«Lasst euch nicht einschüchtern!»

von Ralph Giordano, October 9, 2008
Ralph Giordano blickt im folgenden Essay für die JR auf die Entwicklung Deutschlands seit der Wiedervereinigung zurück. Giordano - der ein scharfer Beobachter der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in der BRD ist und als moralische Stimme allseits wahrgenommen wird - wurde 1923 in Hamburg geboren. Der jüdischen Mutter wegen fiel die Familie in Hitler-Deutschland unter die Rassengesetze - Entrechtung, Schulverweisung, Gestapoverhöre, Illegalität. Seit der Befreiung am 4. Mai 1945 arbeitet er als Journalist, Fernsehdokumentarist und Schriftsteller (u.a. «Die Bertinis», «Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte», «Die zweite Schuld oder Von der Last, Deutscher zu sein», «Israel um Himmels Willen Israel»).
Feier vor dem neurenoveriten Reichstag: «Zusammenführen, was zusammengehört». - Foto BA

Erinnern wir uns - 1991/92: Über das eben wiedervereinte Deutschland raste ein wahrer Flächenbrand des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit, mit einer geradezu inflationären Dimension von Straftaten jeglicher Form: Männer, Frauen und Kinder wurden krankenhausreif geschlagen, mit Stichwaffen angefallen, lebensgefährlich verletzt und getötet. Ihre Heime wurden belagert und ihre Autos in Brand gesteckt, Fliehende gesteinigt, mit Flaschen beworfen, mit Gaspistolen ausser Gefecht gesetzt oder mit scharfer Munition beschossen. Maskierte schlugen mit Eisenstangen Türen und Fenster ein, brachen Menschen Knochen, renkten ihnen Finger aus oder warfen sie auf Bahngeleise. Der abgefackelte Ausländerblock von Rostock-Lichtenhagen - der Feuertod der fünf Türkinnen in Solingen - die Hausruine von Mölln, nachdem dahinter drei Menschen verbrannt waren...
Und während die Schreckensbilder des rechten Terrors aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts noch in unserer unverblassten Vorstellung sind, da geht es zu Beginn des neuen Jahrhunderts bzw. Jahrtausends schon wieder los!
Nicht, dass es inzwischen ruhig gewesen wäre, keine Missverständnisse! Die Gewalt gegen Fremde hatte sich einfach so tief in den deutschen Alltag integriert, dass von ihr überhaupt nur noch bei besonders herausragenden Scheusslichkeiten Notiz genommen wurde. Dann aber brach die Schaumkrone des rechten Terrors wieder mit solcher Wucht über dem Kopf der Gesellschaft zusammen, dass Vertuschung und «business as usual» nicht mehr ging.
Kanaillen in Springerstiefeln und Schlägertypen in Bomberjacken dürfen sich in «National befreiten Zonen» und «Ausländerreinen Gebieten» zu Herrschern anscheinend rechtsfreier Zonen ausrufen; Geschichtsignoranten, die vielleicht gerade noch «Führers» Geburtstag und das Todesdatum seines Stellvertretes Rudolf Hess in ihren Leerbirnen gespeichert haben, recken NS-Embleme hoch und glatzköpfige Schlagetots, Höllengestalten wie der Phantasie eines Edgar Allan Poe oder Dante Alighieri entsprungen, brüllen mit entgleisten Visagen «Heil Hitler» in die Kameras. Sie überfallen im Deutschland des Jahres 2000 Heime schwerbehinderter Asylanwärter, so in Sachsen; verletzen in Ludwigshafen-Oppau bei einem Brandanschlag eine Familie aus dem Kosovo schwer; ermorden in Dessau den Mosambikaner Alberto Adriano, Vater von drei Kindern, stossen in Düsseldorf einen Griechen vor die S-Bahn und trampeln auf der Insel Usedom einen Wohnungslosen zu Tode - winziger Ausschnitt aus einem endlosen Katalog alltäglicher Schande.
Was ist da alles notorisch verdrängt, unterschlagen und verharmlost worden, dass 55 Jahre nach dem Untergang des Dritten Reiches festgestellt werden muss: Hitler ist militärisch, nicht aber auch schon geistig - oder besser ungeistig - geschlagen!

Wo leben wir denn? Jetzt, erst jetzt, wird «Mordio!» und «Haltet den Dieb!» gerufen; jetzt, erst jetzt, da über 90 Ermordete neben vielen Hunderten von verletzten Fremden und Behinderten zu beklagen sind und jeder weitere Tag die Horrorziffern hochtreibt, geht es in Deutschland zu wie in einem aufgescheuchten Hühnerstall; jetzt, erst jetzt, wird mit Stentorstimme nach Gegenwehr und Bürgermut gerufen.
Warum so spät? Wo, um Himmels Willen, war denn die ganze Zeit über jenes Gewaltmonopol des Staates, auf das sich sonst doch gerade dieses Land so viel zugute hält? Wieso bedurfte es einer erneuten Kette von Mord und Totschlag, Menschenjagd und Feueranschlägen, ehe dieses Monopol sich zu regen beginnt? So war es doch höchst präsent gegen den Feind von links (oder was dafür gehalten wurde): Gegen die Gegner des Baues von Atomkraftwerken; gegen den Protest neuer Flugstart- und -landebahnen; gegen die Blockade von Atommülltransporten oder die Aufstellung von Atomwaffen auf deutschem Boden – da war es doch da, das staatliche Gewaltmonopol, und zwar zu Wasser, zu Lande und in der Luft! Gar nicht zu reden von seiner Dynamik gegen den mörderischen Terror der Rote-Armee-Fraktion, als die gegen Repräsentanten von Politik und Wirtschaft wütete. Da hagelte es nur so von Massnahmen: Mit § 129a StGB (Bildung terroristischer Vereinigungen) und Rasterfahndung; der so genannten Kronzeugenregelung und dem Kontaktsperrgesetz; dem Ausbau des Bundeskriminalamtes, allgegenwärtigen Polizeikontrollen, der Einschaltung des Bundesgrenzschutzes, beispiellos aufgerüsteter Legislative und Exekutive, bis hin zu Überlegungen, zur Bekämpfung des Linksterrors demokratische Grundrechte einzuschränken oder sie gar aufzuheben. Und all das, obschon der keinerlei Rückhalt in der Bevölkerung hatte.
Dies ganz im Gegensatz zu einem Feind, dessen geschlossen rechtsextremistisches Weltbild allen demoskopischen Umfragen nach höchst dauerhaft von etwa einem Siebtel der Bevölkerung, das sind 13 bis 14%, geteilt wird, und mit dem dennoch selten anders umgegangen worden ist, als wie man mit ungezogenen Verwandten umzugehen pflegt.
Bravo deshalb, wenn die Organe des Staates, so angekündigt und punktuell auch erkennbar, gegen die Gewalttäter an der Front des Fremdenhasses energischer vorgehen! Bravo, wenn damit signalisiert werden soll: Wer in Deutschland seine fremdenfeindliche Hand gegen Menschen erhebt, sie durch die Strassen hetzt, sie schlägt, verwundet oder tötet, gehört langjährig oder für immer hinter Gitter! Weder fehlende Liebe an der Mutterbrust, noch Arbeitslosigkeit, noch der Mangel an Jugendklubs machen aus fremdenfeindlicher Gewalt etwas anderes als Gesetzesbruch, Mordversuch oder Mord - basta! Wo ist die «fliegende Eingreiftruppe», die so rasch wie möglich zur Stelle zu sein hat, wenn angesichts gewaltbereiter Skins zivile Gegenwehr nur schwer aufkommen kann? Her damit - und das flächendeckend!
Aber natürlich -, Justiz, staatliche Eingriffe allein genügen nicht, um die neubraune Pest zu entmachten. Sie müssen vielmehr flankiert werden von sozialen und erzieherischen Massnahmen, müssen auf ein weitverzweigtes Netz ziviler Anstrengungen zurückgreifen können und begleitet sein von ernsthafter, früh beginnender Aufklärung über den Charakter der NS-Ära, deren Propagierung sich der deutsche Rechtsextremismus permanent, jedoch meist folgenlos, gegen Grundgesetz und eindeutige Paragraphen schuldig macht.
Die Situation hätte sich also schleunigst umzukehren: Nicht die Fremden, ihre deutschen Bedroher müssten zu Risikoträgern werden, zu Geächteten, zu Verfemten, wo immer die Politgangster samt ihren Hintermännern und dunklen Finanzmäzenen das Wagnis ihres öffentlichen Auftritts eingehen. Vor allem aber muss ein nahezu kollektiver Zustand aufgehoben werden, der die Gewalttäter überhaupt erst ermutigt, so aufzutreten, wie sie es tun: Die Vorherrschaft der Einschüchterung!
Dafür ein Beispiel, stattgefunden in der belebten Fussgängerzone einer westdeutschen Grossstadt, doch austauschbar gegen Vorfälle ähnlicher Art überall anderswo auch. Am hellichten Tag greifen sich aus einer Menschenschlange vor einem Eisladen drei Skins ein dunkelhäutiges Mädchen heraus, belästigen es erst, um es dann, als es sich schüchtern wehrt, krankenhausreif zu prügeln. Dabei tun hundert Augenpaare so, als wenn sie nichts sähen. Während das Mädchen am Boden liegt, ziehen die Täter unter Schmährufen unbehelligt davon.
Nun halte ich die Deutschen von heute in ihrer Mehrheit für nicht so verkommen, dass sie dem Mädchen nicht helfen wollten. Ich bin sicher, sie wollten ihm helfen, taten es aber trotzdem nicht. Warum nicht? Weil sie fürchteten, dann das zweite Opfer zu werden. Und sie fürchteten es ganz zu recht, konnten sie sich doch der Solidarität ihrer Mitpassanten nicht gewiss sein!
Da war es wieder, das eigentliche, das zentrale Übel: Die Vorherrschaft der Einschüchterung!
Dabei - wo Gegenwehr geleistet wird, ziehen die Feiglinge die Schwänze ein. Es ist noch nicht lange her, da wurde ich aus Berlin von einem Freund angerufen, der gerade Augenzeuge solchen Widerstands gewesen war und mir nun freudig erregt davon berichtete: Zwei Skins treiben in der S-Bahn einen Ausländer mit Schlägen und Tritten durch den Wagen. Da ruft, nein, schreit eine Frau: «Nein, nein, nein! Wollen wir anderen wieder so tun, als würden wir nichts sehen und nichts hören? Soll morgen wieder in der Zeitung stehen: Ausländer verprügelt, Deutsche aber blind und taub? Lasst uns diesen Banditen das Handwerk legen!»
«An der nächsten Station», so der Freund am andern Ende der Leitung, «hatten die Gewalttäter nichts Eiligeres zu tun, als den Zug zu verlassen.»Es gibt sie also - Bundesgenossenschaft, Gegenwut, ein imperatives «Tu was!»
So die Hamburger Schülerinnen und Schüler, die sich ein Herz genommen und dann gefragt haben: «Oma, erzählt doch mal von früher», nämlich aus der Nazizeit. Auf einem anderen Gymnasium der Hansestadt wurde der Biographie einer tapferen Frau des Stadtteils nachgegangen, die in Verbindung mit der Münchner Widerstandsgruppe «Weisse Rose» der Geschwister Scholl stand; im Bürgerhaus von Hamburg-Wilhelmsburg veranstalteten Mädchen und Jungen ein Rockkonzert «Gegen rechte Gewalt»; während der Altonaer Aktionstage «Freundschaft macht Schule» engagierten sich Schülerinnen und Schüler gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit; und in einem Vorort der Elbestadt forschten 14-, 15-Jährige aus eigenem Antrieb im Leben einer Frau, nach der eine lokale Strasse benannt worden war, und von der sie herausbekommen hatten, dass die so Geehrte eine von 13 ermordeten weiblichen Insassen des nahen Konzentrationslagers Neuengamme war.
Das sind nur einige Beispiele der Projekte und Aktionen, für die Hamburger Schülerinnen und Schüler in den Jahren 1998 und 1999 den «Bertini-Preis» überreicht wurde. Sie haben sein Motto «Lasst euch nicht einschüchtern!» ernst genommen, haben über Rhetorik hinaus etwas getan, sind Unrecht, Ausgrenzung und Gewalt entgegengetreten, diese jungen Deutschen.
Das erfüllt mich, gestehe ich, mit Stolz. Nicht nur, weil ich mit meiner Hamburger Familien- und Verfolgten-Saga «Die Bertinis» der Namensgeber des Preises bin, sondern seine Devise zu Taten geworden ist, zu Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit, zu Wärme, Schutz und Kampfbereitschaft.
Nur müssen diese Tugenden endlich obsiegen, muss die Abwehr gegen rechte Gewalt ihren kampagnehaften Charakter verlieren und zum Allgemeingut werden - wenn die demokratische Republik, der demokratische Verfassungsstaat sich ihr Antlitz nicht länger entstellen lassen wollen.Gewiss, Rassismus, Antisemitismus, Fremdenhass - auf diese Synonyme für Menschenfeindlichkeit ist Deutschland nicht allein abonniert. Aber wenn sie hier praktiziert werden, zwischen Rhein und Oder, und dazu noch so inflationär wie gegenwärtig, dann zeigt sich eben doch ein deutsches Spezifikum: dass nämlich das Erinnerungsvermögen des ehemals besetzten Europa mit seinem Codewort Auschwitz unter einer sehr, sehr dünnen Decke liegt... Ganz leicht kann das nicht sein für heutige Deutsche, deren überwältigende Mehrheit de jure und de facto, politisch und historisch ohne jede Schuld an den Jahren 1933-1945 ist, sich gleichwohl jedoch immer wieder zur posthumen Verantwortung ihres Umgangs mit jener Epoche der deutschen Geschichte befragen lassen muss.
Da sollten Gerechtigkeits- und Klarsinn versucht werden - auch wenn die Zeichen derzeit zweifellos auf Sturm stehen.
In letzter Zeit werden mir immer wieder zwei Fragen gestellt. Die eine lautet: «Wird Deutschland wieder gefährlich?»
Ich antworte darauf: «Nein, es ist gerade umgekehrt: Eine unheilige Allianz aus schwächlicher Demokratie und mangelnder Zivilcourage droht Deutschland wieder gefährlich zu werden.»
Aber so beängstigend schon die erste Frage ist, die zweite, gestellt von Überlebenden des Holocaust und von zurückgekehrten Emigranten, erschüttert mich noch mehr: «Können wir denn bleiben? Oder müssen wir wieder unsere Koffer packen?»
Meine Antwort darauf, wohl wissend, dass es eben eine sehr persönliche ist: «Ich hoffe, meinen Freunden und meinen Feinden noch lange erhalten zu bleiben - hier, in Deutschland.»