«Macht und Güte»

Von Thomas Mann, December 8, 2008
Einer der bedeutendsten aufbau-Beiträge Thomas Manns war sein Nachruf auf Franklin Delano Roosevelt. Er erschien in der Nummer vom 20. April 1945.
aufbau-AUTOR THOMAS MANN Der Literaturnobelpreisträger hat wiederholt im aufbau publiziert. In der New Yorker Redaktion hing sein Bild neben dem von Roosevelt und Albert Einstein

Er hatte die Liebenswürdigkeit, den gewinnenden Zauber Cäsars. Er hatte auch sein Glück. Seine Grösse selbst hatte viel Verwandtschaft mit der des Römers. Wie dieser war er Aristokrat, ein Kind des Reichtums und ein Freund des Volkes, der Hort des kleinen Mannes. Und wie Cäsar den römischen Gedanken zu der dem Christentum als Weltreligion vorarbeitenden Konzeption eines universellen Reichsbürgertums erweiterte, so sah Roosevelt die abendländische Kulturidee aufgehen in einer Weltzivilisation mit der Atmosphäre des religiösen und sozialen Humanismus, dem sein Herz gehörte. Das Wort «Religion» hatte kaum konfessionellen, es hatte universellen Sinn in seinem Munde.
Klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben, fein und stark, hochentwickelt und einfach wie das Genie, erleuchtet von intuitivem Wissen um die Notwendigkeiten der Zeit, den Willen des Weltgeistes – eingerechnet das Wissen, dass er der Glücklichste ist, der diesem Willen am mutig-gehorsamsten, zähesten und geschmeidigsten dient –, genau der Mann jenes «Glaubens», von dem Goethe sagt, dass er «sich stets erhöhter, bald kühn hervordringt, bald geduldig schmiegt, damit das Gute wirke, wachse, fromme …» – so sehe ich ihn, so kannte, bewunderte, liebte ich ihn und war stolz, unter seiner Ägide ein civis romanus zu werden.
Als ich das erste Mal einige Stunden in seiner Nähe verbringen durfte, stand ich noch unter dem frischen Schock der Emigration, des Exils, des Verlustes der Heimat – und unter dem Eindruck der gleichgültig nachfragenden Ahnungslosigkeit der Welt. Wir Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland fanden, auch wenn wir individuell ehrenvoll aufgenommen wurden, geringes Verständnis in den Ländern, in denen wir Schutz suchten. Was wir erlebt hatten, was wir kommen sahen, wovor wir zu warnen versuchten, konnte oder wollte niemand begreifen. Eine Art von Selbstschutz hinderte die Welt am Verständnis. Hier war einer, zum ersten Mal einer, der alles verstand, alles wusste, alles sah, dem die Worte, die wir sprachen, kein leerer Schall waren, weil der Weltbürgerkrieg, in dem wir standen, seinem Geist ein lebendig empfundenes Faktum war. Und dieser Eine war zufällig der mächtigste Mann der Erde.
Man vergisst das nicht. Unendliche Dankbarkeit folgt einer solchen stärkenden, tröstlichen, versichernden Erfahrung nach.

Rettung des Menschen und der Freiheit

Ich habe Roosevelt wohl einen «shrewd politician» schelten hören. Nun, er war es: ein geborener Adept der Politik, die man die «Kunst des Möglichen» genannt hat und die ja in der Tat eine kunstähnliche Sphäre ist, insofern sie, gleich der Kunst, eine schöpferisch vermittelnde Stellung einnimmt zwischen Geist und Leben, Idee und Wirklichkeit, dem Wünschenswerten und dem Notwendigen, Gewissen und Tat, Sittlichkeit und Macht. Eine Hermesnatur gewandter und heiter-kunstvoller Vermittlung, des Zugeständnisses an die Materie, um das Geistige darin zu verwirklichen, schien er ohne bewusste Beziehung zu den schönen Künsten, Literatur, Musik, Malerei, war aber selbst eine Erscheinung von vollkommen ästhetischem Zauber.
Ein «shrewd politician»? Und was hätte er lieber sein sollen? Ein Intellektueller? Das wäre ungenügend gewesen. Ein Mann der Tat ist kein Intellektueller, es sei denn in dem weitesten Sinn, nach welchem das Gute und Rechte mit dem Geistigen zusammenfällt. Ein Mann der guten Tat – wohl uns, dass es auch das gab: die Tatkraft aus Güte und zum Zweck des Guten. Die Zeit hatte uns in der Gestalt des faschistischen Diktators den Mann des Willens und der Tat, den modernen Massenbändiger gezeigt, dessen ganze Schlauheit und Energie dem Bösen diente. Ich habe in Franklin Roosevelt immer den geborenen und den bewussten Gegenspieler des abgründig bösen, aber wohl eben damit auch abgründig dummen und weltblinden Diabolismus gesehen, dem das arme Deutschland verfallen und durch den es der Welt so gefährlich geworden war. Dass die Demokratie sich fähig erwies, auch den Mann und Täter hervorzubringen, den Starken, Zähen und Schlauen, den Menschenbehandler, den grossen Politiker des Guten, das war ihre Rettung, die Rettung des Menschen und seiner Freiheit.

Ein unzeitiges Ende

Ein Künstler und ein Held. Das Herz hätte ihm mit weniger Ehrfurcht entgegengeschlagen, wenn nicht das Heroische, das Trotzdem, die Überwindung der Schwäche, die wir Tapferkeit nennen, zu seinem Bilde gehört hätten. Die Krankheit, die ihn nicht hatte töten können, hatte ihn doch gelähmt. Die körperliche Hemmung brachte etwas Erschütterndes in den Glanz seines Lebens. Er konnte nicht gehen, und er ging; er konnte nicht stehen – und er stand – stand in vier Wahlfeldzügen – und warb mit der goldenen Stimme, mit der die Natur ihn beschenkt, um das Recht, sein Werk vollenden zu können.
Der Tod hat sich als unerbittlicher erwiesen als die Demokratie, der er diente. Er hat ihm sein Werk, das gross gedachte und weitschauende, ein Menschheitswerk, aus der Hand genommen, sehr sanft, sehr schonend, ein Freund unwillkürlich auch er. Ein plötzlicher Kopfschmerz, eine Bewegung der Hand nach dem Hinterhaupt – und schon Bewusstlosigkeit, das Ende aller Leiden. Aber das Ende eben – und ein wie unzeitiges!
Das Sonnige, Bevorzugte und das Melancholische verbinden sich, Liebe weckend, in diesem Tode, diesem Heldenleben. Ihm war nicht gewährt, den vollen Sieg und den Völkerfrieden zu sehen, an dessen Gewinnung er all seine Kraft und Klugheit setzte, und für den er gestorben ist. Wer fühlt nicht, dass die Auspizien der Konferenz von San Francisco glücklicher gewesen wären, wenn er selbst, wie seine Absicht war, sie eröffnet hätte! Und doch müssten wir uns vor ihm unseres Schmerzes schämen, wenn wir ihn in Verzagen ausarten liessen. Er konnte sein Werk weit genug fordern, dass es ohne ihn in seinem Geist vollendet werden mag. Es gelang ihm, seine Nation, das amerikanische Volk, dafür zu gewinnen, das sich noch vor 18 Jahren nur zum kleinsten Teil aufgelegt zeigte, der League of Nations beizutreten, und das nach jüngsten Erhebungen in seiner überwältigenden Mehrheit dem Isolationismus abgesagt hat und gewillt ist, einer Weltorganisation anzugehören, welche die Macht haben soll, den Frieden zu schützen.
Wie werden vor der Geschichte die «Führer», «Duce» und «Caudillos» des alten Kontinents dastehen im Vergleich mit Roosevelt, dem es gegeben war, die soziale Bildung und Reife seines Volkes so mächtig zu fördern, während sie nur die Freiheit morden konnten!
Uns, die wir seine Zeitgenossen waren, hat das Glück zwiefach wohlgewollt. Wir können dahingehen mit der Erfahrung, dass zwar auf diesem Stern das Niederträchtige immer seinen Platz behaupten wird, dass aber das Niederträchtigste, Hitlers Geist und Herrschaft, nicht darauf geduldet, sondern mit vereinten Kräften hinweggefegt wurde. Und wir können sterben in dem Bewusstsein, einen grossen Mann gesehen zu haben.