Levi Strauss, die Jeans und der American Dream

Von Katja Behling, March 7, 2011
Die Jeans, 1873 als grobe Arbeitshose patentiert, brachte ihrem Erfinder Levi Strauss das grosse Glück und Reichtum. Das Beinkleid aus blaugefärbter Baumwolle, das ursprünglich für die Goldgräber in Kalifornien erfunden wurde, ist heute weltweit die Alltagskleidung von Millionen von Menschen.
DIE BLUEJEANS Blaues Beinkleid, mit Nieten verstärkt

Den Ritterschlag erhielt das blaue Beinkleid Ende Januar an der Pariser Modewoche, als Chanel-Modedesigner Karl Lagerfeld die Models in Jeans über den Laufsteg schickte: Jeans – gleichberechtigt neben handbestickten Jacken der Spitzenklasse und perlenbesetzten Kleidern. Blue Denim gehört somit endgültig zur Haute Couture, der hohen Schneiderkunst für eine betuchte Klientel, so das Signal. Auch andere stilbildende Labels der internationalen Fashion-Szene setzen in den Kollektionen für 2011 noch mehr als je zuvor auf Jeans in allen Variationen. Der Weg der blauen Hosen nach Paris, ins Mekka der Mode und des guten Geschmacks, dauerte allerdings rund 150 Jahre. Er führte über San Francisco und die Strassen der Welt. Begonnen aber hat die Erfolgsstory im süddeutschen Ort Buttenheim.
Ein Brief aus Amerika an den Bürgermeister von Buttenheim in Bayern brachte im Jahr 1983 Gewissheit. Gefragt nach den Wurzeln des in die USA eingewanderten Levi Strauss, begab man sich dort auf Spurensuche in den Archiven: Tatsächlich hatte der am 26. Februar 1829 geborene Strauss die ersten 18 Jahre seines Lebens im oberfränkischen Buttenberg zwischen Bamberg und Nürnberg verbracht. Vor rund zehn Jahren wurde das Geburtshaus von Levi Strauss in ein kleines Museum verwandelt, das sich der Geschichte der Jeans und ihres deutschen Erfinders widmet. Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte – für den jüdischen Auswanderer Levi Strauss ging der amerikanische Traum in Erfüllung.
Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte der Hausierer Hirsch Strauss die Nachbarstochter Rebekka Haas geheiratet, und es wurde ihr gemeinsamer Sohn Löb (Levi) geboren, der noch sechs ältere Halbgeschwister, drei Brüder und drei Schwestern aus Hirschs erster Ehe, hatte. Levis Schwester Fanny war das einzige weitere Kind seiner Mutter Rebekka. Levi Strauss verbrachte seine Kindheit und Jugend in Buttenheim. Im Jahre 1845 fiel sein Vater der Tuberkulose zum Opfer. Zwei Jahre später wanderte Hirschs Witwe Rebekka mit ihren Kindern Levi und Fanny sowie Maila, der nächstälteren Schwester der beiden, nach New York aus. Dort trafen sie Jonas und Louis wieder, zwei Halbbrüder von Levi. Die beiden Brüder hatten bereits geraume Zeit vorher die Schiffsreise über den grossen Teich gewagt und ein Geschäft gegründet: J. Strauss Brother & Co. Löb lernte bei seinen Brüdern das Business. Offiziellen Unterlagen (Zensus) zufolge führte der junge Deutsche spätestens ab 1850 Kunden gegenüber, aber auch in der Familie, seinen amerikanisierten Vornamen Levi. Im Januar 1853 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft, schreibt die Strauss-Biografin und Historikerin Lynn Downey. Und vier Wochen später nahm sein Leben die entscheidende Wendung.

Hosen mit Nieten

Als immer mehr spektakuläre Nachrichten über den kalifornischen Goldrausch an die Ostküste drangen, brach Levi Anfang 1853 auf und ging über Panama nach San Francisco, um dort sein Glück zu finden – wenn auch nicht mit der Suche nach den Nuggets. Er gründete in der Goldgräberstadt San Francisco ein Handelshaus für Stoffe und Kurzwaren. Die Firma in der Sacramento Street trug seinen Namen, diente aber auch als West-Filiale des Stammhauses am Hudson River. Strauss importierte Wäsche, Regenschirme, Taschentücher und dergleichen, alles per Direktlieferung von Bruder Jonas aus New York geschickt. Levi verkaufte die Güter an die Besitzer der kleinen Läden, die überall wie Pilze aus dem Boden schossen. Deren Kunden waren die vielen Arbeiter auf Goldsuche sowie die Familien, die sich nach und nach im noch wilden Westen ansiedelten. Damals zog der Traum vom schnellen Dollarreichtum ganze Trecks von Glückssuchern nach Kalifornien. Goldgräberlager und neue Orte schossen gleichsam über Nacht aus dem Boden, wenngleich diese Orte zunächst kaum mehr waren als eine notdürftige Strasse mit Bretterbuden in der Einöde. Die wenigsten fanden, was sie sich erhofften, die meisten schufteten hart, ohne viel zu gewinnen. Es entstanden Spielhallen und Saloons, in denen die Goldgräber ihre freie Zeit verbrachten – und ihr Gold und Geld oft gleich wieder verspielten. So gehörten Saloon-Besitzer und Hasardeure zu den Profiteuren des Goldbooms. Und auch die Händler, die die Goldgräber mit Lebensmitteln und Ausrüstungsgegenständen zu oft überteuerten Preisen belieferten, verdienten sich eine goldene Nase. Einer dieser erfolgreichen Versorger war Levi Strauss. Er bot den Goldgräbern das, was sie brauchten: strapazierfähige Hosen, die den Anforderungen der aufreibenden Goldgewinnung gewachsen waren. Das Unternehmen expandierte. Als später David Stern, der Mann von Levis Schwester Fanny, miteinstieg, hiess die Firma fortan Levi Strauss & Co. Als Mittdreissiger war Levi Strauss ein gemachter Mann, erfolgreich, wohlhabend und im Kulturleben von San Francisco engagiert. Im Laufe seiner langen Karriere übernahm er zusätzlich Aufgaben für die Handelskammer, die Nevada-Bank und eine Versicherung. Er investierte in neue Eisenbahnlinien, spendete für die Universität und setzte sich für die jüdische Gemeinde in San Francisco ein, indem er etwa den Bau der Synagoge Emanu-El, der ersten Synagoge der Stadt, sowie das jüdische Waisenhaus unterstützte.   
Möglich gemacht hatte all dies nicht zuletzt ein Brief. Im Jahre 1872 bekam Levi Strauss ein Schreiben von Jacob Davis. Davis war ein Schneider aus Reno, Nevada, der regelmässig Stoffe bei Strauss einkaufte und weiterverarbeitete. In seinem Brief beschrieb der Schneider, mit welchem Erfolgsrezept es ihm gelinge, besonders haltbare Arbeitskleidung herzustellen: «Das Gehaimnis von den Hosen sint die Niten, wo ich in die Taschen mache», heisst es in dem Buch «Bluejeans» von Katja Doubek. Trotz der radebrechenden Formulierung erkannte Levi Strauss sofort, wie genial des Schneiders Einfall war: Nieten gegen eingerissene Nähte! Ermutigt durch seinen bisherigen Erfolg mit der robusten Kluft, plante der Schneider, solche Beinkleider serienmässig anzufertigen – und suchte dafür mangels eigener Möglichkeit einen starken Partner mit Expertise. Eben Levi Strauss. Der, bereits ein arrivierter und bekannter Geschäftsmann, schlug ein. Im Mai 1873 wurde das Patent für vernietete Arbeitshosen auf die Namen der beiden angemeldet. In San Francisco begann Strauss mit der Produktion. Der indigoblau gefärbte Stoff kam aus der französischen Stadt Nîmes, de Nîmes, was auf Englisch bald zu Denim verballhornt wurde. So lautet die populärste, Lynn Downey zufolge jedoch beileibe nicht einzige, Theorie über die Entstehung des Namens. Die Denim-Jeans jedenfalls war erfunden – und der Erfolg der strapazierfähigen Nietenhose wurde ein noch grösserer, als sich ihr Erfinder das in seinen kühnsten Träumen wohl hatte vorstellen können. Der Rest ist Geschichte. Um 1900 hatte Levi Strauss das Tagesgeschäft bereits an seine Neffen Stern übergeben, als sich seine Gesundheit verschlechterte. Im September 1902 starb der Erfinder der Jeans im Alter von 73 Jahren. Sein Name wurde durch sein Produkt unsterblich. Dass der Hauptsitz der Firma 1906 zwar dem grossen Erdbeben standgehalten hatte, dann aber dem drei Tage lang wütenden Feuer nach dem Beben zum Opfer fiel, hat Levi Strauss nicht mehr erlebt.

Uniform der Welt

Levi´s steht heute, mehr als 100 Jahre nach dem Tod von Levi Strauss, für die Jeans schlechthin. Und die Jeansproduktion gilt als die umsatzstärkste Branche der Textilwirtschaft. Lange Zeit ihrer Robustheit wegen als Arbeitskleidung geschätzt, erlebte die «Nietenhose» gleichsam eine zweite Geburtsstunde nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie vom derben Beinkleid der Working Class zum kultigen Merkmal einer rebellischen Jugend avancierte. Die Traumfabrik Hollywood, wie die Jeans ein Kind der kalifornischen Westküste, leistete dieser Entwicklung mit Kinohelden wie James Dean und Marlon Brando enormen Vorschub. Dann kam die Hippie-Bewegung mit den befreiten Blumenkindern und Streben nach Individualität und Selbstverwirklichung – auch dafür standen die Jeans. «Easy Rider»-Star Peter Fonda verkörperte mit seinem Motorrad auf der Leinwand die Ungebundenheit, die sich mancher wünschte. Die fast unverwüstlichen Hosen aus Baumwolle, die durch Gebrauchsspuren und kleine Risse nur noch begehrenswerter wurden, standen somit in vielerlei Weise für erfolgreiche Kämpfe und überwundene Zwänge. Diesen Code machten sich auch die Frauen zunutze. Die Emanzipationswelle ging mit einer Jeanswelle einher. Die Frauen nahmen sich die physische und soziale Freiheit, die die grobe Männerhose symbolisierte: Marilyn Monroe präsentierte ihre Kurven in Blue Denim, Magermodel Twiggy betonte in den sechziger Jahren darin ihre Androgynität.    
Heute ist die Jeans das wohl meistverbreitete Kleidungsstück der Welt und nahezu universell. Fast überall auf dem Globus gilt das blaue Beinkleid als mehr oder minder gesellschaftsfähig, sind Jeans das vielleicht einzige Kleidungsstück, das von jedem zu fast jeder Gelegenheit getragen werden kann. Auf ihrem Karriereweg von der kalifornischen Goldküste zum Pariser Laufsteg, von den Cowboys zum Catwalk, hat die einstige Arbeiterkluft ihren rebellischen Charakter weitgehend eingebüsst: Wenn jeder eine Jeans besitzt, ist es kein primär demonstrativer Akt mehr, eine anzuziehen. Doch lange Zeit wurde eine Vorliebe für Jeans auch mit einem politischen Statement gleichgesetzt. Hinter dem Eisernen Vorhang galten die blauen Hosen aus dem Westen als subversiv, schreibt Rebecca Menzel in ihrem Buch «Jeans in der DDR». Sie zu tragen war ein Akt der Auflehnung gegen das Regime und ein Ausdruck der Sehnsucht nach westlicher Freiheit. Amerikanische Originale wie die Levi‘ s wurden den Schwarzmarkthändlern im «Ostblock» aus den Händen gerissen, Verwandte aus der Westzone um Paketsendungen mit der begehrten US-Ware gebeten. Dass ein Grossteil der Menschenmassen, die im November 1989 die Berliner Mauer zu Fall brachten, Jeans trugen, dass dies im Februar auch viele der ägyptischen Demonstranten und Vorkämpfer für eine demokratische Revolution in der arabischen Welt taten, ist vor diesem Hintergrund durchaus symbolträchtig. Nur, so ganz amerikanisch sind die Bluejeans eigentlich längst nicht mehr: Mehr als die Hälfte der allein nach Deutschland importierten 150 Millionen Stück pro Jahr kommt aus Bangladesch und vor allem aus China. Nur noch eine Viertelmillion liefert das Land, in dem die Jeans von Levi Strauss und dem Schneider Jacob Davis erfunden wurden: Amerika.    ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.