Luxus in Zeiten der Krise
Zur diesjährigen Weltmesse für Uhren und Schmuck reisten 1952 Aussteller aus aller Welt an – nur 135 weniger als im Jahr 2008, das als Rekordjahr in der Branche gilt. Während acht Tagen präsentierten wie auch in den Jahren zuvor alle führenden Marken ihre Produkte und Innovationen. Auch die weltweit renommiertesten Diamanten- und Edelsteinhändler waren an der Baselworld vertreten. So schien es, als lautete das Motto der Unternehmen: Dabei sein ist alles, auch in Zeiten der Krise. So liess sich kaum eine Firma die Teilnahme an der Messe entgehen – die Erwartungen und auch die Präsenz der einzelnen Aussteller waren allerdings zurückhaltender als auch schon zuvor. So hat bespielsweise das Genfer Familienunternehmen Raymond Weil gänzlich auf Hostessen verzichtet, sondern stattdessen eigene Mitarbeiterinnen eingesetzt, die die Besucher am Stand kompetent begrüssten – eine Tatsache, die den Auftritt der Firma in keiner Weise minderte.
Positiv überrascht
Tani Gossenberger vom Raymond Weil PR-Departement betont gegenüber tachles, das Unternehmen sei im Hinblick auf die Baselworld sehr vorsichtig gewesen und habe versucht, das Angebot und auch die Preise anzupassen. «Hochwertige Modelle zu einem vernünftigen Preis kommen auch in Krisenzeiten noch gut an», so Gossenberger, die auf den sehr gut besuchten Messestand in Halle 1 deutet und sagt: «Wir sind absolut positiv überrascht.» Nicht nur das Medieninteresse, sondern auch die Zahl der Kunden sei wesentlich höher als die Firma erwartet habe: «Darauf waren wir nicht eingestellt, wir hatten bereits am zweiten Messetag so viele Anfragen wie selten zuvor.» Diese positive Stimmung bestätigt auch Raymond Weil persönlich, der in diesem Jahr mit dem Konzept, vor allem auf interne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu setzen, gut gefahren ist.
Auch Ronnie Bernheim, einer der beiden Inhaber der Zürcher Firma Mondaine Watch Ltd. sah die Befürchtungen, die er im Vorfeld der Baselworld hatte, nicht bestätigt. Er sagt: «Wir haben entgegen aller Unsicherheiten mindestens so gut verkauft wie im Jahr zuvor. Alle Kunden, die wir sehen wollten, sind gekommen und haben auch bestellt.» Die Firma Mondaine sei trotz der allgemein eher schwierigen Situation gut aufgestellt und habe die Messe positiv für sich nutzen können.
Spürbare Veränderung
An anderen Orten der Messe ist eine Veränderung zum Jahr 2008 allerdings bemerkbar: Eine Angestellte der Movado Group Inc., die sich prominent gleich zu Beginn der Halle 1 präsentiert, berichtet, der Rückgang an Interessenten sei spürbar. Die Kunden kämen zwar gezielt zum Stand, um die Produkte zu sehen und auch zu kaufen, aber der allgemeine Besucherstrom habe nachgelassen. Diese Tendenz ist auch in der Halle 2 zu spüren, in der man am zweiten Tag der Messe zu bestimmten Zeiten teilweise alleine an den jeweiligen Messeständen entlangschlendern und den Blick auf die neusten Kollektionen werfen konnte. Mehr Publikumsverkehr ist in der Halle 3, in der hauptsächlich Schmuck, Edelsteine und Diamanten präsentiert und verkauft werden. Empfangen werden die Besucher dort von dem prominent gelegenen Stand der New Yorker Firma William Goldberg. Eve Goldberg ist positiv eingestellt, sie sagt: «Business is business» und betont, dass weder die wirtschaftliche noch die politische Situation in Nahost irgendetwas an dieser «Weisheit» ändern könnten. Das Unternehmen präsentiere sich daher genauso wie im vergangenen Jahr und tue so, als habe sich nichts geändert, denn, «wenn wir uns optimistisch geben, dann spüren das auch unsere Kunden», so Goldberg. Patrick David von der David & Sohn AG aus Zürich hat in diesem Jahr ein klar erkennbares Interesse an Diamanten und Farbsteinen als Wertanlage gerade bei privaten Kunden gespürt. Ebenso bemerkt hat er allerdings auch eine besonders im Handel zurückhaltende Stimmung. «Viele Käufer gaben sich abwartender als in den Jahren zuvor», so David, dessen Firma nach eigenen Angaben auch einen geringeren Umsatz auf der Baselworld gemacht hat als noch 2008.
Aus Sorge vor Umsatzeinbussen haben einige wenige Unternehmen gänzlich auf den Auftritt an der Uhren- und Schmuckmesse verzichtet. Henry Wolf von der Leo Schachter Diamonds Ltd. aus Ramat Gan hat zudem beobachtet, dass Kollegen von ihm nur noch mit kleineren Ständen präsent sind – wenn überhaupt. Er aber sagt: «Wir sind in Basel dabei und machen das beste aus der Situation», eine Einstellung, mit der er in diesem Jahr nicht alleine dasteht.
Kosten sparen
So haben die meisten befragten Unternehmen in irgendeiner Weise versucht, an der Messe zu partizipieren, die eigenen Kosten aber so weit wie möglich gering zu halten. Diesen Eindruck bestätigt auch Albert Dreyfuss, Inhaber des Gemeinderestaurants Topas gegenüber tachles: «Unser Restaurant war sehr gut besucht, die Leute sind nach Basel gekommen», betont er. Er fügt aber hinzu, dass viele Kunden nicht mehr wie im Jahr zuvor andere Geschäftsleute zum Essen eingeladen hätten. Die Firmen hätten in diesem Jahr am Konsum gespart, indem sie meist nur für ihre eigenen Angestellten bezahlt hätten. Teilweise seien die Gäste auch nach wenigen Tagen wieder aus der Schweiz abgereist, um die Kosten einzugrenzen. Das Restaurant Topas und auch der Holbeinhof seien mit ihrem sich ergänzenden Angebot aber dennoch sehr gut besucht gewesen, so Dreyfuss: «Am Freitagabend hatten wir 185 Gäste, das sind nicht mal zehn Prozent weniger als im vergangenen Jahr. An allen anderen Tagen kamen immer etwa 70 Besucher, was der Zahl von 2008 entspricht.»
Baselworld hat gewonnen
Positiv gestimmt ist auch die Direktorin der Baselworld, Sylvie Ritter, die gegenüber tachles betont, dass aus ihrer Sicht die Aussteller aller Sektoren sehr zufrieden seien. Sicherlich wären nicht die gleichen Umsätze gemacht worden wie im Rekordjahr 2008, aber die erhofften Einkäufer seien trotz Krise nach Basel gekommen: «Viele Besucher konzentrieren sich nun aus wirtschaftlichen Gründen ausschliesslich auf die Baselworld, da ihre Bedürfnisse auf dieser Messe sehr gut abgedeckt werden. Sie gewinnt somit an Bedeutung und der Abstand zu anderen Messen der Branche wird grösser», so Ritter. Sie zeigt sich zudem sehr beeindruckt von der Branche, die sie als extrem flexibel bezeichnet. So hätten sich die einzelnen Unternehmen ex-trem schnell den neuen Marktgegebenheiten angepasst, umgedacht, neue Modelle in anderen Preissegmenten kreiert und sogar ihre Produktion umgestellt. Und das, obgleich die Weltwirtschaftskrise die Uhren- und Schmuckbranche nach einem Boom in den vergangenen Jahren in besonderer Weise trifft. So stiegen allein in der Schweiz die Exportwerte zwischen 2004 und 2008 von rund zehn Milliarden Franken auf einen Rekordwert von 17 Milliarden Franken an. Dieser Anstieg zog einen Kapazitätsausbau der Hersteller mit sich, was wiederum zu höheren Fixkosten in zahlreichen Unternehmen führte. Diese nun trotz sinkender Umsätze wieder zu senken, stellt für viele Unternehmen ein Problem dar, dem sie sich aber offenbar bislang mit Erfolg stellen.