Madoffs Milliarden-Gau
Auch der «Sheriff der Wall Street» und seine Familie waren nicht vor Bernard Madoff gefeit: In New York wurde bekannt, dass der ehemalige Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer und seine Verwandten dem Betrüger auf den Leim gegangen sind, der nach eigenen Angaben 50 Milliarden Dollar veruntreut hat. Die Spitzers sollen jedoch «nur» einige Millionen Dollar verloren haben – Peanuts im Vergleich zu den zahlreichen Anlegern, die Madoff oder Fonds, die diesem zugearbeitet haben, ihr gesamtes Vermögen anvertraut haben. Zuvor war das Gerücht zirkuliert, dass Spitzer nach seiner Wahl zum Gouverneur von New York den Machenschaften Madoffs auf die Spur gekommen sei. Dieser soll deshalb dafür gesorgt haben, dass Spitzers Besuche bei Prostituierten bekannt wurden. Beweise gibt es für diese These zwar nicht, aber sie sei hier dennoch zitiert, um einen Eindruck der Hektik zu vermitteln, die der Schock über Madoffs ungeheuerliches Schneeballsystem in New York ausgelöst hat: Speziell im jüdischen Establishment brodeln wilde Spekulationen über das Ausmass der Verluste prominenter Familien, Stiftungen und Fonds. Viele Opfer von Madoff hüllen sich der Öffentlichkeit gegenüber in Schweigen und suchen sich lieber juristischen Beistand. Dies tun auch die Partner Madoffs bei diversen Fonds in Manhattan oder der Hedgefonds-Hauptstadt Greenwich im benachbarten Gliedstaat Connecticut. Der US-Justizminister Michael Mukassey hat sich inzwischen aus den Ermittlungen gegen Madoff zurückgezogen, da sein Sohn Marc einen hochrangigen Mitarbeiter des Milliarden-Schwindlers als Anwalt vertritt.
Die wahre Dimension der Verbrechen Madoffs wird nur langsam greifbar. Offensichtlich hat der 70-Jährige seinen epochalen Fischzug in New York begonnen und dann – stets auf der Suche nach frischem Geld – auf das Umland der Metropole und schliesslich auf die jüdische Enklave von Palm Springs und bis in den Mittleren Westen und Kalifornien ausgedehnt. Die USA und hier vor allem jüdische Anleger waren jedoch nur das Sprungbrett für eine globale Raubexpedition, die Madoff in die Schweiz und weitere europäische Staaten und von dort über den Nahen Osten nach Asien geführt haben. In Singapur und China sollen Madoff und seine Agenten die Vorgehensweise aufgegeben haben, die zuvor so gut funktioniert hat: Der Schwindler verhielt sich diskret und liess sich als Geheimtip handeln – so galt es als Ehre und Auszeichnung, in den exklusiven Kreis der Madoff-Investoren aufgenommen zu werden. In Asien hat er diese Zurückhaltung dann anscheinend in den Monaten vor der grossen Finanzkrise im Spätsommer abgelegt und aggressiver um Anlagekapital geworben. Offensichtlich hat sein Pyramiden- oder Schneeballsystem, das in den USA nach dem Betrüger Charles Ponzi (1882–1949) als «Ponzi-Betrug» bezeichnet wird, Ende 2007 seine Grenzen erreicht.
Wie weit gehen die Betrügereien zurück?
Unklar ist jedoch weiterhin, wie und wann Madoff auf die schiefe Bahn geraten ist. Ursprünglich war seine 1960 gegründete Firma auf Aktiengeschäfte spezialisiert. Madoff war ein Pionier bei der Einführung von computergestützten Systemen an den Börsen und massgeblich an der Gründung des elektronischen Handelsplatzes Nasdaq beteiligt. Daneben eröffnete Madoff Hedgefonds, die nach Berichten aus den frühen neunziger Jahren mit relativ simplen Strategien operierten. Angeblich ist der im New Yorker Stadtteil Queens geborene Börsianer in dieser Zeit zum Betrüger geworden, aber es ist bislang unbekannt, wie dies genau vor sich gegangen ist. Das «Wall Street Journal» berichtet dagegen, dass Madoff bereits seit den siebziger Jahren in betrügerische Machenschaften verwickelt war. Gegenüber tachles äussern erfahrene Investoren die Vermutung, dass Madoff erst allmählich in die Kriminalität abgerutscht sei, also zunächst regulär an den Märkten gehandelt, seinen Anlegern aber unrealistisch hohe Gewinnbeteiligungen versprochen hat. Diese Versprechen hat er vermutlich auch dann eingehalten, als seine Börsengeschäfte keine entsprechenden Profite mehr erzielen konnten. Vor 15 bis 18 Jahren hat Madoff anscheinend jede Hoffnung aufgegeben, das bereits ausgeschüttete Kapital seiner Anleger auf ehrliche Weise zurückzugewinnenn. Daraufhin – so vermuten unsere Gewährsleute – ging er dazu über, das Schneeballsystem zu perfektionieren und auf lange Zeit einzurichten. So wurde die Suche nach frischem Kapital zum obersten Gebot der Firma. Bislang ist allerdings unklar, ob und in welcher Weise Madoff tatsächlich mit dem Geld seiner Anleger gehandelt habe. Bevor er am 11. Dezember vom FBI verhaftet wurde, war das von ihm verwaltete Kapital anscheinend auf wenige Hundert Millionen Dollar zusammengeschrumpft.
In den USA wird Madoffs System auch «Bezahle Peter mit dem Geld von Paul» genannt: Statt legitime Gewinne auszuschütten, griff Madoff auf die Einlagen neuer Investoren zurück, um etablierte Kunden zu beglücken. Deren Erfolg war dann die beste Werbung für das System und trieb Madoff immer neue Anleger in die Arme. Obwohl Journalisten und Börsianer seit 1990 immer wieder vor Madoff gewarnt haben, fand er zahlreiche Verbündete im Investmentgeschäft, die ihm Anleger zuführten. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, wussten die geprellten Anleger nicht immer, wo ihr Geld letztlich gelandet war. Unklar ist, ob versierte Mittelsmänner wie der Hedgefonds-Tycoon Ezra Merkin, die die Kapitalmärkte kennen, den Betrüger Madoff durchschaut haben oder ebenfalls naiv genug waren, ihn als Finanzgenie zu betrachten, das eine Geheimformel für Geldvermehrung entdeckt hat. Auch hier könnten die nun anrollenden Klagen betrogener Anleger weitere Skandale an den Tag bringen.
Rein rechnerisch ist es durchaus möglich, dass einige Anleger Madoffs mit einem blauen Auge davongekommen sind. Ein Investor, der vor zehn oder 15 Jahren bei Madoff einbezahlt hat und sich seine Gewinne ausschütten liess, könnte nur geringe Verluste erlitten oder sogar einen Profit erzielt haben – vor allem, wenn er seine Anlagen bei dem Betrüger vor dessen Verhaftung aufgelöst hat. In New York wird bereits diskutiert, ob die Behörden oder die Richter in den nun anlaufenden Klagen gegen Madoff darauf bestehen werden, dass die glücklichen Anleger ihre Gewinne zurückgeben, um die Opfer des Betrügers zumindest teilweise zu entschädigen. Für diese Vorgehensweise würde ein Präzedenzfall existieren: der vor einigen Jahren geplatzte Hedgefonds Bayou. Damals stand jedoch ein Schaden von lediglich 400 Millionen Dollar und eine relativ kleine Zahl von Anlegern zur Debatte. Bei Madoff werden die Ermittler allein für die Rekonstruktion seiner Verbrechen viele Monate aufbringen müssen. Die Aufschlüsselung individueller Verluste und Gewinne dürfte danach ebenfalls einige Zeit beanspruchen.
Historischer Schaden für Amerikas Juden
Dies gilt auch für die ordnungspolitischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Madoff-Skandals. Es liegt auf der Hand, dass das jüdische Amerika Schäden von historischem Ausmass erleidet: Madoff hat die von der Finanzkrise ohnehin geschwächte Infrastruktur von Philanthropen und Stiftungen im Mark getroffen und eine Welle von Schliessungen und Sparmassnahmen in den jüdischen Institutionen der USA ausgelöst. Schwerer abschätzen lassen sich die psychologischen Folgen des Skandals. Wird eine Vertrauenskrise die elitären Zirkel des amerikanischen Judentums erfassen? Oder werden die «old boy networks» die Kraft finden, strikte Regeln und Offenheit bei der Führung von Verbänden zu installieren? Gerade der Fall von J. Ezra Merkin hat ja evident gemacht, dass es verheerende Folgen haben kann, wenn ein Stiftungsvorstand gleichzeitig das Kapital seiner Institution verwaltet: So hat die Yeshiva University durch ihren Vorstand Merkin mindestens 100 Millionen Dollar verloren.
Aber für die USA ist es auch charakteristisch, in jeder Krise auch die Chance für Verbesserungen zu sehen. Hat der Kollaps der Finanzmärkte im Spätsommer wesentlich zur Wahl von Barack Obama beigetragen, so gibt der Madoff-Skandal der zukünftigen US-Regierung gewichtige Argumente – und den populären Rückhalt – für eine wirklich tiefgreifende Reform der staatlichen Aufsicht über die Märkte und das Finanzwesen. Obama hat seine Entschlossenheit dazu mehrfach betont. Der von Madoff angerichtete Schaden ist nicht so gross, als dass das Land – und die jüdische Infrastruktur Amerikas – sich nicht davon erholen könnten.