«Man muss den Horror individualisieren»

Interview: Ellen Presser, October 9, 2008
Als Nachfolger Kafkas gewürdigt, gilt Aharon Appelfeld heute als Israels bedeutendster Autor der Gegenwart. Nicht erst seit der Debatte um das Buch «Bruchstücke» von Benjamin Wilkormirsky alias Bruno Doessekker steht zur Frage, inwieweit der Holocaust in einer Fiktion aus Ausgangspunkt verwertet werden darf. Im Gesräch mit dem israelischen Autoren Aharon Appelfeld hinterfrägt JR-Mitarbeitrin Ellen Presser die Berechtigung der Fiktion im literarischen Umgang mit dem Holocaust, Benjamin Wilkomirsky und über Appelfelds neuestes Buch «Der eiserne Pfad».
Aharon Appelfeld: Wenn man Wahres berichtet, dann muss es Unterlagen geben. - Foto PD

Jüdische Rundschau: Herr Appelfeld, sind Sie ein Schoa-Romancier?
Aharon Appelfeld: Ich bin ein jüdischer Schriftsteller, kein Holocaust-Autor, selbst wenn ich über diese Zeitspanne schreibe. Ich schreibe darüber, weil mein Leben eng damit verbunden ist. Es gibt ein Buch von Gabriel Garcia Màrquez, «Hundert Jahre Einsamkeit». Bei mir geht es um die letzten hundert Jahre jüdischen Lebens. - Natürlich steht im Zentrum meines Schreibens der Holocaust, aber ich schreibe über das jüdische Leben und nicht über den Holocaust im Allgemeinen. Ich schreibe über jüdische Menschen.

JR: Und Sie setzen ein literarisches Zeugnis der Schoah.
AA: Ich bleibe dabei: Ich bin Schriftsteller und sollte als solcher beurteilt werden. Tolstoi schrieb nicht als Chronist über eine russische Katastrophe, sondern als Schriftsteller. Ich schreibe keine Chronik des Holocaust. Alles entstammt meiner Phantasie, ist Fiktion.

JR: Gehörtes, Erfahrenes fliesst aber doch ein?
AA: Fiktion ist Fiktion. Wenn man Fiktion sagt, bedeutet das keineswegs, dass es weniger wahr ist. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war ich sieben. Woran kann sich ein Kind erinnern?

JR: Eine interessante Frage.
AA: Als ich als Erwachsener damit begann, über meine Kindheit zeitgleiches zu schreiben, erinnerte ich mich an vieles. Aber auch an so gut wie gar nichts. Ich konnte mich nicht mehr besinnen an Namen, Orte, Leute, denen ich begegnet war. Es war unumgänglich, Fiktion zu schreiben, weil es zu viele Lücken in meiner Erinnerung gab, die ich ausfüllen musste. So wurde ich zwangsläufig ein Erzähler und kein Chronist.

JR: Ist es nicht problematisch, über ein reales Ereignis wie die Schoah zu schreiben?
AA: Überhaupt nicht, weil ich Fiktion für nicht weniger wahrhaftig halte als andere Genres. Nehmen wir das Beispiel des Traums. Freud verstand, dass Träumen nicht weniger wahr ist als die Wirklichkeit. Jede Fiktion ist eine Art von Traum, von innerem Erleben. Darüber schreibe ich. Mein letztes Buch «Der eiserne Pfad» handelt von so einer Reise durch ein Innenleben, der Zug fährt vorbei an fiktiven Orten durch mein privates, imaginäres Land das gespenstische Ähnlichkeit mit Österreich hat.

JR: Glauben Sie, man kann seine Feinde, wie in Ihrem letzten Roman angedeutet, ausschalten?
AA: Innenleben ist traumatisch. Da ist alles möglich. Der Held, der den Holocaust als Kind erlebte, hat eine Menge Wut angesammelt. In der Wirklichkeit schluckten Juden so viel. Sie waren es nicht gewöhnt zu töten. Das ist eine Frage der Erziehung. Nicht zu töten, keinen Schaden zuzufügen, niemanden zu verletzen - das war so tief verankert, dass es einfach nicht vorkommen sollte. Natürlich gab es in jedem Schtetl Gestalten wie den Dieb und den Schlachter. Aber sogar das Tiere töten war mit genauen Vorschriften belegt.

JR: Was halten Sie von der Ansicht, dass schreibende Überlebende davon besessen seien, Zeugnis abzulegen?
AA: Zeugenschaft bedeutet, dass man wie ein Historiker sein muss. - Ich war damals ein Kind. Wenn man aufrichtig ist, kann man nur das wiedergeben, was man weiss. Was sich angesammelt hat. Ich drücke nur aus, was der Holocaust bei mir angerichtet hat, wie er meine Persönlichkeit geprägt hat. Ausserdem schreibe ich über einzelne Individuen, nicht über den Holocaust insgesamt. Wer wäre angesichts seiner gewaltigen Dimension dazu überhaupt fähig? Ich spreche nur darüber, was er bei mir bewirkt hat, in der Hoffnung, dass dies anderen Leuten etwas vermitteln kann.

JR: Glauben Sie denn, dass Fiktion ein realistisches Bild der Schoa vermitteln kann?
AA: Zweifellos. Andernfalls würde ich nicht schreiben. Meine Bücher sind in 27 Sprachen übersetzt, werden in Japan, China, Finnland, wo nie nennenswert Juden lebten, gelesen. Und zwar als jüdische Literatur. Weil ich nicht in historischen Begriffen spreche, sondern über Menschen. Über Kinder, Frauen, und eben zuletzt über einen Mann, der nur mehr den Zug als sein Zuhause betrachtet. Der Holocaust ist zunächst nur auf individueller Ebene betrachtbar. Denn können wir die Dimension von sechs Millionen Menschen, die verschwanden, begreifen? Das ist doch unmöglich, jenseits jeglichen Vorstellungsvermögens. Erfassbar wird es nur über individuelle Schicksale. Man muss den Horror individualisieren. Wenn man das nicht tut, bleibt das Grauen ein Geheimnis, ein Mysterium.

JR: Es gibt eine langsam wachsende Autorenriege der sogenannte Zweiten Generation, die - so wird kritisiert - ohne entsprechende Erfahrung über die Schoah schreibe. Braucht ein Autor diese reale Erfahrung?
AA: Das Anliegen des Autors muss Wahrhaftigkeit sein. Wer nicht in Auschwitz war, kann sich diesen Ort nicht wirklich vorstellen. Überhaupt birgt jede Vorstellung darüber schon eine Verfremdung. Im Übrigen hat jeder sein eigenes Vorstellungsvermögen, und so sollte es auch sein. Aber das sollte dann nicht unter dem Vorzeichen «Holocaust», sondern ausschliesslich «Literatur» beurteilt werden. Es sollte nur geprüft werden, ob der Autor etwas über das innere Leben weiss, etwas über die menschliche Existenz begriffen hat. Wir Juden sehen im Holocaust die grosse Katastrophe. Das Problem liegt in der Vermischung der beiden Perspektiven, sie ist unzulässig. Wenn jemand über das Werkzeug eines Schriftstellers verfügt, dieses Einfühlungsvermögen in innere Prozesse besitzt, wer könnte ihm das Recht verwehren, zu schreiben?

JR: Beziehen wir andere Sparten wie Film, Theater mal mit ein. Ist alles erlaubt?
AA: Wenn jemand etwas schreibt, das keinen Sinn hat, etwas das nicht den Gesetzen der Phantasie entspricht, ist das schlecht.

JR: Auch die Phantasie hat ihre Gesetze?
AA: Natürlich.

JR: Nehmen wir mal ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Den inzwischen Oscar-gekrönten italienischen Film «Das Leben ist schön» von Roberto Benigni...
AA: Den habe ich gesehen. Für mich stellt dieser Film schlechte Kunst dar, weil er sentimental ist, ein Kind benutzt. Das Lager, die ganze Umgebung wirkt wie ein Schau-Spiel, nicht wie ein Ort des Leidens. Was Menschen wirklich erlebten, wird hier banalisiert.

JR: Warum kam dieser Film dann bei so vielen Juden und Nichtjuden derart gut an?
AA: Es ist so schwer, die nackte Wahrheit zu ertragen. Es besteht immer der Wunsch, sie zu versüssen, sie ein bisschen erträglicher zu machen, sie zu banalisieren. Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Warum ist das Tagebuch von Anne Frank so erfolgreich? Weil kein Holocaust darin vorkommt. Es geht um das Verstecken, einen ersten Schritt auf dem Weg in den Holocaust. Im Tagebuch kommt kein Ghetto und kein KZ vor.

JR: Was Anne Frank in Bergen-Belsen widerfuhr, konnte da noch nicht vorkommen.
AA: Genau. Es geht um ein heranwachsendes Mädchen, das ein bisschen verfolgt wird. Über die Zeit von 1939 bis 1945 eine Chronik zu verfassen ist einfacher, als jede künstlerische Auseinandersetzung. Was einer Seele widerfuhr, wie die Erfahrung der Schoah den Menschen veränderte, seine Denkweise, seinen Glauben, seine Einschätzung anderer Menschen - das alles ist viel komplizierter. Das gehört alles zu dem, was ich als inneres Leben bezeichne. Aber zurück zu Ihrer Ausgangsfrage: Alles, was jemand als Literatur schreibt, sollte auch nur in literarischen Kategorien beurteilt werden.

JR: Da würden Ihnen viele widersprechen.
AA: Die Überlebenden wollen, dass die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt werden sollte.

JR: Und es geht unter ihnen die Angst um, dass es bald niemanden mehr geben wird, der dazu fähig ist.
AA: Man muss die Kategorien einfach auseinanderhalten. Die eine ist die Geschichtsschreibung und sie sollte so präzise wie möglich dokumentieren. Und sich auf die Tatsachen konzentrieren, so trocken sie sind, so grausam sie sind. Literatur hat eine andere Aufgabe. Diese beiden völlig verschiedenen Kategorien bedürfen zur Bewertung auch unterschiedlicher Instrumente. Wenn es um Geschichte geht, muss jedes Detail, jedes Ereignis, jeder Ort genau verifiziert werden. Warum ist das Buch «Bruchstücke» von Binjamin Wilkomirski «a ojsgetrachte majsse»? Es hatte nichts mit Literatur zu tun. Es gab nur vor, die Wahrheit zu beschreiben. Wenn man Wahres berichtet, dann muss es Unterlagen geben. Und die haben ja bewiesen, dass alles gelogen war. Woran kann sich ein vierjähriges Kind erinnern? - Wie hätte ich selbst, der acht, neun, zehn Jahre alt war damals, eine Chronik des Holocaust schreiben können? Ich lebte damals im Wald, pflegte dort zu spielen - wie ein Kind das tut. Selbstvergessen, für mich allein. Das konnte nur sein, weil ich ein Kind war. Das hätte einem Erwachsenen nicht widerfahren können. Ein Erwachsener, der sich in den Wald rettete, trug seine Tragödie mit sich. Auch das Kind kam mit einer Tragödie, aber es war sich deren Ausmasses nicht bewusst.

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Aharon Appelfeld

Aharon Appelfeld, 1932 im rumänischen Czernovitz geboren, wurde achtjährig in ein Lager verschleppt, aus dem ihm die Flucht in den Wald gelang. 1946 emigrierte er nach Palästina, wo er wie so viele elternlos gewordene Kinder in einem Kibbuz aufwuchs. Schon Ende der 50er Jahre begann er Erzählungen, später auch vielfach preisgekrönte Romane zu schreiben. In Deutsch erschienen «Badenheim» (1982), «Zeit der Wunder» (1984), «Tzili» (1989), «Der unsterbliche Barfuss» (1991) und jüngst «Der eiserne Pfad» (Berlin 1999), aus dem Hebräischen von Stefan Siebers.
Appelfeld, den die New York Times Book Review nicht von ungefähr als «würdigen Nachfolger Kafkas» apostrophierte, beschreibt in seinem jüngsten Roman den alljährlichen Streifzug des Judaicahändlers Erwin Siegelbaum, der auf seiner letzten Reise endlich den Mörder seiner Eltern stellen will. Die Begegnung mit bzw. Erinnerung an Weggefährten an einzelnen Stationen dieser Bahnfahrt - der Metapher einer Lebensbilanz - ist von einer Hoffnung beseelt, «als stünde am Ende unserer Tage nicht Vernichtung, sondern fortwährende Erneuerung». Der «eiserne Pfad» der Schienenstränge signalisiert die Unausweichlichkeit, mit der der Held durch seine Erinnerungen und Obsessionen getrieben wird. «Dass es einen Notausgang gibt», gesteht er sich allein für seine Alpträume ein. Als ruheloses «Geschöpf der Schiene», das «kein Zuhause hat», weiss er, «ohne meine Erinnerungen wäre mein Leben anders». Diesen zu entkommen ist aber unmöglich.
Aharon Appelfeld, der als Professor für Literatur an der Universität in Beer Sheva wirkt, kehrte vor einem Jahr - begleitet von einem Fernsehteam - erstmals in die Bukowina und nach Transnistrien, die Region seiner Kindheit, zurück. Kürzlich war er auf Einladung des Alexander Fest Verlages erstmals in Deutschland, genauer gesagt in Berlin.