Lateinamerikaner kritisieren Israel

von Harald Neuber, January 15, 2009
Weltweit arten die Proteste gegen Israels Offensive im Gazastreifen aus: Nazivergleiche, antisemitische Parolen oder Hasstiraden. Aktionen dieser Art in Venezuela ziehen nun diplomatische Konsequenzen nach sich.
EMOTIONAL UND AGRESSIV Anti-Israel-Demonstration in Caracas

Die andauernde Militäraktion im Gazastreifen sorgt nicht nur in der arabischen Welt für Proteste. Auch in Lateinamerika provoziert die Operation «Gegossenes Blei» harsche Kritik an der israelischen Regierung. Am vehementesten trat der Militäraktion Venezuela entgegen: Am 6. Januar forderte sie den Botschafter Israels, Schlomo Cohen, auf, das südamerikanische Land binnen 72 Stunden zu verlassen. Gleiches gelte auch für die anderen israelischen Diplomaten, hiess es in einer Protestnote, die zeitgleich in der venezolanischen Presse erschien.
Die linksgerichtete Führung Venezuelas reagierte damit zum wiederholten Mal mit der Ausweisung von Diplomaten auf eine Militäraktion Israels. Schon während der Angriffe auf die schiitische Hizbollah-Miliz in Libanon hatte sie die Botschaftsbesatzung Israels des Landes verwiesen.
Der Präsident des Dachverbands der jüdischen Gemeinden Venezuelas, Abraham Levi, wandte sich gegen die Massnahme. Er sei «tief enttäuscht von der Entscheidung», sagte Levi, zumal sie in keiner Weise zu einer Lösung der schwierigen Lage im Nahen Osten beitrage.

Verbaler Schlagabtausch

In Israel wählte man weit schärfere Worte. Der Sprecher des Aussenministeriums in Jerusalem, Yigal Palmor, wollte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) nicht ausschliessen, dass seine Regierung im Gegenzug auch die Vertreter Venezuelas nach Hause schickt. «Wer sich mit Intriganten und Extremisten verbündet, ehrt sein Land nicht», so Palmor. Zugleich betonte er, dass Caracas keinen Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten erklärt habe. Venezuelas Präsident Hugo Chávez nutzte den Protest Jerusalems gegen die Ausweisung gegen Ende der Woche zu neuerlicher Kritik. Israel versuche, die internationale Meinung zu manipulieren, wenn es Venezuela ein Bündnis mit Terroristen vorwerfe: «Das Gleiche hat George W. Bush versucht, als er seinen Krieg gegen die Welt begonnen hat», sagte er in Bezug auf den sogenannten Kampf gegen den Terror der US-Regierung.
Ebenfalls am Freitag protestierten Tausende Anhänger der venezolanischen Regierung in Caracas gegen die andauernde israelische Militäraktion im Gazastreifen. Die Protestteilnehmer zogen vom Zentrum der Hauptstadt zur israelischen Botschaft im Wohnviertel Los Ruices. Obwohl das Botschaftsgelände unter starken Polizeischutz gestellt worden war, gelang es einigen Demonstranten, das Gebäude mit Schuhen zu bewerfen. Dabei sollen nach Angaben von Augenzeugen Fenster zu Bruch gegangen sein.

Wirtschaftsblockade gefordert

Der Sprecher des venezolanischen Forums für Bürgerbeteiligung, Indhu Anderi, forderte die südamerikanischen Staatenbündnisse ALBA und Mercosur auf, eine Wirtschaftsblockade gegen Israel zu verhängen. Zu Beginn des Protestmarsches hatte Venezuelas Aussenminister Nicolás Maduro nach Angaben der dpa während einer Kundgebung im historischen Zentrum der Hauptstadt Caracas skandiert: «Es lebe das palästinensische Volk! Nieder mit dem Staat Israel! Ins Gefängnis mit den Kriminellen!»
Venezuelas Regierung hatte zudem bekannt gegeben, 80 Tonnen Hilfsgüter in den Gazastreifen zu liefern. Eine staatliche Transportmaschine sei mit den Spenden und 30 Medizinern des südamerikanischen Landes in das umkämpfte Gebiet unterwegs. «Das ist das Mindeste, was wir tun können», so Aussenminister Maduro.
Mit seiner Kritik steht Venezuela in Südamerika nicht alleine. Auch die brasilianische Führung hatte 14 Tonnen Hilfsgüter in den Gazastreifen fliegen lassen. Zugleich reiste Brasiliens Aussenminister Celso Amorim vom 9. bis 11. Januar nach Israel, in die palästinensischen Gebiete, Syrien und Jordanien. Er wolle, sagte er vor dem Abflug, eine internationale Allianz gegen den Angriff errichten helfen.
Zuvor hatte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva mit einem harten Vergleich für Aufsehen gesorgt: In Anbetracht der hohen Zahlen ziviler Opfer der Bombardements im Gazastreifen verglich er das Vorgehen der israelischen Armee mit dem der deutschen Wehrmacht in den vierziger Jahren. Auch die Nazi-Armee habe als Reaktion auf Angriffe militärischer Gruppen in besetzten Gebieten Zivilisten ins Visier genommen, sagte der Präsident von Brasilien.