«Man muss seine eigene Persönlichkeit auf die Bühne stellen»
Für den Schauspieler Leon Askin verbinden sich mit seiner Geburtsstadt Wien die schönsten und wichtigsten, aber auch die dramatischsten und schrecklichsten Erinnerungen. Darum war es für das Kulturzentrum der IKG München und die Pasinger Fabrik, in der unter dem Motto «Sag beim Abschied...» das Los politisch und rassisch verfolgter Künstler und Publizisten in der NS-Zeit zu sehen war (vgl. JR Nr. 51), besonders wichtig, ihn als Zeugen des 20. Jahrhunderts für einen Gesprächsabend zu gewinnen. Seine 1998 im Böhlau-Verlag (Wien) erschienene Autobiographie dokumentiert, wieso Leon Askin zu Recht als «Der Mann mit den 99 Gesichtern» bezeichnet wird. Im persönlichen Gespräch entfaltet Askin dank seines phänomenalen Gedächtnisses ein Kaleidoskop von Momentaufnahmen aus Zeit-, Film- und Theatergeschichte, gewürzt mit einer unnachahmlichen Mischung trockenen, wienerischen und jüdischen Humors.
«Alle Rollen, die man sich erträumt»
Leon Askins Lebensgeschichte begann an Jom Kippur 5668, dem 18. September 1907. Da sein Bruder elf Jahre später zu Rosch Haschana auf die Welt kam, fühlten sie sich als «heilige Kinder» mit einer besonderen Verbundenheit zur jüdischen Tradition. Obgleich der Vater während des Ersten Weltkriegs sehr religiös geworden war, wuchs man im Hause Aschkenasy weltoffen auf. So sang der kleine Leon im Synagogenchor, durfte aber auch mit den katholischen Pfadfindern ins Wanderlager. Nicht mal seine Absicht, Schauspieler zu werden, stiess auf Widerspruch. Probleme ergaben sich für den jungen Gelegenheitsvertreter von Gummi-Absätzen nur daraus, das Geld für die Aufnahmegebühr an der neuen Schule für dramatischen Unterricht aufzubringen. Es gelang und bald folgte das erste Engagement in Düsseldorf. Askin spielte dort «alle Rollen, die man sich erträumt». Dass er einmal eineinhalb Stunden Fahrt im Zugabteil mit Joseph Goebbels über Schiller, Goethe und Shakespeare parlierend verbrachte, hat er ebenso wenig vergessen wie die Prügel und Demütigungen in einer SA-Kaserne im April 1933.
«Emigrieren muss gelernt sein»
«Name-Dropping» ist Askin völlig fremd. Dabei hat er viele bedeutende Menschen kennen gelernt, zum Teil als sie noch nicht so bekannt waren. Zum Beispiel Marlene Dietrich in Wien, Lilly Palmer im Exil-Kabarett in Paris, Alfred Kerr beim Kaffeetrinken. Askin erwähnt so grosse Namen nur, wenn sie für ein bestimmtes Ereignis wichtig waren. Die Quintessenz seiner Kontaktfähigkeit erklärt er so: «Ich habe mich mit allen Menschen sehr gut verstanden.» Das half auf der Bühne, am Filmset und das hatte auf der Flucht geholfen, denn «Emigrieren muss gelernt sein.» 1935 für drei kurze Jahre nach Wien zurückgekehrt, machte er wieder politisches Kabarett, brachte Jura Soyfers Stück «Weltuntergang» auf die Bühne. Nach dem Anschluss höchste Zeit, schleunigst zu verschwinden. Über Zürich, Paris und nach einigen Wochen im Sammellager Meslay dank des Einsatzes von Erwin Piscator und dessen Frau Maria Ley in die USA.
1994 ist Askin endgültig zurückgekehrt: «I bin a oider Weaner und kann Wien nicht ganz aus meinen Adern herausbringen.» Obgleich inzwischen auch Ehrenbürger von Wien, kommt er mit manchen Aspekten Wiens, Österreichs, aber auch Frankreichs nicht zurecht. Es ist dankbar sagen zu können: «Ich bin ja auch Amerikaner.» Seit der Einbürgerung 1943 ist die Namenskurzform amtlich. Askin diente in der amerikanischen Armee, war in England stationiert. Jede seiner Stationen ist mit Theaterbesuchen verbunden, London also mit Vivian Leigh und Laurence Olivier. Nach dem Krieg zog Askin nicht nach Wien. Die Eltern waren ermordet, der Bruder in Palästina. Zurück in Amerika, entdeckte man ihn für den Film. Wegen seines leichten Akzentes spielte er «immer irgendwelche Exoten: einen arabischen Scheich, einen französischen Hochstapler, einen holländischen Schiffskapitän, einen spanischen Kardinal». Dank vieler Erzbischofsrollen wurde er Fachmann für Katholizismus. Die Rolle eines Rabbiners hat man Askin nie angeboten. Dafür aber die eines deutschen Generals in der acht Jahre währenden Serie «Ein Käfig voller Helden». Den spielte er mit Schmiss, Abzeichen und Hitler-Gruss: «Man darf keine Angst davor haben, auch einen Antisemiten so darzustellen, wie er wirklich ist.» Wie Leon Askin so im Bühnenlicht sitzt und sich zum Applaus der gebannt lauschenden Zuhörerschaft knapp verneigt, denkt man an seine erste wichtige Bühnenlektion: «Ich habe nie kopiert. - Man muss seine eigene Persönlichkeit auf die Bühne stellen.»