-Sammler, diese hätten neben persönlichen Präferenzen fast durchweg ein meditatives oder spirituelles Interesse gemeinsam: Im Gegensatz zu den eher ästhetisch motivierten Kunstfreunden insgesamt, fänden jüdische Sammler über ihre Objekte den Weg aus dem Alltagsgetümmel zu ihrer Jüdischkeit. Kline sieht bei seinen Kunden daneben das Motiv der Geldanlage: «Die meisten betrachten etwa eine rare Erstausgabe des ‹Judenstaat› als langfristige Investition für ihre Kinder.» Gleichzeitig betont Kline nachdrücklich die starken Unterschiede zwischen Hebraica und Judaica: Die orthodoxe Klientel sei nahezu ausschliesslich an hebräischen Druckwerken und Manuskripten interessiert, sofern es sich bei diesen um «heilige Bücher» handle: «Ein vermögender Chassid hätte bis in die letzten Jahre hinein nie die 15 000 Dollar für den ‹Judenstaat› ausgegeben. Das ändert sich erst vereinzelt und allmählich, etwa mit einer veränderten Haltung zu Israel.» Dabei war auch der Zustand eines Buches für religiöse Käufer lange zweitrangig: «Diesen Sammlern kam es traditionell auf den immanenten Wert eines Buches oder Manuskriptes an. Aber inzwischen legen Orthodoxe beim Zustand eines Bandes die gleichen Massstäbe an wie Bibliophile allgemein.»

Reifeprozess des Marktes

Kline sieht darin einen «Reifeprozess des Marktes», der in den letzten 15 Jahren deutliche Preissteigerungen bei raren oder aussergewöhnlichen Stücken mit sich gebracht hat. Mintz notiert, dass auch der Judaica-Handel Trends und Moden erlebt: «Derzeit sind Drucke und Erstausgaben der klassischen Moderne im besten Zustand sehr gefragt.» Das Feld sei zwar insgesamt überschaubar, aber immer wieder würden rare Stücke etwa aus der Renaissance-Zeit auf den Markt gelangen. So kam bei Sotheby’s unlängst für insgesamt 7,7 Millionen Dollar eine im New Yorker Delmonico-Hotel entdeckte Sammlung unter den Hammer, die einzigartige Stücke wie eine illuminierte hebräische Bibel aus der Hand des um 1490 in Italien arbeitenden Levi Ben Aaron Halfon enthielt. Auf Trends zurückkommend, erwähnt Mintz die steigende Nachfrage für «Americana», die ebenso für den allgemeinen Markt mit Kunst und Antiquitäten gilt: Objekte aus dem jüdischen Alltag in Amerika stellen zumal für junge Kunden direkte Bezüge zur Lebenswelt ihrer meist armen und aus Osteuropa eingewanderten Vorfahren her. Mintz nennt als Beispiele Postkarten, Menüs und andere Memorabilien aus dem Feriengebiet der «jüdischen Alpen» in den Catskills-Bergen. Dort haben bis in die siebziger Jahre hinein Hunderttausende New Yorker Juden ihre Sommerfrische verbracht.
Die Sotheby’s-Expertinnen raten jedoch vor allem bei silbernen Gegenständen zu höchster Vorsicht. Wie Kline erklärt, haben nur wenige Leuchter oder Kelche die Jahrhunderte unbeschadet überstanden, da derartige Stücke in Kriegs- oder Krisenzeiten häufig eingeschmolzen worden seien. Für ihn gilt auf diesem Gebiet der alte Spruch: «Käufer, pass auf!» Roth sieht eine der Stärken ihres Hauses in der Expertise, speziell bei Silber: «Geschickte Fälscher versehen etwa echte Stücke aus dem 18. Jahrhundert nachträglich mit hebräischen Inschriften und vervielfachen so den Preis. Wir verfügen über die Kenntnisse, Kunden vor derartigen Fehlgriffen zu bewahren.» Kline kann aus seiner reichen Erfahrung etliche Beispiele für die selteneren Fälschungen bei Büchern nennen. So haben steigende Preise gerade für ältere Bände zu kaum identifizierbaren Manipulationen von Deckblättern geführt, die nachträglich in echte Bücher eingefügt würden, um diese «einzigartig» oder «besonders rar» zu machen: «So etwas erkennt man eigentlich nur intuitiv dank langem Umgang mit derartigen Stücken.» Kline erzählt darüber hinaus von einem für seine exzellenten handwerklichen Fähigkeiten berühmten Drucker aus Brooklyn, der ein in Fachkreisen nur aus zweiter Hand bekanntes Buch dem Israelischen Nationalmuseum verkauft habe: «Als der Mann versuchte, ein zweites Exemplar zu vermarkten, wandten sich die Interessenten an das Nationalmuseum und der Fälscher flog auf», so Kline.
Für den Händler illustriert dieser Fall, wie überschaubar der Judaica-Markt gerade bei Spitzenstücken ist: Neben rund einem Dutzend grossen Bibliotheken wie die am JTS, der Public Library in New York, an der Harvard University oder der Washingtoner Library of Congress agieren einige bedeutende private Sammler wie die New Yorker Familie Jesselson. Kline erwähnt die Jesselsons als Beispiel für die Tatsache, dass – von Harvard vielleicht abgesehen – die meisten Institutionen gerade in diesen Tagen bei grossen Anschaffungen auf die Hilfe von privaten Mäzenen angewiesen sind. Mintz fällt zur Frage nach bedeutenden Privatkollektionen auf Anhieb die des Zürchers René Braginsky ein.
Wie bereits erwähnt, betrachten die vom aufbau befragten Experten ihren Markt als stabil und setzen auf langfristiges Wachstum. Während die Sotheby’s-Expertinnen mit Verweis auf das stark fluktuierende Angebot keine Schätzungen wagen, setzt Kline den Jahresumsatz im Judaica- und Hebraica-Handel insgesamt auf «maximal 100 Millionen Dollar» an. Er nimmt neue Wettbewerber wie das israelische Auktionshaus Kedem wahr, das im Internet Kunden für preiswertere Stücke finde. Gleichzeitig seien die Auktionshäuser gerade bei Spitzenstücken auf dem Vormarsch, so Kline: «Die erklären den Sammlern, dass ein Auktionspreis den realen Wert eines Objekts reflektiert. Das führt dazu, dass etliche Kunden lieber höhere Preise auf einer Versteigerung bezahlen als günstiger im privaten Handel zu kaufen.»  


Andreas Mink ist aufbau-Redaktor und lebt in New York.