Lasst uns unsere Energie sinnvoller einsetzen
Doch es stellt sich erstens die Frage, was danach kommt, und zweitens, weshalb und wie es ihn abwählt. Letztlich geht es doch darum, dass wir schlussendlich alle Möglichkeiten gründlich abklären müssen, die uns einen Frieden mit den Palästinensern ermöglichen. Und da muss ich gleich einräumen: Auch wir, die Linken, haben uns lange Zeit Illusionen über die Forderungen der Palästinenser hingegeben. Das heisst aber nicht, dass man mit ihnen kein Abkommen aushandeln und Frieden erreichen kann. Genau so wie wir der palästinensischen Wirklichkeit ins Auge sehen müssen, sind auch sie mit der israelischen Realität konfroniert, und wir beide haben uns zu fragen: Was sind die Minimalbedingungen für ein Leben in Harmonie? Ein grosser Teil der Wähler hat gegen den Politiker Barak und nicht gegen den Frieden protestiert. Es ist durchaus möglich, dass das Versagen Baraks dem Friedensprozess einen hohen Preis abverlangen wird. Es wäre legitim und richtig gewesen, Peres statt Barak ins Rennen zu schicken. Wenn aber zwei Kandidaten der Linken und des Friedenslagers kandidiert hätten, wäre es zu einem internen Kampf gekommen. Wir haben ja gesehen, wie giftig das Klima zwischen den beiden war, obwohl sie nicht gegeneinander antraten. Um wie viel heftiger wäre das Partei-«Derby» ausgefallen, wenn Peres und Barak tatsächlich gegeneinander angetreten wären. Gleichzeitig hätten die Palästinenser die Doppelkandidatur ausgenutzt, um bei den Verhandlungen den einen gegen den anderen auszuspielen. Das hätte dem Friedenslager geschadet. Und deshalb haben wir uns dafür ausgesprochen, dass nur ein Kandidat gegen Ariel Scharon antritt. Auch im Rückblick muss ich sagen: Da Peres die besseren Chancen hatte, hätte Barak ihm eigentlich den Platz räumen sollen. Denn die Antwort des israelischen Wählers interpretiere ich auch als Verdikt gegen Barak. In den letzten zwei Wochen vor den Wahlen, als er sah, dass er nicht gewinnen kann, hätte er deshalb verzichten müssen, zugunsten von Peres. Das Büro des Regierungschefs ist ja nicht der private Tummelplatz von Barak. Doch wir sollten uns nichts vormachen: Es ist sehr gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass auch Peres die Wahl verloren hätte.
Wenn man die Meinungen der Sharon-Wähler genau analysiert, sieht man, dass viele zu weitgehenden Konzessionen bereit sind. Es ging ihnen bei der Wahl nicht so sehr um den Inhalt des Friedens oder um den Friedensprozess, sondern um das Vertrauen, das die Leute den Politikern an der Spitze der Regierung entgegenbringen. Deshalb habe ich von Anfang an gesagt, schon nach der Wahl von Benjamin Netanjahu und von Ehud Barak: Den Sechs-Tage-Krieg haben wir zusammen begonnen. Wir können nicht anders, als ihn auch zusammen beenden. Das lässt sich nicht ändern. Ohne Engagement des ganzen Volkes lässt sich der Konflikt nicht lösen. Sektorielles Denken, das bei uns so en vogue ist, hilft da nicht weiter. Wir müssen das Problem zusammen und gemeinsam angehen.
Die Arbeiterpartei sollte deshalb das Angebot von Arik Sharon prüfen. Sie sollte freilich nicht um jeden Preis in die Regierung Sharon eintreten, sondern nur unter der Voraussetzung, dass Sharon im Friedensprozess weiter machen will. Denn es kann natürlich nicht darum gehen, Arik Sharon einen Deckmantel für eine Politik zu geben, die im Gegensatz zu den Überzeugungen des Friedenslagers ist. Doch ich glaube dem Wahlversprechen Schrons, er werde den Frieden bringen. Er begreift, dass das Volk den Frieden will, dringend die Trennung von den Palästinensern anstrebt. Aus dieser Sicht will das Publikum dem Konflikt mit Verhandlungen ein Ende setzen, denn er beginnt alle Bereiche des Lebens zu stören und durcheinanderzubringen. So viele wichtige Dingen bleiben bei uns liegen, weil unsere Energie für diesen Konflikt aufgezehrt wird. Es ist an der Zeit, unsere Energie nicht mehr für den Streit mit den Palästinensern zu verschwenden, wie wir das seit vielen Jahrzehnten tun. Auf den individuellen Ebenen wird es zwar immer Palästinenser geben, die auf ein Haus in Jaffo oder in Haifa weisen und sagen: Das gehört mir und meiner Familie. Kein Vertrag mit den Palästinensern, auch wenn er noch so entgegenkommend ist, kann diese individuellen Probleme lösen. Doch der nationale Konflikt zwischen uns und den Palästinensern lässt sich durchaus beilegen - die Verhandlungen in Camp David und in Taba haben den Weg gezeigt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Palästinenser als Nation ein für allemal auf das Recht auf Rückkehr nach Israel verzichten.