«Let it schwing!»

Von Katja Behling, March 12, 2009
Blue Note Records ist das wichtigste Jazz-Label der Welt. Seit 1939 bringt die New Yorker Plattenfirma stilprägende Alben führender Musiker heraus. Gegründet wurde das Unternehmen von jüdische Emigranten aus Deutschland.
BELIEBTE MUSIKRICHTUNG Blue Note brachte dem Jazz den Groove bei

Am 23. Dezember 1938 war die New Yorker Carnegie Hall bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Veranstalter stellten 300 zusätzliche Stühle auf die Bühne, um die in Scharen hereinströmenden Zuhörer unterzubringen. Sie alle wollten das Programm mit Stücken «From Spirituals to Swing», so die Ankündigung, erleben. Die Solisten und Bands, darunter «talentierte Neger», denen der Zugang zur weissen Welt der Unterhaltungsmusik bislang verwehrt gewesen war, gaben Jazzmusik aller Stilrichtungen zum Besten. Höhepunkt des umjubelten Abends war der Auftritt eines gewissen Count Basie. Unter den Zuhörern in der Carnegie Hall befand sich auch Alfred Lion, der von der Musik wie gebannt war. An diesem Abend nahm Lions Leben eine neue Wendung.
Lion war 1909 als Alfred Löw in Berlin geboren worden und schon als Kind mit Tanzmusik in Kontakt gekommen. Als 19-Jähriger reiste er nach New York, schlug sich als Hafenarbeiter durch und kehrte mit einem Stapel Jazzplatten nach Berlin zurück. Die Sehnsucht nach New York blieb. Er suchte sich Arbeit in einer deutschen Exportfirma, die ihm Gelegenheit gab, wiederholt an den Hudson zu reisen – und jedes Mal war sein Souvenir ein weiteres Paket Schallplatten. 1933 emigrierte Lions Familie nach Chile, wo Alfred sich als Hummerfischer versuchte. 1937 zog er endgültig nach New York, arbeitete wieder im Im- und Export – und tauchte in seiner Freizeit in die Clubszene ein. Nach jenem Dezember-Konzert in der Carnegie-Hall reifte in dem Musikliebhaber und erfahrenen Geschäftsmann eine Idee: Er würde selbst Jazzmusik produzieren, die Musik verlegen, die er liebte. Szenekontakte hatte er zuhauf, es fehlte nur ein Tonstudio. Lion mietete einen kleinen Aufnahmeraum und sorgte, trotz knappstem Budget, für reichlich Scotch und Bourbon, um die Musiker in Stimmung zu bringen. Ohnedies unsicher, wie er die Sache professionell angehen sollte, liess er den Jazzern völlig freie Hand. «It must schwing!», soll Lion euphorisch und in schönstem Englisch mit deutschem Akzent verkündet haben. Um den richtigen Swing zu treffen, hatte er die Musiker zudem für den frühen Morgen nach ihrem Club-Auftritt einbestellt, sozusagen warmgespielt. Hot Jazz. Tatsächlich nahm diese erste Session im Januar 1939, aus Unerfahrenheit geboren, etwas vorweg, wofür Blue Note später berühmt wurde: Dass viele Aufnahmen, zumeist im Morgengrauen eingespielt, den unmittelbaren Charakter von – improvisierten – Live-Auftritten hatten. Und Swing. Fortan holte Alfred Lion, der sich in Berlin als Alfred Löw in den Sound aus Amerika verliebt hatte, die damals angesagten Musiker aus den Nachtclubs New Yorks in sein Studio.  

Jazz für Auge und Ohr

Frank «Francis» Wolff, der in Deutschland erfolgreich als Fotograf gearbeitet hatte, flüchtete 1939 aus Deutschland und kam, wie es heisst, mit einem der letzten Schiffe von dort nach New York. Kaum angekommen, nahm er Kontakt zu seinem Jugendfreund Alfred Lion auf. Beide teilten die Liebe zum Jazz, und bald mischte Frank im Studio mit. Zusammen schufen sie letztlich das, wofür Blue Note jahrzehntelang stand. Die beiden Produzenten erreichten nicht nur, dass Jazz von nun an anders klang. Er sah fortan auch anders aus. Teils lag es daran, dass die Papieraufkleber auf den 78er-Scheiben, die eigentlich pinkfarben und blau sein sollten, wegen eines Druckerfehlers anfänglich rosa und schwarz ausfielen. Und vor allem daran, dass Frank, der Fotograf, den Schallplatten ein neues Gesicht gab. Dabei bediente sich der gelernte Fotograf einer bisher nicht da gewesenen visuellen Sprache. Das besondere Design der Plattenhüllen, auf denen etwa Schwarz-Weiss-Porträts, entstanden oft während der Late Nigh Sessions, zu sehen waren, trug zum Look und zum Ruhm des Labels massgeblich bei. Und ihre Anzeigen in «Down Beat», der führenden amerikanischen Jazz-Zeitschrift, und ihre Werbebroschüren liessen den Einfluss der Bauhaus-Bewegung erkennen, wie Richard Cook in seinem Buch «Blue Note. Die Biografie» schreibt. So drückten die beiden Geschäftspartner Lion und Wolff – ab 1943 betrieben sie ihr Label hauptberuflich – dem Jazz akustisch wie optisch einen völlig neuen Stempel auf. Stilbildend ist das Label bis heute geblieben – seit nunmehr 70 Jahren.  
Ob Miles Davis, Bud Powell oder Sonny Rollins, ob Art Blakey, Horace Silver, Dexter Gordon oder Herbie Hancock, die grössten Stars des Jazz nahmen in Laufe der Jahre legendäre Platten für Blue Note auf. Der erste Hit, den das Kleinunternehmen verbuchen konnte, war indes die George-Gershwin-Nummer «Summertime» aus «Porgy and Bess», interpretiert von Sidney Bechet, dem ersten Superstar des Saxofons. In den vierziger Jahren machten Lion und Wolff ihr Geld mit erfolgreichen kleinen Swing-Combos, wie sie damals populär waren. Als der Komponist und Pianist Thelonious Monk, ein eigenwilliger Vertreter des Bebop, der damals neuesten Welle des Jazz, zum Label stiess, setzte die erste moderne Phase von Blue Note ein. Zu Beginn der fünfziger Jahre mühten sich Lion und Wolff weiter, aus ihrem Label eine wettbewerbsfähige, wachsende Marke zu machen. Die goldene Ära des Labels begann 1954 mit der Erfindung von Hardbop, einer Variante des Modern Jazz, die auf Blues und Gospel zurückgreift und rhythmisch betonter daherkommt. Blue Note brachte dem Jazz den Groove – und das Tanzen – bei. Die lässige Musik stabilisierte die Dominanz von Blue Note bis weit in die sechziger Jahre hinein: Freddie Hubbard, Herbie Hancock, Wayne Shorter, Jimmy Smith, John Coltranes «Blue Train» und Kenny Burrell mit seinem «Midnight Blue» – sie prägten Status und Sound des Kultlabels.

Durststrecken und Neustart

Mehr als 25 Jahre lang bestand Blue Note im Grunde aus den zwei deutschen Gründern, die mit Herzblut für die Musik eintraten, die sie liebten. Die Krise kam, als sich Alfred Lion 1966 aus dem Jazzgeschäft zurückzog. Schon ein paar Jahre lang hatte sich abgezeichnet, dass dem Jazz sein Publikum abhanden kam. Die Songs landeten seltener in der Hitparade, Rock und Beat waren auf dem Vormarsch. Eine Weile setzte Blue Note dem Trend eine Ausweitung der Produktion entgegen. Lion selbst machten indes gesundheitliche Probleme zu schaffen. Er verkaufte seine Independent-Firma an einen Unterhaltungskonzern mit Kapital und Ressourcen und zog sich nach 30 Jahren für Blue Note aus seiner Firma zurück, während Wolff sich mit den neuen Mitstreitern bis in die siebziger Jahre – bis zu seinem Tod 1971 – gegen die Strömung der Zeit zu stemmen versuchte. Ein global operierendes Musikunternehmen schluckte die kleine Firma, was nicht ohne programmatische Folgen blieb. Stilprägenden Jazz von Blue Note gab es nun seltener. Das Label bemühte sich um ein neues Profil, dennoch erreichte es 1979 einen Tiefpunkt. Die Marke wurde eingestellt, doch 1985 wiederbelebt – als Jazzlabel und Kreativmarke des Mutterkonzerns EMI. Das Aufkommen der CD war ein Glücksfall für Blue Note. Die Verkäufe, die sich eine Weile in der zuverlässigen Nachfrage nach Ella Fitzgerald nahezu erschöpft hatten, schnellten nach oben, als alte Fans ihre Vinyl-Plattensammlung auf den neuen Tonträger umstellten.
In den neunziger Jahren sorgten Alben auf der Basis von Samplern aus dem Blue-Note-Katalog für gigantischen Erfolg. Eine weitere Erfolgssparte nannte sich «Mojo Club». Dahinter verbarg sich tanzbare Musik, die den coolen alten Jazz von Blue Note in die zeitgemässe Jugendkultur und die Coffeeshops brachte. Doch auch mit neuen Künstlern, darunter Bobby McFerrin, Cassandra Wilson und Norah Jones, war und blieb das Label auf der Erfolgsspur, bei zunehmendem Konkurrenzdruck. Als Lion und Wolff 1939 ihre Leidenschaft für den Jazz in ihre Arbeit als Produzenten umzusetzen begannen, standen sie mehr oder weniger allein auf weiter Flur. Um das Jahr 2000 existierten mehr als 500 unabhängige Jazzlabels. Anfang 2002 gab die Sängerin, Komponistin und Pianistin Norah Jones, eine Tochter von Ravi Shankar, ihr Debut bei Blue Note und sorgte für einen sensationellen Erfolg. Ihre Platte «Come Away With Me» beschritt völlig neue Wege, war weniger jazzig als das, was Blue Note bisher veröffentlicht hatte – und stürmte die Charts.
Wie der gesamten Musikbranche hat das Downloaden im Internet in den vergangenen Jahren auch Blue Note zugesetzt. Andere Einnahmequellen wie Konzerte und Merchandising gewinnen für die Branche an Bedeutung. So sollen aus Anlass des Jubiläums 2009 auch Artikel wie T-Shirts mit den bekanntesten Coverdesigns und ein opulenter Bildband herauskommen. Offenbar hat das Label den Spagat geschafft – zwischen Tradition und Zukunft, zwischen klassischem Jazz und Pop-Kommerz. Blue Note, eines der bekanntesten Jazz-Labels der Welt, hat sich für die  nächsten Jahrzehnte gerüstet.