Madoffs Verhaftung zieht weite Kreise
Die Verhaftung des Wall-Street-Händlers Bernard L. Madoff, der nach Angaben der Untersuchungsbehörde Investoren um schätzungsweise 50 Milliarden Dollar geprellt haben soll, hat die jüdisch-philanthropische Welt der USA wie ein Blitz getroffen und erschüttert. Der siebzigjährige Madoff, Mitbegründer und ehemaliger Chef der Technologiebörse Nasdaq, war am Donnerstag letzter Woche unter dem Verdacht verhaftet worden, im Verlaufe mehrerer Jahre – Zeitungsberichte sprechen sogar von Jahrzehnten – von seinen Kunden mittels einer komplizierten Schneeball-Konstruktion 50 Milliarden Dollar ergaunert zu haben. Noch vor dem Wochenende war Madoff gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar auf freien Fuss gesetzt worden. Eine gewisse Diskrepanz zwischen Madoffs Behauptung, er habe «all sein Geld verloren», und dieser doch beträchtlichen Kautionssumme lässt sich nicht leugnen …
Gegenüber dem «Wall Street Journal» meinte ein Anwalt des Verdächtigten: «Bernard Madoff ist eine bestens etablierte Führungsfigur in der Industrie der finanziellen Dienstleistungen. Sein Ruf ist tadellos; er ist eine integre Persönlichkeit und beabsichtigt zu kämpfen, um diese unglückselige Angelegenheit zu überwinden.» Ganz anders tönt es verständlicherweise auf der Seite der Geschädigten. Madoffs Kunden seien in «Panik», sagte Stephen A. Weiss, der einige Dutzend Investoren vertritt. «Diese Menschen machen sich Sorgen, sie sind zornig, und viele von ihnen sind heute mittellos.»
Grosse Sorgen
Eine wohltätige Institution in den USA musste bereits ihre Tore schliessen, und Insider machen sich Sorgen, dass der Zusammenbruch von Madoffs Anlagefonds weitreichende Folgen haben könnte. Sein Imperium ist derart verästelt, dass zahlreiche weitere Institutionen und auch wohlhabende Juden in Amerika – aber auch im Ausland, Israel eingeschlossen – betroffen sein könnten.
Nach seiner Freilassung auf Kaution trat Madoff als Vorsitzender der Sy Syms Business School der Yeshiva University (YU) und als Schatzmeister des Board of Trustees dieses angesehenen New York Bildungsinstituts zurück. Die genaue Höhe des Verlusts, den die YU durch ihre Investitionen bei Madoff erlitten hat, sind noch nicht bekannt, aber man spricht bereits von Dutzenden von Millionen Dollar. YU-Sprecherin Hedy Shulman gab sich in einer ersten Stellungnahme «schockiert», wollte aber noch kein offizielles Statement abgeben. «Unsere Anwälte und Buchhalter untersuchen alle Aspekte von Madoffs Beziehungen zur Yeshiva University. Wir warten mit unseren Kommentaren bis nach Beendigung dieser Prüfungen.» Noch vor den Enthüllungen des letzten Wochenendes war im «Yeshiva Commentator», der Zeitung des Instituts, zu lesen, dass das Volumen der Fonds der Universität infolge der allgemeinen Finanzkrise von 1,8 auf 1,4 Milliarden Dollar zurückgegangen sei.
Inzwischen mehren sich die Meldungen von Stiftungen und wohltätigen Institutionen, die ihren Betrieb von einem Tag auf den anderen einstellen mussten, weil sie ihr Vermögen bei Madoff investiert hatten. Von diesem Schicksal betroffen war etwa die kalifornische Chais-Familienstiftung, die alljährlich rund zwölf Millionen Dollar zugunsten von Projekten in Israel, der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa ausgeschüttet hatte. Zu den wichtigsten Begünstigten der Stiftung
gehörten Organisationen wie die United Jewish Communities und das American Jewish Joint Distribution Committee. Avraham Infeld, der Präsident der Chais-Stiftung, bestätigte deren Schliessung. «Wir hatten alle unsere Mittel bei Madoff investiert. Wir mussten den bedauerlichen und schmerzlichen Beschluss fassen, unsere Stiftung zu schliessen.»
Nicht besser erging es der in Boston beheimateten Robert I. Lappin Charitable Foundation, deren Gelder ebenfalls grösstenteils bei Bernard L. Madoff Investment Securities lagen. Es soll sich um acht Millionen Dollar gehandelt haben, die nun verloren sind. Während 16 Jahren hatte sich diese Stiftung bei ihrer Arbeit darauf konzentriert, dem «Trend von Assimilation und Mischehen entgegenzuwirken». Das geschah unter anderem durch die Finanzierung von Israelreisen für Teenager, Bildungsprogrammen für jüdische Pädagogen und ökumenische Aktivitäten. «Das Geld, das wir für die Finanzierung unserer Programme benötigen, ist nicht mehr vorhanden», heisst es in einer Verlautbarung der Stiftung, die ihre sieben Angestellten bereits entlassen hat. «Die Programme unserer Stiftung», erklärte Robert I. Lappin, «haben während vieler Jahre Tausende von Leben beeinflusst und waren Ausdruck unserer Bemühungen, unsere Kinder dem Judentum zu erhalten.» Laut amerikanischen Zeitungsberichten haben auch jüdisch dominierte gesellschaftliche Clubs gezielt bei Madoff investiert. Genannt werden unter anderem der Boca Rio Golf Club in Boca Raton und der Palm Beach Country Club in Palm Beach.
Auch Investoren in Israel sind betroffen
Der Betrugsskandal, der bereits als der «grösste Skandal, den die Wall Street je
erlebt hat» bezeichnet wird, ist offenbar auch nach Israel übergeschwappt. Verschiedene Versicherungsgesellschaften sollen betroffen sein; Harel schätzt seine Verluste durch Investitionen bei Madoff auf rund 42 Millionen Schekel. Aber auch akademische Institutionen haben Schaden erlitten. So hat das Haifaer Technion vermutlich 25 Millionen Schekel bei Madoff verloren, und die Zahl der privaten israelischen Investoren, die sich von Madoff an der Nase haben herumführen lassen, ist derzeit ebenso wenig bekannt wie die Höhe ihrer Verluste.
Dabei hatte alles begonnen wie so viele amerikanische Erfolgsgeschichten: Bernard L. Madoff hatte seine Firma 1960 mit den 5000 Dollar gegründet, die er durch Teilzeitarbeit als Bademeister an den Stränden von Long Island verdient hatte, während er gleichzeitig sein Jura-Studium an der Hofstra University vorantrieb. 2001 war Madoffs Firma laut «Barron’s Magazine» eines der drei grössten Unternehmen an der Nasdaq und die drittgrösste Firma, die an der New Yorker Börse Käufer und Verkäufer von Aktien zusammenbrachte. FBI-Beamte, die Madoff am frühen Donnerstag verhafteten, fragten ihn, ob er eine «unschuldige Erklärung» für die Vorgänge habe. Nein, antwortete Madoff, eine unschuldige Erklärung gebe es nicht.