Lehren und Lernen

October 9, 2008

In vielen Ländern wird über das Erziehungswesen geklagt, doch nur wenige gleichen Israel in Bezug auf objektive Schwierigkeiten und individuell-sektorale Sonderwünsche. Vor der inhaltlichen Diskussion des Themas ist zu erinnern (in dieser Hinsicht unterscheidet sich Israel nicht von anderen), dass die Besoldung von Lehrern beschämend niedrig ist, und das wirkt sich natürlich auch auf die Substanz aus. Die vielen Lehrerstreiks, die Israel heimsuchen und besonders arbeitende Mütter verzweifeln lassen, sind in der Regel kein Produkt ambitiöser Kapriolen von Gewerkschaftern, sondern ein Mittel im Kampf um das Existenzminimum.
Weltweit wird es schwerer, junge Menschen zum Einstieg in den Lehrerberuf mit seiner langen Ausbildungszeit zu locken. Der spätere Lohn steht in keinem Verhältnis zu Aufwand und Einsatz; die Zeiten sind vorbei, in denen ein echtes Sendungsbewusstsein materiellen Nachteil in Kauf nehmen liess. Dies auch, und in jüngster Zeit ist Israel keine Ausnahme, weil Klassenzimmer immer häufiger zu Schauplätzen von Kriminalität und Gewaltakten werden, die selbst vor Lehrer und Lehrerin nicht haltmachen. Was einst ein gesuchter und angesehener, wenngleich nie ein hochdotierter Beruf gewesen war, findet heute bei weitem weniger interessierte Aspiranten und qualifizierte Kräfte. Setzt die wirtschaftliche (und somit auch die soziale) Benachteiligung der Attraktivität des Lehrerstands vielerorts Schranken, deren Beseitigung Finanzministerien selten eine hohe Priorität einräumen, so hat Israel mit zusätzlichen Hemmnissen zu kämpfen, die sich aus seinen Realitäten ergeben. Der stete Zustrom von Einwanderern bedingt eine laufende Erweiterung des Schulwesens; chronischer Budget- und Personalmangel führen oft zu der «leichten» Lösung einer «Aufstockung» (d. h. Übervölkerung) bestehender Klassen mit unerfreulichen Folgen.
Schon die (vorwiegend sektorale) Vielfalt des staatlichen Erziehungswesens mit ihren verschiedenen Lehrplänen macht eine verwaltungsmässige Vereinheitlichung schwierig. Neben der Berücksichtigung spezifischer Themen in den arabischen Schulen des Landes, die im Kontext dieser Zeilen bedeutungslos ist, wirft das Nebeneinander gleichgestellter religiöser und säkularer Schulen im jüdischen Sektor oft knifflige Fragen auf. Dann gibt es in eigenständigen Rahmen jede Menge Schulen unterschiedlicher Strukturen und Programme, die an ultraorthodoxe Parteien und Gruppen gebunden sind und von ihnen geleitet werden, die staatliche Anerkennung und ein hohes Mass an Finanzierung aus der öffentlichen Hand erhalten, in ihren Lehrplänen aber völlig frei von äusserer Einflussnahme sind.
Diese Situation spiegelt die innenpolitische (und demografische) Wirklichkeit des Landes sehr genau wider. Doch auch ohne die Einbeziehung von Haredi und arabischen Schulen sorgt allein der Parallelismus zweier (Haupt-)Strömungen im staatlichen jüdischen Erziehungsapparat für Konfusion. Dass beide ihrer «Ideologie» gerecht werden wollen, ist selbstverständlich; ebenso aber, dass dies weder hier noch da zu der Vernachlässigung wichtigen Lehrmaterials führen darf - und das war mitunter leider der Fall. Wie der Jugendliche sein Privatleben führt, ist seine Sache; doch ob «dati» oder «hiloni», als Bürger eines modernen Staates Israel bedarf er soliden Wissens in Tenach und Ivrith wie in Mathematik und Englisch. Sie sind alle unverzichtbar und nicht «austauschbar».
Unlängst wurden diese vier in allen jüdischen Mittelschulen einheitlich als Pflichtfächer für die staatlichen Abschlussprüfungen (Matura) festgesetzt. Die Bestimmung des restlichen Studienplans untersteht weitgehend, wenn auch nicht uneingeschränkt, den beiden Strömungen selbst und ist entsprechend «ideologisch» geprägt: ausser den vier Pflichtfächern werden alle Prüfungen schulintern abgehalten, zählen aber für die Matura. Dieser Schritt hat viel Kritik ausgelöst, aber die Festlegung von Prüfungsfächern meint keine Zurückstellung anderen Stoffs. Dass Geschichte, Staatsbürgerkunde, Biologie usw. auch ohne landesweite Abschlussprüfung unterrichtet werden, ist selbstverständlich, doch im Zeitalter fortschreitender Spezialisierung soll dem Schüler ein Angebot eigener Wahl zur Verfügung stehen. Das ist an sich zu begrüssen.Israel ist eine Demokratie; zugleich ist es ein Einwanderungsland und ein Staat mit demografischen Besonderheiten nach innen und aussen, die die Schule berücksichtigen muss. So wäre es z. B. gut, wenn Staatsbürgerkunde einen hohen Rang auf der schulinternen Prioritätenskala fände; Kindern vieler Einwanderer der letzten Jahre, aber nicht nur ihnen, fehlt noch eine echte Beziehung zu ihr. Ebenso ist eine Intensivierung des Arabisch-Lernens zu empfehlen; in vielen Schulen wird es, wenn überhaupt, als drittrangiges Wahlfach angeboten. Die Kenntnis der Sprache unserer Umwelt muss zur Selbstverständlichkeit werden; in umgekehrter Richtung, in den arabischen Schulen, ist die Lage weit besser. Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Jedes Erziehungswesen ist ein Pfeiler seiner Gemeinschaft. Das komplexe Schulsystem Israels macht es nicht leicht, dieser Wahrheit gerecht zu werden, doch solange die staatlichen Lehranstalten (wie Einheitsgemeinden?) auf einen gemeinsamen Mindestnenner gebracht werden können, besteht Hoffnung. Das ist der Sinn des jüngsten Schritts.

Der Autor war Botschafter Israels in Bonn und Bern.