Legitimität ist keine Frage des Geldes
Ende Oktober hat Jonathan Joseph an einer Konferenz des European Council of Jewish Communities (ECJC) in Berlin seinen Nachfolger, Igor Kolomoisky, im Amt des Präsidenten des ECJC bekanntgegeben. Diese Entscheidung wurde ohne das Wissen und Einverständnis der Vorstandsmitglieder getroffen, was zur Folge hatte, dass einige von ihnen (u.a. Evan Lazar, Arturo Tedeschi, Gabrielle Rosenstein) nach der Konferenz ihren Rücktritt bekanntgaben (vgl. tachles 44/10). Heute, ein Monat nach der Konferenz, hat die offizielle Seite des ECJC, insbesondere Jonathan Joseph, welcher für die Wahl Igor Kolomoiskys verantwortlich ist, nichts unternommen, um die Geschehnisse zu rechtfertigen und klarzustellen. Auch die zurückgetretenen Vorstandsmitglieder haben bis dato nichts von ihrem ehemaligen Präsidenten gehört und zeigen sich dementsprechend enttäuscht. So etwa Evan Lazar: «Ich war während sechs Jahren Vorstandsmitglied und bereits einige Jahre zuvor aktiv mit dabei. Ich bin enttäuscht, dass ich seit Berlin kein einziges Wort von Jonathan Joseph oder dem ECJC gehört habe.» Jonathan Joseph hat denn auch auf die Anfrage von tachles nichts zu dem bereits Gesagten hinzuzufügen. In seiner Situation habe er nicht anders handeln können, als Igor Kolomoisky ohne demokratischen Entscheid zu wählen.
Generalversammlung vor Ende Jahr
Mitte November hatte sich nun der Generaldirektor der Royal Society for Jewish Welfare (vgl. Kasten), Alexander Zanzer, in die Diskussion eingeschaltet, der 1991 dem Vorstand des ECJC beigetreten ist, um aufgrund der undemokratischen Vorgänge in Berlin und den zahlreichen Anfragen von Vertretern besorgter Mitgliedsgemeinden des ECJC eine Generalversammlung vorzuschlagen. Mit diesem Anliegen richtete sich Alexander Zanzer an Jonathan Joseph. Er verlangt von ihm die Berliner Konferenz für ungültig zu erklären und eine Generalversammlung mit folgenden Punkten auf der Traktandenliste einzuberufen: 1. Präsentation der Unternehmungen des ECJC seit der letzten Generalversammlung; 2. Präsentation der Registrationsdokumente der Organisation; 3. Präsentation des ECJC-Budgets; 4. Diskussion über zukünftige Unternehmungen, das Budget, die Aufgaben des Managements, die Sitzverteilung; 5. Wahl eines neuen Vorstands. Die Generalversammlung sollte nach Wunsch von Alexander Zanzer und zahlreicher Mitgliedsgemeinden des ECJC, darunter auch die Jüdische Liberale Gemeinde Zürich, vor Ende Jahr stattfinden. Jonathan Joseph hat sich auch bei Alexander Zanzer bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht gemeldet. Diesen Umstand hat Alexander Zanzer gegenüber tachles wie folgt kommentiert: «Es ist sehr wahrscheinlich, dass Jonathan Joseph auf keinen, der an ihn gerichteten Briefe, reagieren wird. Was klar gesagt werden kann ist: Die Unternehmungen von Jonathan Joseph werden von niemandem mehr unterstützt. Was weiter gesagt werden kann ist, dass der Vorstand in Berlin keine Entscheidung getroffen hat. Das bedeutet nun: Jonathan Joseph ist zurückgetreten und wird als private Person mit unklaren Unternehmungen gesehen und ein neuer Präsident wurde noch nicht gewählt. Eine Generalversammlung kann jederzeit und überall stattfinden, unabhängig der Partizipation von Jonathan Joseph.»
Was ist mit Igor Kolomoisky?
Der von Jonathan Joseph auserkorene neue Präsident Igor Kolomoisky hat versprochen, über die nächsten fünf Jahre 14 Millionen Dollar in den ECJC zu investieren. «Geld spielt natürlich eine Rolle, aber nur in der Führung der Unternehmung. Legitimität ist keine Frage des Geldes», stellt Alexander Zanzer klar. Es kursierten in den letzten Wochen diverse Stimmen in den Medien (so etwa die des britischen Schriftstellers Antony Lerman), welche der Meinung sind, dass mit Igor Kolomoisky ein weiterer Oligarch aus einem Oststaat − der andere ist Moshe Kantor, ebenfalls Milliardär und Präsident des European Jewish Congress − eine europäische jüdische Organisation übernehme und sich dadurch die westlichen jüdischen Organisationen gegen Osten hin bewegten. Igor Kolomoisky wird zudem verdächtigt, unter dem Einfluss der Organisation Chabad Lubavitch zu stehen, welche zurzeit mit seiner finanziellen Unterstützung in Dnepropetrovsk, Igor Kolomoiskys Heimatstadt, ein Chabad-Zentrum in Form einer Menora errichten. Der ebenfalls vom Vorstand des ECJC zurückgetretene Arturo Tedeschi sieht in diesen Umstand keinen kulturellen Konflikt zwischen östlichem und westlichem Judentum: «Ich glaube, niemand würde einen europäischen Präsidenten oder ein Vorstandsmitglied aus einem Oststaat in Frage stellen, vorausgesetzt, dass die Wahl desselben auf einem legalen und moralisch korrekten demokratischen Prozess basiert.» Und auch Alexander Zanzer ist überzeugt, dass momentan alle ihren Unmut auf Igor Kolomoisky abwälzen, dieser sich aber allemal einem demokratischen Wahlprozedere unterziehen dürfe: «Ich habe nicht persönlich mit Igor Kolomoisky gesprochen, bin aber gegenüber jeder Person offen, die mithelfen will, den Platz des ECJC im Jüdischen Europa wieder zu stärken. Igor Kolomoisky muss seine Kandidatur vor der gesamten Generalversammlung präsentieren und seine Visionen offenlegen.»