Leerstellen als bildnerische Lehrstellen

von Walter Labhart, October 9, 2008
Wie Walter Feilchenfeldt im Katalog zur Ausstellung schreibt, bereitete der Verkauf von Paul Cézannes malerischem Nachlass einst beträchtliche Schwierigkeiten, weil viele Spätwerke ihrer leeren Stellen wegen als unfertig und demzufolge als ungeeignet für den Kunsthandel galten.
Paul Cézanne (1839-1906): «Studie mit Badenden», 1900-1906. - Foto PD

Bei der Aufteilung der nachgelassenen Arbeiten scheinen die Brüder Bernheim-Jeune das ausgearbeitete Frühwerk vorgezogen zu haben, während sich Vollard mehr für die Gemälde der letzten, am Geburtsort Aix-en-Provence entstandenen Werke interessierte. Ein Jahr nach dem Tod Cézannes, der von 1839 bis 1906 lebte und in seiner französischen Heimat bald als «Vater der Moderne» betrachtet wurde, erwarb der Berliner Galerist Paul Cassirer drei bedeutende Gemälde des damals in Deutschland noch wenig geschätzten Meisters, der mit der Aufgabe der akademischen Zentralperspektive und mit der Loslösung der Farbe vom Gegenstand einerseits, mit seiner flächenbetonten Herausarbeitung geometrischer Grundformen andererseits den Kubisten den Weg gewiesen hatte. Kein Geringerer als Picasso war vom hohen Abstraktionsgrad seines Vorbildes Cézanne und von der Wirkung isolierter Farbflächen dermassen fasziniert, dass er zur kargen Malweise des neuartigen Spätwerks bemerkte: «Kaum hat er einen Farbfleck gesetzt, ist es schon ein Bild.» Mit den vielen Leerstellen, die nur gerade aus der Grundierung der Leinwand bestehen, schuf Cézanne eigentliche bildnerische Lehrstellen für mehrere Malergenerationen, begonnen mit Henri Matisse, Robert Delaunay und weiteren Franzosen, fortgesetzt mit Varlin (Willy Guggenheim) und jüngeren Künstlern. Seiner Meisterschaft im Bildaufbau mit der sich ständig verdichtenden Addition von kleinen und kleinsten Flächen in häufig auseinanderstrebender Bewegung entsprach der Verzicht auf Nebensächliches, Aphoristisches und die Beschränkung auf ein paar wenige Themen.
So bilden dann vor allem von Menschen unbelebte Provencelandschaften, die zu Zyklen in chronologischer Ordnung zusammengestellten Porträts seiner Frau Hortense und des Gärtners Vallier, der immer wieder als magische Herausforderung empfundene Berg Sainte-Victoire und die serienweise nach Reproduktionen gemalten Badenden mit ihrem zunehmenden Abstraktionsgrad die augenfälligsten Schwerpunkte der zuvor im Wiener Kunstforum gezeigten, in Zürich noch bis zum 30. Juli geöffneten Ausstellung unter dem höchst spannenden Motto «Vollendet - unvollendet».
In entwicklungsgeschichtlich so aufschlussreichen Gemälden wie dem «Portrait Madame Cézanne» (Sammlung Bettina Berggruen, Berlin), dem Aquarell «Bäume im Gewitter» (The Henry and Rose Pearlman Foundation), der vom Weiss der leeren Leinwand dominierten Ölskizze «Landschaft» (Sammlung E. W. Kornfeld) und dem artverwandten Ölbild «Studie mit Badenden» (Sammlung A. Rosengart, Luzern) lassen sich die einzelnen Stationen jenes «Work in progress» beobachten, welcher sich oft über Jahre hinzog, bevor Cézanne die unvollendeten Bilder zur Seite stellte.
Auf die geistige und ästhetische Entwicklung Paul Cézannes übte kein Künstler einen grösseren Einfluss aus als der jüdische Maler Camille Pissarro (1830-1903), der spätere Förderer von Gauguin, Seurat und Signac. Er war es gewesen, der den Einzelgänger aus der Provence ermuntert hatte, im Freien «sur le motif» zu arbeiten, um auf Schwarz und Ocker zugunsten einer helleren Palette zu verzichten. Pissarro war der wichtigste Lehrmeister Cézannes, bei ihm hatte der neun Jahre jüngere Malerkollege 1872 in Pontoise bei Paris die Technik des Farbauftrags mit kleinen Farbtupfern und Pinselstrichen gelernt, wie sie von den Impressionisten weiter kultiviert wurde. Letztlich waren es Renoir und Pissarro, denen es gelang, Ambroise Vollard zur ersten Einzelausstellung Cézannes im Jahre 1895 in Paris zu gewinnen.
Zur Ausstellung, die rund 85 Ölbilder und über 50 Aquarelle vereinigt, erschien ein 408 Seiten starkes Katalogbuch im Hatje Cantz Verlag, das Fr. 45.- kostet und zahlreiche Originalbeiträge enthält.

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Cézanne und die Studentenschaft

Zürich / R.M. - 15 Mitglieder des VJSZ trafen sich letzten Donnerstag im Kunsthaus, um die Ausstellung: «Cézanne Unvollendet - Vollendet» zu besichtigen. Unter der sachkundigen Führung von Valérie Arato (Vorstandsmitglied im VJSZ und Mitarbeiterin des Kunsthauses Zürich) tauchten die Teilnehmer in die wunderbare Welt der Malerei ein, die so manchen Einblick in die Kunst eröffnete.