Letzter Vorhang
Kaum jemand konnte jüddische Witze so überzeugend erzählen wie er. Er verkörperte komische und ernste Figuren in weit mehr als 100 Filmen und stand unzählige Male auf der Bühne. Vor allem als «der brave Soldat Schwejk» (1970), der Rolle seines Lebens, wird er dem Publikum in Erinnerung bleiben. Mit Schelmenwitz und scharfer Zunge eroberte sich der Volksschauspieler sein Publikum. In Österreich schon zu Lebzeiten eine nationale Ikone, erhielt der Film- und Fernsehstar, populäre Kabarettist und Ehrenprofessor im Laufe seines Lebens die höchsten österreichischen Auszeichnungen und auch das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Seine Berühmtheit verschaffte dem Possenreisser auch jenseits der Bühnen Gehör: Seine Meinung vertrat der sture Charakter-Mime mit sublimiertem Hang zum Jähzorn stets auch und gerade, wenn sie unbequem und unpopulär war. Oder sogar lebensgefährlich: In der Nazizeit trug ihm, dem Wehrmachtsangehörigen Muliar, der seinen jüdischen Stiefvater nie verleugnete, seine Unbeugsamkeit 1942 die Todesstrafe wegen «wehrkraftzersetzender Reden» ein. Er verbrachte Monate in Einzelhaft. Dass Muliar schliesslich zur Frontbewährung begnadigt wurde, dass aus fünf Jahren drei wurden, weil der Krieg dann vorbei war, änderte nichts an den Albträumen und immer wiederkehrenden Gedanken, die ihn fortan verfolgten: «dass man mich erschiesst, köpft, hängt, jede Art von Todesstrafe».
Humor als Waffe
Geboren 1919 als Sohn eines k. u. k. Offiziers, der sich später zum Nationalsozialismus bekannte, und einer sozialdemokratisch eingestellten Mutter, begann Muliar ein Schauspielstudium in Wien und stand schon mit 18 Jahren auf den Kabarettbühnen, die mit ihren scharfzüngigen Aufführungenim zunehmend faschistischen Österreich so etwas wie kleine Zellen des Widerstands waren. Mit komödiantischem Talent und skurrilem Wortwitz war Muliar ein Seelenverwandter Johann Nestroys. Dessen wichtigste Figuren schienen wie für Muliar, den Griesgram, geschrieben zu sein. Der Schauspieler begriff Humor als Waffe des Schwächeren gegen die Stärkeren und sich selbst als Darsteller des «kleinen Mannes». Er brachte die Menschen zum Lachen und – dadurch – zum Nachdenken. Als Stiefsohn eines Juden, den er sehr verehrte und liebte, fühlte sich Muliar zudem der Pflege des jüdischen Humors besonders verpflichtet. So nahm er eine «Jiddische Hitparade» auf Schallplatte auf und publizierte jüdische Witze- und Anekdoten, die bis heute auf CD erhältlich sind.
Ein Freigeist
Der Grantler und Querkopf, der, etwa an der Seite von Marika Rökk, auch mit
Operetten erfolgreich war, bezeichnete sich selbst schon mal nicht ohne Ironie als «Schmierenkomödiant». Doch auch im ernsten Fach berührte der Wiener bis zuletzt sein Publikum. So als Tragik und Schrecken des Alters verkörpernder Greis in «Sibirien», einem Einpersonenstück von Felix Mitterer, oder als dementer Grossvater in Vinterbergs «Das Fest». Muliars künstlerische Heimat war vor allem das Theater in der Josefstadt, zu dessen Ensemble er von 1964 bis 1977 gehörte. Von Mitte der siebziger Jahre bis 1990 war er Mitglied des ehrwürdigen Burgtheater-Ensembles. Aus Anlass seines 80. Geburtstages gefragt, wie alt er zu werden gedenke, soll Muliar mit dem für ihn typischen trockenen Humor und Freigeist geantwortet haben: 87. Denn «mir hat der Hitler sieben Jahre meines Lebens gestohlen, die möchte ich jetzt gerne noch nachholen.» Siebzig Jahre währte Muliars ungewöhnliche Karriere. Zwar nahm er 2002 mit einer Glanzpartie in Nestroys «Frühere Verhältnisse» offiziell seinen Abschied, abgetreten aber von der Bühne ist der Mime nie: Seinen letzten Auftritt – in der Komödie «Die Wirtin» gab er den Baron – hatte er am Sonntagnachmittag wenige Stunden vor seinem Tod in der Josefstadt – in «seinem» Theater. Wenig später sei er in seinem Haus zusammengebrochen, teilte die Theaterdirektion mit. In der Nacht zum 4. Mai ist Fritz Muliar im Alter von 89 Jahren gestorben.