Lifestyle zu günstigen Preisen
Es passiert nicht oft, dass Ingvar Kamprad weint. Der 82-jährige Ikea-Gründer, mit einem Vermögen von rund 36 Milliarden Franken derzeit der reichste Mann Europas, gilt als medienscheu und verschlossen. Ende Oktober jedoch zeigte sich der schwedische Unternehmer mit Schweizer Wohnsitz in einem Exklusivinterview mit dem Schwedischen Fernsehen SVT erstmals ungewohnt offen und gefühlsbetont. Am Morgen noch hatte Kamprad im mittelschwedischen Älmhult das 50. Jubiläum des ersten Ikea-Möbelhauses mitgefeiert. Am Abend dann stand er KG Bergström, dem bekannten schwedischen Talkmaster, eine halbe Stunde lang Rede und Antwort. Er sprach über Schwedens Exportmarke Nr. 1, Zwölf-Stunden-Arbeitstage und auch über seine «braune» Vergangenheit. Die überschattet seit zehn Jahren immer wieder die Erfolgsgeschichte des skandinavischen Möbelhauses, das mit einem Umsatz von jährlich zehn Milliarden Euro schwedisches Wohngefühl in 33 Länder weltweit exportiert. Als Mitte der neunziger Jahre Kamprads Nähe zur Naziorganisation Nysvenska Rörelsen bekannt wurde, die er bis 1945 auch finanziell unterstützt hatte, blieb Ikea kurzzeitig auf Billy-Bücherregalen, Ekerö-Schlafsofas und Husvik-Lampen sitzen. Doch die Krise dauerte nicht lange an. Ikeas traumhafte Verkaufszahlen liessen den Skandal damals schnell verblassen.
Auf seine «Jugendsünden» angesprochen, wirkt Kamprad unangenehm berührt. Noch heute fällt es ihm schwer, darüber zu sprechen. «Ich habe mich wieder und wieder dafür entschuldigt. Es war wirklich die grösste Dummheit meines Lebens», beteuerte der Unternehmer im TV-Gespräch mit KG Bergström. Er habe damals einen offenen Brief an seine etwa 25 000 Angestellten weltweit geschrieben, in dem er seinen «Fehler bitter bereute». Die Wirkung blieb nicht aus – schon wenige Tage später hätten sich seine schwedischen Ikea-Mitarbeiter nahezu geschlossen hinter ihn gestellt. «Wir stehen zu dir, Ingvar», zitierte Kamprad deren Antwortschreiben. Was den Ikea-Boss schliesslich vor laufenden TV-Kameras zu Tränen rührte.
Die meisten Schweden hatten ihm ohnehin schon längst vergeben, denn seine braune Vergangenheit hinderte sie nicht daran, ihn Jahr für Jahr zu «Schwedens beliebtestem Unternehmer» zu küren. Prompt meldete sich wenige Tage nach dem TV-Interview auch Krimiautorin Liza Marklund, ähnlich wie Ikea ein schwedischer Exportschlager, in der schwedischen Tageszeitung «Expressen» zu Wort, jener Zeitung, die 1994 Kamprads Nazi-vergangenheit enthüllt hatte. «Ich finde das sehr stark von Ingvar, dass er bei KG Bergström darüber gesprochen hat. Hut ab, Ingvar!»
«Schön und gut», wehrte Abraham Cooper vom Simon Wiesenthal Center in New York 2001 ab, «er hat sich öffentlich entschuldigt. Aber warum hat es so lange gedauert, bis er eine Ikea-Filiale in Israel eröffnet hat?» Eine Frage, die sich heute viele Juden in Schweden stellen. Auch Amitai Tov. Der israelische Grafiker lebt seit acht Jahren in Schweden, zusammen mit seiner schwedischen Frau und den gemeinsamen Kindern. Ihr Miniappartement in der Stockholmer Innenstadt vermittelt neben israelischem auch schwedisches Wohngefühl - neben Tovs selbst entworfenen Möbelstücken steht der Ikea-Dreisitzer Tomelilla, neben Ikea-Spaghetti-Gläsern sorgen zwei riesige rote Elite-Kaffeedosen für einen Hauch israelisches «Zuhause». «Ikea hat uns lange ignoriert», meint Amitai Tov. «Sie hätten einfach viel früher ein Zeichen setzen sollen, indem sie in Israel investieren.»
2001 war es dann doch endlich so weit. Ikea eröffnete die erste Filiale in Netanya, auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Haifa. Ein zweites Möbelhaus ist seit Langem geplant. Denn das Ikea-Erfolgskonzept geht in Israel voll auf – Möbel zum Selberbauen, und das zu einem angemessenen Preis, sind der Hit bei vielen Israeli. Besonders gut sollen Küchen verkauft werden, erzählt Amitai Tov, der während des Sommerurlaubs mit seiner Familie einen Zwischenstopp in Israels erstem Ikea-Geschäft eingelegt hat. «Nach zwei Wochen Schwarma und Schnitzel kriegten die Mädchen plötzlich Lust auf Fleischbällchen mit Lingon, den schwedischen Preiselbeeren», lächelt er. «Und die waren bei Ikea in Israel sogar koscher.»
Neben der grossen Auswahl unterschiedlichen Stilrichtungen – von modern über multifunktional bis traditionell – ist es vor allem der Service, der Ikea in Israel hohe Verkaufszahlen beschert. Kinderaktivitäten, Kaffee nonstop und eine zweimonatige Rückgabegarantie begeistern die Israeli ebenso wie die Schweden und andere Ikea-Kunden weltweit. Ingvar Kamprads frühere Verstrickung in eine nazistische Organisation ist da längst kein Thema mehr.