Liebesgrüsse vom Hudson

March 18, 2010
Mit «Russia!» hat die «Beet Generation» junger russisch-amerikanischer Intellektueller eine überzeugende publizistische Plattform geschaffen. Doch die Finanzkrise macht auch der ambitionierten New Yorker Zeitschrift arg zu schaffen.
EIN THEMA IM «RUSSIA!» Die in Moskau aus dem Boden schiessenden monströsen Bauten

Von Monica Strauss

Die Idee war überzeugend: Ein englischsprachiges Hochglanzmagazin über das moderne Leben in Russland – aber für Leser im Westen. Allein in New York leben etwa eine halbe Million russischer Einwanderer. Und so konnte Ilya Merenzon in den sorglosen Tagen vor der Finanzkrise den in Moskau lebenden Investor Andrew Paulson als Sponsor seiner Zeitschrift «Russia!» gewinnen. Damals, im Jahr 2007, hatte sich Merenzon als Gründer einer auf den russischen Markt spezialisierten Beratungsfirma etabliert. Die Zeitschrift hatte einen glänzenden Start: Gestaltet von dem renommierten russischen Designer Artemy Lebedev, bot «Russia!» jungen russisch-amerikanischen Autoren eine Plattform für hippe, clevere und aufschlussreiche Texte über zeitgenössische Themen. Viele der Schreiber verstanden sich als Angehörige der «Beet Generation» – ein Schlagwort, das den für die russische Küche unverzichtbaren Rüben (englisch: beet) ebenso Respekt zollt wie den amerikanischen Dichtern der «Beat» -Ära um 1950. Etliche dieser Autoren hatten zumindest einen Teil ihrer Kindheit in der Sowjetunion verbracht, ehe sie ihre Ausbildung in den USA abschlossen. So konnten sie die radikalen Veränderungen ihrer alten Heimat in der Sprache eines frischen, amerikanischen Journalismus vermitteln.

Obwohl «Russia!» thematisch nach landläufigen Rubriken wie Reise, Bücher, Mode oder Musik gegliedert ist, spricht aus den Texten eine spezifisch russische Perspektive. So erzählte Olga Sergienko in der ersten Ausgabe von einem Abend, den sie in einem eleganten Moskauer Restaurant mit einem reichen Briten verbracht hatte. Aber es ging ihr weniger um die noble Umgebung als um die respektlose Behandlung, die Russinnen seit dem Ende der Sowjetära infolge der boomenden Sex-Industrie erfahren. Auch Reisegeschichten fallen aus dem gängigen Muster. Wenn Merenzon von einer Bahnfahrt in seine Heimatstadt Chelyabinsk im Ural erzählt, feiert er nicht die Landschaft, sondern gibt dem Leser Ratschläge über das korrekte Verhalten in russischen Zügen und erklärt, warum die luxuriösen Schlafwagenabteile möglichst weit entfernt von den türlosen, Sechs-Personen-Abteilen der dritten Klasse liegen: Dort sind Reisende anzutreffen, die sich gerne «ernsthaft billigem Alkohol hingeben» und nach langen Tagen ohne Wäsche gerne die Schuhe ausziehen. Das «Allerheiligste» in einem Zug sei jedoch der Speisewagen. In der Sowjetära Oasen einer exzellenten Küche, findet Merenzon hier weiterhin etwa die traditionelle Rassolnik-Suppe mit Fleisch und sauren Gurken.

Das Magazin «Russia!» versteht sich zwar nicht in erster Linie als politisch, aber der Kolumnist Michael Idov nimmt keine Rücksicht, wenn er über die russische Neigung zu Korruption oder Verschwörungstheorien schreibt und die Mentalität analysiert, welche die allmähliche Rückkehr einer autoritären Ordnung ermöglicht.

Moskau und Architektur

«Russia!» lässt auch die eilig errichtete, moderne Architektur in Moskau nicht ungeschoren, die dem Rest der Welt den neuen, von Öl- und Rohstoffexporten geschaffenen Reichtum der Stadt demonstrieren soll. So liess die Zeitschrift zwei Kolumnisten des amerikanischen Architektur-Blogs «Curbed» die in Moskau aus dem Boden schiessenden monströsen Bauten kommentieren. Ihre Bemerkungen sind alles andere als druckreif. Ein zweiter Text setzt sich mit den Plänen für das «grösste Gebäude der Welt» im Zentrum der Metropole auseinander. Entworfen von Norman Foster und vom Volksmund bereits wegen seiner Verglasung «Kristall-Insel» getauft, vergleicht es der Autor Andrew Biliter mit dem von Stalin ausgebrüteten Plan für einen «Palast der Sowjets». Der Diktator hatte dazu etliche Wettbewerbe ausgeschrieben, ohne deren Ergebnisse in irgendeiner Weise ernst zu nehmen. Das Vorhaben wurde endgültig zur Farce, als sich der Standort am Wolga-Ufer als zu sumpfig für einen Bau mit gigantischen Dimensionen erwies. Dennoch liess Stalin ein Fundament ausheben und mit Beton ausgiessen, ehe der Beginn des Zweiten Weltkrieges das Projekt beendete. Die gewaltige Grube wurde später in ein Schwimmbad verwandelt, das dann als weltgrösstes gepriesen wurde.

Fosters Projekt sieht 900 Wohnungen, 3000 Hotelzimmer, Einkaufspassagen, eine internationale Schule sowie Parkplätze für 16 500 Autos vor. Aber die Moskauer Lebenswirklichkeit wird im letzten Satz des Artikels greifbar: «Der Kristall-Palast erscheint doch nur als ein weiterer Altar des Geldes, eine Zuflucht für Geschäftsleute und reiche Moskowiter in einer Stadt, die jede ihrer Launen zu befriedigen sucht. Wir Übrigen können sie dann durch das Glas bewundern.» Die ironische Tatsache, dass der reiche Kapitalist einst als Todfeind des Sowjetstaates dargestellt wurde, wird dem Leser nicht vorenthalten: «Russia!» hat auch über die Wiederentdeckung bolschewistischer Propaganda-Cartoons vom Jahr 1924 bis zur Perestroika berichtet, die das damalige Feindbild wieder und wieder komplett mit Zylinder und dicker Zigarre zeigen.

Neues Format im Gespräch

Obwohl «Russia!» selten hinter die Sowjetära zurückgeht, bot eine Ausgabe ein wahres Geschenk für russophile Westler und unternahm einen umfassenden Qualitätsvergleich der englischen Übersetzungen der russischen Klassiker von Bulgakov über Tschechow, Gogol, Pushkin und Dostojewski bis zu Tolstoi vor. So zeigt die Zeitschrift, dass auch eine junge, abgebrühte Generation die russische Liebe zur Literatur nicht verloren hat.

Doch wie Moskau selbst hat auch «Russia!» die Finanzkrise nicht unbeschadet überstanden. Derzeit ist das Blatt nicht im New Yorker Zeitschriftenhandel zu finden. Merenzon spricht von einer unsicheren Zukunft seiner Hochglanzpublikation: «Das auf Werbeeinnahmen basierende Modell ist nicht für das heutige wirtschaftliche Klima geeignet. Wir denken daher über ein neuartiges Printprodukt nach, das nicht mehr über Anzeigen, sondern über den Verkauf und eigene Projekte finanziert wird. Als Format schwebt uns ein ‹Mook› vor – eine Mischung aus Magazin und Buch. Das Ganze soll von einer wirklich guten Website flankiert werden.» Mit den Printinhalten und anregenden Blogs der Mitarbeiter bietet die Website des Magazins www.readrussia.com bereits heute ein üppiges Angebot. ●


Monica Strauss ist Kunsthistorikerin und Autorin in New York.