Leuchtturm der Aufklärung
Die Novelle Thomas Manns «Gladius Dei» (1902) beginnt mit dem starken und berühmt gewordenen Satz: «München leuchtete.» So etwas hätte niemand – weder damals noch jetzt – über Hamburg sagen wollen. Hamburg galt und gilt nicht als Stadt der Kunst, der Kultur und der Wissenschaften, sie ist eine Handels- und Hafenstadt, schön, aber auf eine strenge und kühle Weise. Obwohl Hamburg schon im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten deutschen Grossstädte war, wurde ihre Universität erst kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, nach langjährigen Anstrengungen einer grossen Gruppe wohlhabender und dabei auch den Wissenschaften verpflichteter Mäzene und Bürger, wie dem Reeder Albert Ballin, dem Senator und Bürgermeister Werner von Melle, dem Kaufmann und Reeder Edmund Siemers oder der Bankiersfamilie Warburg. Max M. Warburg, der seit 1910 das Bankhaus leitete, war der Zweitälteste seiner Generation; Aby M. Warburg (1866–1929), sein älterer Bruder, wollte Gelehrter und Kunsthistoriker werden und hatte schon früh sein Erstgeborenenrecht an Max Warburg abgetreten. Es heisst, Max habe im Gegenzug versprochen, ihm ein Leben lang alle Bücher zu kaufen, die er brauchen würde.
Aby Warburg studierte Kunstgeschichte in Bonn, München, Florenz und Strassburg und promovierte mit einer berühmt gewordenen Doktorarbeit über Botticellis «Primavera» und «Venus», in der er die Form, also stilistische Eigenarten der Bilder, mit der Literatur und Kultur im Florenz des 15. Jahrhunderts verknüpfte. Er verbrachte danach lange Jahre in Florenz, wo er getreu seinem Motto «Das Wort zum Bild» vor allem Archivstudien betrieb und zu einem anerkannten Spezialisten für Fragen der italienischen Renaissancekunst wurde. Internationale Anerkennung kam spätestens mit einem Vortrag, den er 1912 in Rom hielt, in dem er zeigte, dass mit seiner, der ikonologischen, Methode, die bis dahin nicht entschlüsselten Fresken im Palazzo Schifanoia in Ferrara erklärt werden konnten. Mit dieser (erst nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten) Arbeit machte er sich einen Namen als einer der Begründer der ikonologischen Methode der Kunstgeschichte, die sich der Inhaltsdeutung von Kunstwerken verpflichtet sah.
Warburg kehrte 1902 aus Florenz nach Hamburg zurück. Er glaubte, in seiner Heimatstadt eine Mission zu haben: die wissenschaftliche Reputation der Kaufmannsstadt zu stärken, aber vor allem das Verständnis für die Rolle der Kunst im Gemeinwesen zu erweitern und zu vertiefen. Neben seinen Forschungen, seinen zahlreichen Vorträgen und den wenigen, jedoch tiefschürfenden Veröffentlichungen sowie verschiedenen kulturpolitischen Aktivitäten widmete er sich vor allem dem Sammeln und Ankauf von Büchern für seine Bibliothek, die bald die übliche Grösse einer Gelehrtenbibliothek zu überschreiten begann. Die Mittel für diese grosszügigen Ankäufe kamen von der Bank, oder besser der Familie Warburg. Warburg arbeitete zeitlebens als Privatgelehrter; eine Berufung an die Universität Halle 1912 lehnte er ab. Warburgs Büchersammlung im privaten Haus in der Heilwigstrasse hatte bereits um 1910 hohes Ansehen erworben: Die Menge der Bücher erforderte die Hilfe von Assistenten, die Warburg anzustellen begann.
Kriegsjahre und Aufbau
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach die Fortentwicklung von Plänen, die der Kunsthistoriker für die Institutionalisierung seiner Bibliothek hegte. Zunehmend steckte Warburg alle Kraft und Reserven in die Einrichtung der «Kriegskartothek», in der die Berichterstattung der deutschen und von Teilen der internationalen Presse über den Kriegsverlauf verzettelt wurde. Zugleich arbeitete er an seinem letzten, 1921 publizierten Aufsatz «Heidnisch-antike Weissagungen in Wort und Bild zu Luthers Zeiten» über die historische Rolle von Aberglauben und politischer Propaganda, ein Text, der durchdrungen ist von den Kriegserfahrungen. Die Anstrengungen, auf diese Weise Rationalität und kritisches Denken den grauenhaften Kriegsereignissen entgegenzusetzen, trugen sicher zu Warburgs psychischem Zusammenbruch am Ende des Kriegs bei. Er verbrachte mehrere Jahre in psychiatrischen Einrichtungen, zuletzt als Patient des berühmten Psychiaters Ludwig Binswanger in dessen Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, aus dem er erst 1924 wieder entlassen wurde.
Zurück in Hamburg, begann er mit der Hilfe seines Kollegen und Mitarbeiters, des Wiener Kunsthistorikers Fritz Saxl, mit dem er schon seit 1913 in engem Kontakt stand und der den Erkrankten in Hamburg seit dem Krieg vertreten hatte, die Pläne zur Institutionalisierung seiner Bibliothek wieder aufzunehmen und in die Tat umzusetzen. Eine weitere Mitarbeiterin, die promovierte Literaturwissenschaftlerin Gertrud Bing, übernahm die Funktion der leitenden Bibliothekarin. Beide, Saxl und Bing, standen Warburg mit grösster Loyalität zur Seite und halfen dem Gelehrten, dessen Gesundheit bis zu seinem frühen Tod 1929 prekär blieb, bei der Umsetzung eines erstaunlichen Arbeitspensums.
Warburg hielt in dieser Zeit wieder gewichtige Vorträge, darunter über Rembrandts «Claudius Civilis» und über Manets «Frühstück im Grünen» – in beiden Fällen wurden diese Vorträge auch zum Anlass genommen, bedeutende Bücherbestände zu den Themen, die dort verhandelt wurden, zu erwerben. Die Pläne für eine «Bibliothek Warburg» nahmen immer konkretere Formen an: Der Name der Institution lautete in seiner endgültigen Form Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg (KBW). Er sollte den einen Teil des wissenschaftlichen Programms, die Einbettung der Kunstgeschichte in die Geschichte der Kultur, unmittelbar deutlich machen. Das Programm der Institution war die «Erforschung des Nachlebens der Antike» in allen künstlerischen, literarischen und geistigen Formen, auch etwa in der Religion. Man publizierte Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden, in denen die Forschungsstätte bekannt gemacht und ihr Programm vermittelt werden sollte. Jeden Winter fand ein Zyklus von Vorträgen statt, zu denen alle, die in Hamburg Einfluss hatten, und die Professoren der jungen Universität eingeladen wurden. Diese Vorträge, die stets in einem thematischen Zusammenhang standen (etwa Religion, Theater, Literatur, häufig mit Bezug auf das «Nachleben der Antike») wurden in der Reihe «Vorträge aus der Bibliothek Warburg», die 1932 neun Bände umfasste, publiziert. Eine weitere Reihe, «Studien der Bibliothek Warburg», publizierte Monografien einzelner Autoren, die für ihre Zeit aussergewöhnlich und bahnbrechend waren. Der krönende Höhepunkt dieser Aktivitäten war die Planung und der Bau eines eigenen Bibliotheks- und Institutsgebäudes auf dem Grundstück neben Warburgs Privathaus in der Heilwigstrasse, das 1926 mit einem Festvortrag des Philosophen Ernst Cassirer eröffnet wurde.
Zielstrebigkeit und Arbeitswille
Die Zeit von der Eröffnung des neuen Hauses bis zum Tod Warburgs ist unter vielen anderen Materialien auch dokumentiert in einem einzigartigen Dokument, dem «Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg», in das Warburg, Bing und Saxl abwechselnd, regelmässig und dicht, meist täglich, Eintragungen machten. Mit grosser Offenheit tauschte sich Warburg mit seinen Mitarbeitern Fritz Saxl und Gertrud Bing vor allem über Personalia aller Art aus, die oft im Kleinen oder Grösseren mit Fragen der Wissenschaftspolitik zusammenhingen, gelegentlich aber auch allgemeinpolitische Fragen betrafen. Einschätzungen und gemeinsame Überzeugungen, Motive und Ziele des Handelns der Beteiligten werden ohne Umschweife benannt und auch diskutiert. Im Archiv des Londoner Warburg Institute werden im Ganzen neun Bände dieses Tagebuchs der ehemaligen KBW aufbewahrt, es wurde 2001 publiziert und ist seither allgemein zugänglich. Aus dieser Quelle wird auch ersichtlich, mit welcher Zielstrebigkeit Warburg und seine Mitstreiter dieses private Institut formten, etwa indem Autoren herangezogen wurden, die zum eigenen Forschungsprogramm passten.
Warburg selbst arbeitete mit Unterstützung aller, die jeweils in Reichweite waren, in dieser Zeit am «Bilderatlas Mnemosyne», seinem letzten, unvollendet geblieben grossen Werk, in dem alle Themen und Motive seiner publizierten Schriften noch einmal in einer grossen Synthese dargestellt und weiterentwickelt werden sollten. Die Entstehung und mehrfache Metamorphose des Projekts in den Jahren nach 1924 sind ziemlich klar. Fritz Saxl hatte ihn nach dem Zeugnis Ernst Gombrichs, dem wir die «intellektuelle Biografie» Warburgs verdanken, mit den grossen, mit dunklem Stoff bespannten Rahmen bekannt gemacht, auf denen man mit Klammern Bildreproduktionen ebenso leicht befestigen wie wieder abnehmen konnte. Auf diese Weise konnten Bilderreihen und Bildercluster unter jedem gewünschten Aspekt zusammengestellt, verändert und neu kombiniert werden. Warburg hat das Hilfsmittel entschieden aufgegriffen und sowohl für die verschiedenen Ausstellungen, die in den zwanziger Jahren in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg stattfanden, wie für seine Vorträge genutzt. Etwa bis 1926 ist von einem Atlas, also von einem Tafelwerk, noch nicht die Rede. Zunehmend aber muss das Potenzial des neuen Instruments für die Demonstration der kulturwissenschaftlichen Methode deutlich geworden sein.
Der Bilderatlas ist in dem fragmentarischen Zustand, in dem er sich 1929 befand – mehrere Reihen von etwa
60 fotografierten Fotografien auf schwarzen Tafeln in unterschiedlichen Zuständen sowie eine Einleitung Warburgs – kritisch ediert und im Jahr 2000 publiziert worden. Er gilt als das erste Beispiel einer Kunstgeschichte, die mit Bildern, nicht vor allem mit Texten, Fragen der Bedeutung von künstlerischen Traditionen und der visuellen Bearbeitung von grundlegenden menschlichen Problemen auf die Spur kommen wollte. Neben dieser sachlichen Orientierung sollte er aber auch das neu gegründete Forschungsinstitut endgültig auf der Landkarte der Wissenschaften in Hamburg fixieren. Dies wurde verhindert, als Hitler 1933 an die Macht kam.
Ein zweites Leben
Fritz Saxl und Gertrud Bing gaben sich keinerlei Illusionen hin, was die Zukunft der Bibliothek in Deutschland betraf. Ohne dass es explizit wurde, war die Institution auch ein Wahrzeichen des kulturellen Beitrags des deutschen Judentums zur Wissenschaft und natürlich vor allem zur Kultur Hamburgs und weit darüber hinaus. Auch viele der Hamburger Studentinnen und Studenten der Kunstgeschichte waren jüdischer Herkunft und mussten ebenfalls ihre Heimat verlassen. Sehr bald wurden Verbindungen in den Vereinigten Staaten und in England aktiviert und die Vorzüge und Nachteile dieser beiden möglichen Exilländer auch mit weiteren Wissenschaftlern aus dem Kreis um die Kulturwissenschaftliche Bibliothek, etwa Edgar Wind, diskutiert. Bereits im Dezember 1933 verliessen die Bibliothek und mehrere ihrer Mitarbeiter mit Sack und Pack Hamburg auf zwei kleinen Dampfern in Richtung London. Zurückgelassen werden musste nur die «Kriegskartothek», die als Dokument deutscher Geschichte galt und die seither verschollen ist.
Als Warburg Institute begann die Hamburger Gründung ein zweites Leben; es musste mehrfach umgezogen werden, einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter und ehemaliger Hamburger Student, Hans Meier, kam bei einem deutschen Bombenangriff ums Leben, und ungezählte verfolgte jüdische oder aus anderen Gründen gefährdete Wissenschaftler fanden am Warburg Institute Hilfe und Vermittlung an andere Institutionen, manchmal auch eine kleine Stelle am Warburg Institute selbst. Wiederum sind die Leistungen Gertrud Bings und Fritz Saxls beinahe übermenschlich zu nennen, denn gleichzeitig musste das Überleben der Institution neuerlich gesichert werden durch Publikationen, Vorträge und Ausstellungen. Auch die schon in Hamburger Zeiten entwickelte Form der Fotoausstellungen kam den Neubürgern während des Kriegs in London zugute, denn die Kunstschätze der Stadt waren eingelagert und die kulturellen Beziehungen innerhalb Europas zerrissen. Eine denkwürdige Ausstellung, «British Art and the Mediterranean», von Fritz Saxl und Rudolf Wittkower organisiert und konzipiert, wurde 1941 in London sowie in mehreren Provinzmuseen unter grossem Zuspruch gezeigt. Eine neue Zeitschrift und neue Publikationsreihen wurden gegründet.
All dies machte grossen Eindruck auf den relativ kleinen Kreis englischer Kunsthistoriker, wie etwa von dem damals noch jungen Anthony Blunt berichtet wurde. 1944 schliesslich wurde das Institut durch Schenkung der Familie Warburg an die Universität London übertragen. Bis heute ist es als eines der Institute der School of Advanced Study der Londoner Universität ein weltberühmtes, weil in seiner Ausrichtung auf die «classical tradition» einzigartiges Institut mit einer unvergleichlichen Bibliothek, die etwa 400 000 Bände beherbergt. Heute ist der Bestand des Instituts durch Sparmassnahmen der Universität London erneut gefährdet, jedoch ist es kaum vorstellbar, dass die internationale Forschergemeinschaft oder die Familie Warburg eine Auflösung des Warburg Institute kampflos hinnehmen würden.
In Hamburg blieb eine Leerstelle zurück. Die Bank verkaufte das Gebäude in der Heilwigstrasse 116, später wurde auch das Warburg’sche Privathaus verkauft. Die Lettern KBW wurden von der Backsteinfassade abgeschlagen. Die Leistungen und Ziele des Instituts wurden verdrängt, das Gebäude jahrzehntelang kommerziell genutzt. Nach dem Krieg, seit den sechziger Jahren, wurde allmählich wieder an Warburg erinnert, vor allem in der Stadt Hamburg und ihrer Kunsthalle, nicht aber am wiedereröffneten Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität. Erst in den achtziger und neunziger Jahren wurde unter anderem dank der Initiativen Martin Warnkes an die alte Tradition wieder angeknüpft. Das «Internationale Warburg-Symposion» 1990 leitete den Wiedererwerb des Gebäudes in der Heilwigstrasse durch die Stadt Hamburg im Jahr 1993 ein, das heute, verwaltet und genutzt von der Aby-Warburg-Stiftung, als denkmalgerecht renoviertes «Warburg-Haus» Archive und Sammlungen des Kunstgeschichtlichen Seminars beherbergt sowie, mit seinem rekonstruierten Lese- und Vortragssaal, als vielfach genutzter und ideal geeigneter Veranstaltungsort für Tagungen, Seminare, Sitzungen oder Buchvorstellungen dient.
Immer noch würde man wohl übertreiben, wenn man behauptete, dass an diesem Ort «Hamburg leuchtet», was aber wieder leuchtet sind die von Naum Slutzky entworfenen Lampen vor dem Warburg-Haus, die immer bei Veranstaltungen angeschaltet sind und die der Gründer der KBW als stilisierte «Leuchttürme der Aufklärung» entworfen haben wollte. ●
Charlotte Schoell-Glass, Kunsthistorikerin, lehrt am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg. Sie war Member am Institute for Advanced Study (1996/97) und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin (1999/2000), ausserdem Gastprofessorin am Dartmouth College, Hanover, N.H. (2005). Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter «Aby Warburg und der Antisemitismus. Kulturwissenschaft als Geistespolitik», Frankfurt a. M. 1998.
..................................................................................................................................................................................................................................
bildlegende
heute Das KBW-Gebäude an der Heilwigstrasse 116 dient weiterhin der Forschung