Liebe in den Zeiten des Nahost-Konflikts
Für die Gruppe Actus Tragicus war es eine Form der Heimkehr, die sie mit ihrem Besuch am diesjährigen Kulturfestival Culturescapes vollzogen hat. Vor 1998 trat das Tel Aviver Künstlerkollektiv erstmals ausserhalb Israels am Luzerner Comicfestival Fumetto in Erscheinung, rief ein bemerkenswertes
Echo hervor und rückte damit Israel auf die Landkarte der alternativen Szene der Comiczeichner, Cartoonisten und Graphic Novelists.
13 Jahre später kehrt das Kollektiv in die Schweiz zurück, manche Dinge haben sich geändert – doch manche nicht. «How to Love» heisst die Ausstellung, die im Cartoonmuseum Basel gezeigt wird, und der ungeschriebene Untertitel heisst hier, frei nach Gabriel García Márquez: Liebe in den Zeiten des Nahost-Konflikts. Die Ausstellung ist, in breiterer Form, bereits zwei Jahre alt, 2009 wurde sie im israelischen Comic- und Cartoonmuseum in Holon gezeigt. Die Kuratorin Maya Dvash deutete in ihrer Eröffnungsrede in Basel darauf hin, welchen Aufklärungswert die an sich kaum politische Ausstellung entwickelt: Israel habe mehr zu bieten als Kriege und Grenzstreitigkeiten: «Es gibt noch die Liebe.»
Eifersüchtige Teenager
Und die gibt es in mehreren Facetten. «How to Love» bricht Liebe in verschiedene Bereiche auf, in die Antagonismen von zartem Glück und beissendem Hass, in Akte der Berührung und des Kusses, in Eifersucht und Enttäuschung. Die Liebe, die die Künstler der Actus-Tragicus-Gruppe meinen, zerfällt ins Episodale. Denn «How to Love» ist nicht nur eine Ausstellung, das Thema wurde auch als Buch publiziert: Erstmals veröffentlicht 2008 und nun im Rahmen von Culturescapes vom Basler Christoph-Merian-Verlag neu aufgelegt, versammelt der Band als Anthologie sechs Kurzgeschichten von verschiedenen Actus-Tragicus-Zeichnerinnen und -Zeichnern zum Thema Liebe. Als solche sind sie gedacht, und als solche lassen sie sich nachlesen – die Geschichten vom Schulmädchen, das die erste Eifersucht erlebt; vom Musiker, dessen Lebensenttäuschungen sich in aggressivem Frust Luft machen; von zwei Teenagern am Strand, die sich trotz Liebschaften an anderen Jungs sattsehen; und von einer Mutter, deren Liebe zu ihrem Kind in Verlustangst umschlägt. Kleine Episoden aus einem kleinen Land, das sich in der Weltwahrnehmung nur mit der eigenen Geschichte herumschlägt – so lassen sich die zeichnerisch ausdrucksstarken Arbeiten lesen: Man muss Liebe nacherzählen, anstatt sie lediglich in Begriffe zu fassen.
Als museale Installation taugen die einzelnen Kapitel ohne narrativen Fortgang daher nur bedingt, so dass neue Kontexte erschlossen werden müssen. Das Cartoonmuseum Basel versucht dies mit Brücken in die Antike, indem den Bildern mythische Entsprechungen als Begleittexte beigestellt werden. Zum Hass gehört die Konkurrenz zwischen Io und Hera um die Gunst des griechischen Göttervaters Zeus, aus demselben Fundus kommt die brennende Eifersucht von Pan auf die Nymphe Echo. Und wo die Antike nichts herzugeben scheint, genügt zur Erläuterung auch mal ein Auszug aus dem Psychologielexikon.
Ausgehtipps aus Tel Aviv
Somit verfehlt die Ausstellung eine klare Linie: Um Israel und um den Nahost-Konflikt geht es in «How to Love» nicht einmal am Rande, um Liebe nur da, wo die Begleittexte genügend erhellenden Erklärungsstoff bieten. «How to Love» und der ausgezeichnete Anthologieband dienen vielmehr als Schaufenster der Cartoonszene Israels. Davon zeugen auch die Interviews mit den Mitgliedern der Actus-Tragicus-Gruppe, die im ersten Stock auf Fernsehmonitoren zu verfolgen sind. Mira Friedmann, Batia Kolton, Yirmi Pinkus, Itzik Rennert, Rutu Modan und das Teilzeitmitglied David Polonsky erzählen von ihren Erfahrungen von Liebe, vom Zeichnen in Israel, und en passant erfahren die Besucher auch noch die bevorzugten Ausgehtipps in Tel Aviv. Der Eindruck, dass es sich hier mehr um Köpfe denn um eine Szene handelt, verstärkt sich mit dem zweiten Teil der Ausstellung, die «How to Love» verlässt und drei Mitglieder des Kollektivs, Modan, Pinkus und Polonsky, stärker ins Zentrum rückt. Alle drei haben ausserhalb auch unabhängig von Actus Tragicus ihre Spuren hinterlassen.
Modan mit «Blutspuren», einem beklemmenden, von der klaren Linie und Kolorierung der belgischen Schule beeinflussten Bildroman über Bedrohung und Paranoia im israelischen Alltag, Pinkus mit liebevoll-sarkastischen Strips über alte Damen, die auch schon in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zu lesen waren; und Polonsky ist der Zeichner hinter dem preisgekrönten Animationsfilm «Waltz with Bashir», einer Seelenschau eines israelischen Soldaten aus dem ersten Libanon-Krieg. Da ist er wieder, der grosse Konflikt als Leitthema, und bezeichnenderweise ist es dieser Film, der wie kein anderes Werk Israels Graphic Art in die Welt hinausgetragen hat. «Zur Liebe ist ja eigentlich schon so vieles gesagt worden», da hatte Kuratorin Dvash in ihrer Ansprache ganz recht.
Bis 26. Februar 2012. Cartoonmuseum, St.-Alban-Vorstadt 28, Basel.
www.cartoonmuseum.ch