Lockenkopf und grosse Nase

December 7, 2009
Mit dem Schriftsteller Harry Bech hat John Updike eine jüdische Figur geschaffen, die sich nur schwer aus den Niederungen gängiger Klischees lösen kann.
SCHRIFTSTELLER JOHN UPDIKE Kreierte eine originelle Figur, um seine jüdischen Kollegen herauszufordern

Von Monica Strauss

In den fünfziger und sechziger Jahren haben jüdische Autoren wie Norman Mailer, Bernard Malamud, Phillip Roth oder Saul Bellow die amerikanische Literatur so stark dominiert, dass sich der nicht jüdische Schriftsteller Edward Hoagland zu einer Stellungnahme veranlasst sah. Sein Essay «On Not Being a Jew» («Wie es sich als Nichtjude lebt») erschien 1968 in der renommierten jüdischen Literaturzeitschrift «Commentary». Zwei Jahre später liess sich John Updike etwas Originelleres einfallen, um seine jüdischen Kollegen herauszufordern. Der führende Chronist der gesellschaftlichen und spirituellen Krisen der weissen, protestantischen Mittelklasse Amerikas schuf mit der Figur des Henry Bech seinen eigenen jüdischen Schriftsteller und stellte ihn in den Mittelpunkt einer Sammlung von Kurzgeschichten. «Damit konnte ich Erfahrungen aufarbeiten, die nur ein Schriftsteller hat», so Updike: «Ein Alter Ego, das nicht ich selbst war.» Updike erschien die Figur eines «jüdischen Autors» fast so unvermeidlich wie ein italienischer Gangster.

Bech unterschied sich in mehrerer Hinsicht von seinem Schöpfer. Während Updike mit Frau und vier Kindern in einer Kleinstadt im Gliedstaat Massachusetts lebte, war seine Kreation Junggeselle und New Yorker aus Überzeugung. Gemeinsam war beiden jedoch Intelligenz. Dazu Updike: «Ich habe soviel über mittelmässige oder unterdurchschnittliche Leute produziert, dass es mir ein Vergnügen war, über jemanden zu schreiben, […] der mir eine rückhaltlose Äusserung erlaubt, ohne dass ich Rücksicht auf die geistige Kapazität des Charakters nehmen müsste.» So wurde Bech nicht nur zum Mittelpunkt dreier Bücher Updikes über ebenso viele Dekaden: «Bech: A Book» (1971), «Bech is Back» (1982) und «Bech at Bay» (1998). Der Autor publizierte davon unabhängig überdies etliche Interviews, in denen sich Henry Bech über seine literarische Ambitionen lustig macht.

Selbstverständlich haben Kritiker schon beim Erscheinen des ersten Bech-Buches die Chuzpe Updikes aufgespiesst, mit der er in fremdes Territorium eingebrochen war. Bei seiner Rezension in der «New York Times» sprach Christopher Lehmann-Haupt den Autor eingangs direkt an: «Sie, der Sie zu den Wenigen gehören, die ausserhalb der Renaissance der jüdischen Literatur stehen – Sie haben am allerwenigsten das Recht, sich in diese Entwicklung hineinzuschmeicheln und auf die Karawane aufzuspringen.» Doch dann gibt Lehmann-Haupt zu: «Bech ist ein Erfolg auf der ganzen Linie.» Ungleich weniger enthusiastisch gab sich Cynthia Ozick in einer ausführlichen Rezension für «Commentary». Sie nannte «Henry Bech einen Juden, der wie Shylock und Bloom aus einem christlichen Gehirn aufsteigt». Sie stiess sich nicht daran, dass Bech jüdisch war, sondern daran, dass Updike ihn nicht jüdisch genug gemacht hatte: «Ein Jude sein heisst mehr, als mit einer entfremdeten, marginalisierten Sensibilität und krausem Haar ausgestattet zu sein.»

Strategien, um sich abzusichern

Ozick lag durchaus richtig. Neben den Locken hatte Bech natürlich eine grosse Nase. Aber Updike wusste sehr wohl, dass er sich auf fremdem Gelände befand und sich deshalb vorsichtig bewegen musste. Er benutzte daher eine Reihe von Strategien, um sich abzusichern. Er machte Bech zu einem säkularisierten Juden, der bei etlichen Gelegenheiten erklärt, er habe das Ghetto ganz bewusst verlassen, um «grosszügiger denken» zu können. Bech weigert sich sogar, über Juden zu schreiben, weil er «nicht das tun will, was all die anderen schon machen und was Singer auf Jiddisch vorexerziert hat». Bech ist eine Figur, die den jüdischen Glauben weniger verkörpert, sondern eher gedanklich reflektiert. Das Immigranten-Dasein seiner Vorfahren in New York erscheint ihm als «überheiztes Hinterzimmer», dem Zugang zu den grenzenlosen Weiten und der Natur ihrer neuen Heimat fehlt. Wenn er die amerikanisch-jüdische Kultur betrachtet, hebt er als deren grösste Errungenschaft nicht die Werke der Nachkriegsliteraten hervor, sondern die Filme der dreissiger Jahre: «Darin haben jüdische Hirne nicht jüdische Stars auf eine nicht jüdische Nation projiziert.» Wenn sich Bech in den ersten Kurzgeschichten überhaupt als jüdisch auszeichnet, dann durch seinen Geist. Diese Erzählungen führen ihn als Kulturbotschafter nach Russland, Rumänien und Bulgarien, er darf aber auch eine erregende Woche in «Swinging London» verbringen. Indem er Bech einen trockenen, unsentimentalen Humor verleiht, der sich immer wieder gegen seine eigene Person richtet, nähert sich Updike Woody Allen an. Bech mag unter existentiellen Krisen leiden, aber in seiner grössten Not ist er nie um eine clevere Pointe verlegen. In seiner zweiten Sammlung von Bech-Geschichten zehn Jahre später wartet Updike mit einer anderen Perspektive auf die jüdische Psyche seines Protagonisten auf. In «Bech is Back» hat er den Autor mit einer nicht jüdischen Gattin ausgestattet. Dies erlaubt Updike einen jüdischen Blick auf die christliche Lebenshaltung. Doch Updike hält sich erneut ganz bewusst fern von jeder unverdienten «Jiddischkeit», indem er die säkulare Geisteswelt Bechs mit weiteren Details ausstattet. So gibt er ihm einen niederländischen Spinoza-Fan zum Grossvater und einen sozialistischen Atheisten zum Vater, der sich keinen Deut für Israel interessiert. Daher ist Bech in der Geschichte, welche christlich-jüdische Gegensätze in den radikalsten Kontrast stellt – und noch dazu im Heiligen Land spielt – mit allen Qualifikationen eines reuelosen Anti-Zionisten ausgestattet. Bech ist hier ein Jude, der jeden Versuch zurückweist, ihn mit dem jüdischen Staat zu identifizieren. Mit ihrer Härte und ihrem Anspruchsdenken gehen ihm die Israeli gegen den Strich. Ganz anders die Figur des kosmopolitischen, «wandernden Juden», als den er sich selbst betrachtet. Obwohl er so weit geht, Israel als «Ghetto mit Bauernhöfen» zu bezeichnen, stellt Updike doch sicher, dass er die Existenzberechtigung des Landes nicht anzweifelt. Gegen den Widerspruch seiner Frau besteht Bech darauf, kein Christ könne verstehen, was das Land für Juden bedeutet, die «neunzehnhundert Jahre lang» in der Welt herumgestossen worden seien.

Zwischen Juden- und Christentum

Es macht ihn auch nicht glücklicher, seine Frau zu christlichen Stätten zu begleiten. Wie von Überwältigung gelähmt, steht sie in der Jerusalemer Grabeskirche, aber Bech sieht nur Kommerzialisierung und eine entfesselten Tourismus. Zwischen dem Qualm von Kerzen und Weihrauch befällt ihn die Furcht, seine Gedanken wandern zu «Pogromen und Autoda-fés, die seiner Rasse von diesen Händen zugefügt worden sind».

Ebenso unwohl fühlt sich Bech auf dem Terrain seiner Frau zwischen den New Yorker Vorstadtbürgern, die am Sonntag in die Kirche streben. Die Nachbarn erscheinen ihm «spröde, blass und zufrieden situiert» und lassen ihn sich selbst als «vulgär und muskulös» wahrnehmen, als Clown. Er kann nicht verstehen, wie sie einen Gott so weihevoll verehren können, der ihm, verglichen mit seinem eigenen, viel zu diskret und distanziert erscheint. In seiner Welt ist Gott über die Jahrhunderte stets als Gegenstand endloser Diskussionen und Auseinandersetzungen der Gläubigen präsent gewesen. Auch der Umgang seiner wohlhabenden Nachbarn mit Geld erscheint Bech viel zu zurückhaltend – unter Juden «wächst und streckt und tummelt es sich auf dem Zähltisch». In seiner letzten Sammlung von Bech-Geschichten konzentriert sich Updike fast ausschliesslich auf die Abenteuer seines längst geschiedenen Protagonisten, der nun ein berühmter, älterer Literat geworden ist. Die jüdische Seite von Bechs Person spielt in «Bech at Bay» kaum noch eine Rolle. Doch mitunter sinniert er über die tragische Geschichte der Juden. Anlässlich einer Kulturmission nach Prag in den achtziger Jahren bricht in ihm – angestossen durch zwei antisemitische Vorfälle – «Angst vor Europa» auf. Trost kann er nur aus dem Gedanken ziehen, dass es in den USA trotz zeitweiliger Probleme nie ein Pogrom gegeben hat. In seinem Schlusskapitel zeichnet Updike seinen Bech mit dem Nobelpreis aus und lässt damit den höchsten Traum jeden Schriftstellers für ihn in Erfüllung gehen. In einer letzten Referenz für das Herkommen seiner Figur lässt er Bech eine Ablehnungsrede fantasieren, in der er Europa die lange Geschichte der Judenverfolgung vom Mittelalter bis zum Holocaust vorhält.

Hat Updike mit Bech eine überzeugende jüdische Figur geschaffen? Der Stamm kennt säkulare Anti-Zionisten, die der erstickenden Enge ethnischer Bindungen entfliehen wollen, gut genug. Neben den Locken, der prominenten Nase und den Überlegungen zur jüdischen Geschichte unternimmt Updike auch einen Versuch, sinnliche Reaktionen darzustellen, die er für spezifisch jüdisch hält. Der Geruch überhitzter Räume soll jüdische Intimität reflektieren. Geld in jüdischen Händen beschreibt er als «hefig». Und in einem wirklichen komischen Anflug von Fantasie lässt er Bech die Beschreibung «nasen-haarig» benutzen, um seinen Gott von dem der Nichtjuden zu unterscheiden. Aber Motor der Bech-Geschichten ist doch dessen Existenz als Schriftsteller und weniger sein Leben als Jude. Die jüdischen Gedanken und Ängste Bechs bleiben Oberflächen-Erscheinungen. Und vielleicht hat John Up-
dike als nicht jüdischer Aussenseiter darin Recht getan.         ●

Monica Strauss, langjährige aufbau-Autorin, lebt und arbeitet in Manhattan.